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Ein Name, der verpflichtet

Von Oliver Stock
Nicolas Berggruen, Kunstsammler und Investor, geht unter die Möbelhändler. Er kauft die lukrativen Teile der zusammengebrochenen Schieder-Gruppe.
ZÜRICH. Seit dieser Woche ist er es nicht mehr. Seit dieser Woche ist Nicolas Berggruen in Deutschland nicht mehr vor allem der Sohn des berühmten Kunstsammlers und Mäzens Heinz Berggruen, sondern er ist auch hierzulande ein Investor: Er steckt sein Geld in Unternehmen, von denen er glaubt, dass sie mehr abwerfen, als sie zunächst gekostet haben. Von der Möbelbranche allgemein hat Berggruen diesen Eindruck nicht unbedingt, von einzelnen Firmen aber schon.Deswegen hat er jetzt zugegriffen. Berggruens Investmentgesellschaft, die Berggruen Holdings LTD, ist der neue Besitzer mehrerer ausländischer Tochterfirmen des zusammengebrochenen deutschen Möbelimperiums Schieder. "Wir investieren nur in etwas, was wir noch aufbauen können", sagt Berggruen und verbreitet damit Optimismus. "Wir werden niemals Geld ausgeben und dann nichts daraus machen. Investitionen", fügt er hinzu, "verpflichten."

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Am Wochenende hat Berggruen den Vertrag mit dem Schieder-Insolvenzverwalter über den Kauf der Liechtensteiner IMS und der österreichischen SEH, beides Schieder-Töchter, unterzeichnet. Das Closing steht noch bevor. Geschätzte 50 Millionen Euro hat Berggruen ausgegeben. Nicht viel für einen, der gewohnt ist, Firmen zu kaufen wie andere Leute ein neues Hemd. Mehr als ein Dutzend hat seine Holding inzwischen zusammen.Oder sind es vielleicht schon 20? Berggruen zuckt mit den Schultern. So genau weiß er das nun auch nicht. Rund eine Milliarde Dollar verwaltet seine Holding. Immobilien, Aktien und andere Formen der Unternehmensbeteiligungen sind darunter. Egal. Für 3600 der 11 000 Schieder-Mitarbeiter ist der Verkauf eine gute Nachricht. Ihr Arbeitsplatz ist jedenfalls sicherer als vorher.Falls sie ihrem neuen Chef mal begegnen, werden sie ihn nicht unbedingt erkennen. Dunkle Haare, die machen, was sie wollen, einen - sagen wir - Sieben-Tage-Bart, eine energische Falte über der Nasenwurzel, schmale Figur: Nicolas Berggruen ist keiner dieser glatten Finanztypen, die in Zürich, London, New York oder Singapur überall die gleiche Figur abgeben. Der 46-Jährige ist ein Individualist mit eigenen Plänen. Auch seine engsten Mitarbeiter wissen nie so genau, wo sie nach ihm suchen sollen, wenn sie ihn erreichen wollen. Den Schieder-Deal, den seine Mitarbeiter in Deutschland vorbereitet haben, hat er letztlich am Telefon abgeschlossen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Berlin, Istanbul, Bombay - zu Hause bin ich überall""Berlin, Istanbul, Bombay - zu Hause bin ich überall", sagt Berggruen in seinem amerikanisch gefärbten Deutsch, in dem er viele Redewendungen übersetzt, was dann ein bisschen ungewohnt klingt. "Die Wahrheit ist", lautet eine dieser Übersetzungen. "Die Wahrheit ist, ich habe überall Büros und deswegen auch einen Grund, dahin zu fahren." In Berlin residiert die Berggruen Holdings in der Wilhelmstraße. Dort, wo einmal die Reichskanzlei stand, in der Entscheidungen getroffen wurden, die für die Familie Berggruen der unfreiwillige Ausgangspunkt ihres Weltbürgerdaseins wurden.Vater Heinz Berggruen, der aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammte, emigrierte 1936 in die USA. Im guten Sinne sind die Berggruens seither Kosmopoliten. In manchen Augenblicken dürfte sich aber auch Nicolas Berggruen wie ein Heimatloser vorkommen. Sein Vater, der jüngst verstorbene Kunstsammler, sei im Vergleich geradezu sesshaft gewesen, sagt der Sohn. Immerhin hatte der Senior zwar in seinem Leben viele Stationen von Berlin über San Francisco, Paris und seit 1996 wieder Berlin aufgesucht, aber jede glich einer Lebensphase. Der Sohn dagegen kennt nur das Herumreisen.Der Vater war erst Sammler, dann Händler. Der Sohn ist zuallererst Händler, inzwischen sammelt er aber auch Firmen wie jetzt die Schieder-Töchter IMS und SEH und Kunst mit Werken von Andy Warhol bis Damien Hirst. Berggruen junior trennt jedoch beide Aktivitäten scharf: "Investments sind Investments", sagt er. "Kunst ist Kunst." Zumindest beim zweiten Thema geht es ihm nicht nur ums Geldverdienen. "Am Ende des Tages", stellt er in schönster Übersetzung aus dem Englischen fest, "gehört die Kunst der Welt und nicht mir." Deswegen ist er dabei, das Museum des Vaters in Berlin zu erweitern, und deswegen hat er auch das legendäre Café Moskau an der Berliner Karl-Marx-Allee gekauft.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Er spricht gern über KunstEr spricht gern über Kunst. Heute aber geht es ums Geschäft. Ist Berggruen eine Art Heuschrecke? Was kommt auf die beiden Schieder-Töchter zu, die bisher als Ertragsperlen in dem maroden, durch Bilanzfälschungen in die Pleite gerutschten deutschen Konzern galten? Wird der Kunstsammler zum Möbelhändler, oder holt er sich Hilfe?"Die Wahrheit ist, wenn wir es allein machen, fällt uns vieles leichter", sagt Berggruen. Er beschreibt so seine Strategie, sich einem Thema ganz oder gar nicht zu widmen. Er sei weniger ein Händler als vielmehr ein Eigentümer, der seinen Besitz langfristig entwickeln wolle.Dieses von Finanzinvestoren immer wieder gegebene Versprechen, das oft je nach Marktlage gebrochen oder gehalten wird, nehmen ihm seine Verhandlungspartner bei Schieder immerhin ab. "Wir gehen davon aus, dass jetzt nicht das große Reinemachen beginnt", sagte Insolvenzverwalter Sven-Holger Undritz gestern. Und nein, eine Heuschrecke habe er sich da nicht ins Haus geholt, glaubt IMS-Manager Thomas Fox. Beide sind vor allem über eines erleichtert: Der Pleitegeier, der auch über den Tochterfirmen kreiste, ist abgezogen. Die Gläubiger haben lange genug stillgehalten, um den Verkauf zu ermöglichen. Berggruen werde jetzt IMS und SEH zu einer Gruppe zusammenschweißen und vor allem im deutschen Markt expandieren, wo die Pleite von Schieder ein Vakuum hinterlassen habe. Möglicherweise, so kündigt Berggruen selbst an, werde er in Europa weitere Firmen aus der Möbelbranche kaufen.Dann schweigt Berggruen für einen Augenblick. Der Gedanke, unter die Möbelhändler gegangen zu sein, muss sich auch bei ihm erst setzen. Er sucht nach einer Verbindung zu dem, was bisher sein Metier war. "Der Name Berggruen", sagt er, und es klingt, als wende er sich an die Schieder-Mitarbeiter, "verpflichtet. Nicht nur kulturell, sondern auch sozial."Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Nicolas BerggruenVita von Nicolas Berggruen1961 wird er in Berlin als dritter Sohn des jüngst verstorbenen Kunstsammlers und Mäzens Heinz Berggruen und dessen zweiter Frau Bettina Moissi geboren. Nicolas Berggruen wächst in Paris auf, studiert an der L'Ecole Alsacienne und macht seinen BA-Abschluss in Finanzen und internationalem Geschäft 1981 an der New York University.1984 gründet er die Berggruen Holdings, wo er sein weltweites Beteiligungsgeschäft bündelt. Später kauft er besondere architektonische Schmuckstücke in Berlin, wie die Sarotti-Höfe in Kreuzberg.2007 tritt er im Sommer erstmals öffentlich als Vorsitzender des neuen Fördervereins des Museums Berggruen in Berlin auf, zu dem auch seine Mutter Bettina und zwei seiner Geschwister gehören. Sie wollen das Familienerbe an Werken der klassischen Moderne - mit 60 Bildern von Pablo Picasso - der Stadt überlassen und in einen Erweiterungsbau einbringen, der 2008 eröffnet werden soll.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.10.2007