Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Ein Name wie ein Klingelton

Von Chritoph Hardt, Handelsblatt
Toll Collect versucht so etwas wie einen Neuanfang. Die beiden Konzernmütter haben die Führungsspitze umgekrempelt, Peter Mihatsch soll der Mann sein, der künftig als Chef des Kontrollgremiums ?Advisory Council? die Fäden in der Hand hält und aufräumt.
DÜSSELDORF. Alles wird gut?, sagte der Mann von Toll Collect am Potsdamer Platz in Berlin vor ein paar Tagen. Spätestens da war klar, wie ernst es um das Maut-Konsortium steht. Bald darauf musste der Start der LKW-Maut ein weiteres Mal verschoben werden, die Mutterkonzerne von Toll Collect, Daimler-Chrysler und Deutsche Telekom, waren drauf und dran, sich zum Gespött der Nation zu machen.Mihatsch, in der Branche ist das ein Name wie ein Klingelton: der große Gegenspieler der Deutschen Telekom, der Mann, der D2 fast aus dem Nichts groß gemacht hat und der dann, gleichsam über Nacht, Abschied nahm von Mannesmann, aus dem Feld geschlagen von Klaus Esser, dem Widersacher.

Die besten Jobs von allen

Seit 1998 hat er sich auf vielen Feldern versucht, war politischer Berater in Baden-Württemberg, Vorstand im Hause Kirch, sammelte Aufsichtsratsposten. Und doch begann der Name allmählich zu verblassen. Vor gut einem Monat dann hat Mihatsch sich entschlossen, noch einmal ein Spiel zu wagen, und hat eine neue Karriere gestartet. Die fünfte, die sechste? Erst war er nur Berater, jetzt ist er als Chef des Advisory Councils der Kopf der Toll Collect GmbH. Es heißt, er werde nicht ins Tagesgeschäft eingreifen. Aber wer Mihatsch kennt, der weiß, dass künftig kaum eine wichtige Entscheidung an ihm vorbeigehen dürfte.Kein Zweifel, die Führungsetage des Mautbetreibers hat gebebt, die Erschütterungen waren noch in Bonn und Stuttgart zu spüren, die Dominanz der Daimler-Leute bei Toll Collect, sie scheint gebrochen. Geschäftsführer und Daimler-Manager Michael Rummel, der bisher als ?Mister Toll Collect? behandelt wurde, verliert seinen Job. Am 16. Dezember folgt ihm sein Mentor und Beschützer Klaus Mangold, Daimler-Vorstand und bisheriger Chef des Advisory Councils von Toll Collect. Zwar war klar, dass Mangold zu diesem Termin den Konzern verlassen würde. Dennoch: Da Rummel und Mangold immer die lautstarke Vorhut der Maut-Lobby bildeten, endet mit ihrem Abgang bei Toll Collect jetzt schon eine Ära.Peter Mihatsch aber, der Mann, den sie einmal ?Mister Handy? genannt haben, startet mitten im Schlamassel. Denn zu den technischen Problemen kommen die organisatorischen Verwerfungen hinzu. Das Verhältnis zwischen den Partnern Daimler, Telekom und Cofiroute gilt als angespannt, unter den Zulieferern heißt es, von Projektmanagement könne ?eigentlich nicht die Rede sein?. Doch gerade in dieser Situation könnte Troubleshooter Mihatsch Gold wert sein: ?Der ist unabhängig, lässt sich keinem Lager zuordnen?, heißt es in Branchenkreisen.Mihatsch, 62, braucht sich und anderen nicht mehr zu beweisen, was er kann; technisch kann ihm kaum einer etwas vormachen. Er war es, der dem guten alten Mannesmann-Konzern vor 15 Jahren überhaupt erst das Mobilfunk-Geschäft schmackhaft gemacht hatte. Und als Projektmanager hat er mit D2 gezeigt, dass es einmal möglich war, in kurzer Zeit fast aus dem Nichts einen schlagkräftigen Telefonkonzern mit mehr als 5 000 Mitarbeitern aufzubauen.Aus der Branche heißt es nun, Mihatsch werde bei Toll Collect als Klammer gebraucht, er müsse die unterschiedlichen Kulturen von Daimler und der Telekom im Konsortium miteinander verbinden, um sie möglichst zu versöhnen. Das wiederum dürfte dann auch für Mihatsch zur echten Aufgabe werden. Denn bis heute heißt es im Kollegenkreis, dass es mitunter kühl geworden sei, wenn der als streng und sehr diszipliniert geltende Mihatsch morgens den Fahrstuhl im Mannesmann-Haus betreten habe. Und mögen gute Bekannte auch sagen, er sei viel ruhiger geworden mit den Jahren, der Mann kann doch immer noch aus der Haut fahren. Wehe, wenn er die Backen aufbläst. Einen Fehler verzeiht er.So wird sich im Hause Toll Collect auch das Klima wandeln. Denn mit Mihatsch und dem von Viag Interkom gekommenen COO Burghardt Ziermann geben zwei erfahrene Telekom-Leute den Ton an. Das dürfte man bald auch hören. Im Gegensatz zum Lautsprecher Mangold pflegt Techniker Mihatsch eher den bescheidenen Auftritt. Den hat Toll Collect auch bitter nötig, nach den vielen halbstarken Erfolgsmeldungen ist die Glaubwürdigkeit des Maut-Betreibers erschüttert.Als unternehmerisches Vorbild nennt der Mann, der sich am Beginn seiner Laufbahn einmal mit der Grundlagen-Physik beschäftigt hat, den langjährigen amerikanischen ITT-Chef Harold S. Geneen. Der hatte den Elektrokonzern mit einem fast kleinlichen Berichts- und Planungssystem an die Weltspitze geführt. Genau diese Art von naturwissenschaftlich geprägter Genauigkeit im Detail braucht Toll Collect. Die Zeit der Sprücheklopfer ist vorbei, jetzt heißt es, hart, präzise und vor allem schnell zu arbeiten.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.10.2003