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Ein Monopolist ohne Neider

Von Peter Brors, Handelsblatt
Andreas Beyers VEM hat Firmen per Internet an die Börse gebracht. VEM hat die Krise gemeistert, die Firma lebt. Sie bezahlt zehn Mitarbeiter, heißt inzwischen nicht mehr Virtuelles Emissionshaus, sondern VEM Aktienbank und beschäftigt sich jetzt mit eher profanen Dingen.
MÜNCHEN. Zu diesem Bild passt auch der dunkle Anzug, den er auf seinen leicht herabhängenden Schultern trägt und in dem er so steif aussieht, als habe er ihn an diesem Tag erstmals am Leib, in aller Eile gekauft, gerade noch rechtzeitig vor dem Abi-Abschlussball. Doch wer glaubt, dass Beyer einer ist, der noch vor dem Einstieg in sein Berufsleben steht und darüber nachdenkt, wie man richtig Karriere macht, der irrt: Über den jungenhaften Manager hat schon ?Börse Online? berichtet, die britische ?Times? und sogar ?Business Week?. Die Blätter haben Beyer, 35, als einen Banker beschrieben, der in Deutschland als Erster Börsengänge ganz neu, weil virtuell über das Internet organisierte. Sie haben ihn deshalb respektvoll ?einen Pionier der New Economy? genannt, einen Vordenker mit immer neuen Ideen.Er selbst sagt: ?Anfangs haben viele Kunden gedacht: Was kommt denn da für ein junger Bursche daher. Der will Unternehmer sein, Banker noch dazu und unseren Börsengang durchziehen? Den nehmen wir doch gar nicht ernst?, erinnert er sich. ?Doch nachdem wir beim Going-Public von Endemann, Metabox und vielen anderen einstigen Neuer-Markt-Unternehmen dabei waren, hat sich das geändert.?

Die besten Jobs von allen

Bei der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre ist sein Ruf sauber: ?Über Beyers Unternehmen VEM sind uns nie Klagen bekannt geworden.? Und bei der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz heißt es: ?Während des Booms der New Economy haben virtuelle Emissionshäuser wie VEM eine besondere Rolle gespielt, weil die Kleinanleger bei den Zuteilungen alle gleich behandelt wurden?, erinnert sich ein Sprecher. Und fragt dann: ?Was ist aus VEM eigentlich geworden??Ja was eigentlich? Wer sehen will, was bei Andreas Beyer aus den Zeiten der New Economy noch übrig ist, der muss dem Chef über eine düstere Wendeltreppe in den zweiten Stock eines schlichten Bürogebäudes in der Nähe des Münchener Viktualienmarkts folgen. Hier, in einem fensterlosen, vielleicht 20 Quadratmeter großen Raum, verrichtet zwischen ausrangierten Schreibtischlampen und PC-Ersatzteilen noch immer der Server des Unternehmens an 365 Tagen im Jahr seinen Dienst ? und das, obwohl den kaum jemand in Anspruch nimmt. ?In den Hochzeiten des Börsenbooms hatten wir hier 15 000 Zugriffe pro Sekunde, heute hat sich das Geschäft weitgehend erledigt?, sagt Beyer und hebt die dünne Stimme, um gegen das stete Brummen der Klimaanlage anzureden. ?Abschalten können wir den Rechner aber nicht. Theoretisch könnten unsere Kunden ja noch immer auf die Idee kommen und ihren Kontostand abfragen.?Ein Büro weiter sieht es nicht lebhafter aus. Das einstige Call-Center des Unternehmens besteht aus sechs leeren Schreibtischen und zwei Schrankwänden mit Aktenordnern. Das Dutzend junger Damen, das früher die Kundschaft telefonisch betreute und auch schon mal die Belegschaft bekochte, musste Beyer entlassen: ?Mit vielen war ich per Du, die Trennungen waren deshalb doppelt bitter, aber unvermeidbar.?Tatsächlich ist Beyers Geschäftsmodell der virtuellen Emission ? vor fünf, sechs Jahren der letzte Schrei ? heute Geschichte. ?Virtuell? gilt nach dem Platzen der Internet-Blase im Geschäftsleben fast schon als unanständiges Wort. Hinzu kommt, dass die Dienstleistung Börsengang im laufenden Jahr in diesem Land noch niemand nachgefragt hat. ?Unsere Wettbewerber wie ,Net.IPO? oder ,kjd online? sind allesamt verschwunden, unsere Kunden aber leider auch?, sagt Beyer ? ein Monopolist, dem niemand mehr seine einzigartige Stellung neidet. Sein letzter großer Emissionsauftrag, der Börsengang der Beate- Uhse-Tochter Erotic Media, liegt schon ein gutes Jahr zurück.Als er an diesem sonnigen Novembermorgen über die Büroflure läuft und an die alten Zeiten denkt, kommen bei ihm ?gemischte Gefühle? hoch. Schöne Erinnerungen sind dabei; als er Studenten fast von der Straße weg anheuerte, sie auf den Gängen platzierte, weil er keine Büros mehr frei hatte; als er binnen 24 Stunden halb Europa bereiste, in Stockholm war, in Madrid und London, um einen Konkurrenten zu schlucken ? ?das war echt wild?. Selten lag er damals vor zwei Uhr nachts im Bett. Genauso gut erinnert sich Beyer jedoch an die Enttäuschung, als er im November 2000 bemerkte, ?dass es nachlässt mit dem Börsenhype?.Daran hat sich bis heute nicht wirklich etwas geändert. VEM aber hat die Krise gemeistert, die Firma lebt. Sie bezahlt zehn Mitarbeiter, heißt inzwischen nicht mehr VEM Virtuelles Emissionshaus, sondern VEM Aktienbank und beschäftigt sich jetzt mit eher profanen Dingen wie der Bearbeitung von Börsenzulassungen und der Durchführung kleinerer Kapitalerhöhungen. ?Dieses Jahr werden wir schwarze Zahlen schreiben?, kündigt Beyer an. Das wird ihn selbst am meisten freuen, denn inzwischen hält er zusammen mit seinem Vorstandskollegen Erich Pfaffenberger wieder die Mehrheit der Aktien, die Risikokapitalgesellschaft VMR hat ihre Anteile verkauft. Lächelnd sagt er zum Abschied: ?Wenn das Geschäft eines Tages wiederkommt, dann sind wir hier zu Lande die Einzigen, die direkt loslegen können.?
Dieser Artikel ist erschienen am 17.11.2003