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Ein moderner Preuße

Von Georg Weishaupt
Michael Storm hat die Schmolz+Bickenbach-Gruppe (S+B) aus Düsseldorf unauffällig zu einem Stahlkonzern mit rund 7500 Mitarbeitern gemacht. In den vergangenen drei Jahren hat der 54jährige den Umsatz um mehr als das Dreifache auf 3,2 Milliarden Euro in die Höhe getrieben.
DÜSSELDORF. Es ist ziemlich früh für einen Geschäftstermin, um genau zu sein: 6.54 Uhr. Die Schreibtisch-Inseln im Eingangsbereich des großen Verwaltungsgebäudes sind alle verwaist. Auf den übrigen Etagen dasselbe Bild. Aber einer ist schon da ? der Chef persönlich, wie immer um diese Zeit. ?Storm, guten Tag, nehmen Sie Platz?, sagt der freundliche Herr und wirkt für die Uhrzeit außerordentlich munter: leicht gerötete Wangen, die Augen hellwach.Michael Storm könnte direkt der Gründerzeit alter Industrieunternehmen entsprungen sein: Hemd mit Weste, an der die silberne Kette für die Taschenuhr hängt, wilhelminischer Schnurrbart. Sein Büro bietet das passende Ambiente mit holzvertäfelten Wänden, Einbauschränken, schweren Ölgemälden, die Stahlwerke zeigen, und einem Humidor auf dem Schreibtisch.

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Der Frühaufsteher, der vor der Arbeit noch zwei Zeitungen liest und seinen Hund ausführt, ist ein Unternehmer alter Schule, von preußischen Tugenden wie Pflichterfüllung und Verantwortung für seine Mitarbeiter geprägt. ?Meine Kollegen nennen mich einen Dinosaurier?, sagt er über sich selbst. Auch deshalb, weil er nach wie vor persönlich haftet, obwohl die Schmolz+Bickenbach-Gruppe (S+B) aus Düsseldorf längst die üblichen Grenzen eines Mittelständlers gesprengt hat.Der Dinosaurier hat das in der breiteren Öffentlichkeit kaum bekannte Unternehmen unauffällig zu einem Stahlkonzern geformt mit Werken und Handelsniederlassungen in ganz Europa und rund 7500 Mitarbeitern. In den vergangenen drei Jahren hat er kräftig zugekauft und den Umsatz um mehr als das Dreifache auf 3,2 Milliarden Euro in die Höhe getrieben. Nur in diesem März sorgte er mal für Schlagzeilen, als er die Edelstahlwerke Witten-Krefeld (EWK) von Thyssen-Krupp übernahm.So macht Storm aus dem 86 Jahre alten Händler und Verarbeiter einen führenden Hersteller hochwertiger Spezialstähle in Europa. Analysten sehen das Unternehmen schon gleichauf mit dem österreichischen Konzern Böhler-Uddeholm, der bei Werkzeugstählen weltweit den ersten Platz vor der EWK belegt. Warum die Strategiewende? ?Wir wollen den Zugriff auf die Quellen für unseren Handel sichern?, sagt Storm. Das bedeutet weniger Abhängigkeit von den großen Stahlproduzenten. Doch in der Branche, wo Storms bisherige unternehmerische Leistung hohe Anerkennung findet, fragt man sich, was passiert, wenn der Stahlboom zu Ende geht, und wie die Düsseldorfer die großen Zukäufe finanziert haben.Lesen Sie weiter auf Seite 2Storm spricht wie viele Familienunternehmer nicht gerne über die Finanzen. Den Gewinn nennt er ?erträglich?. Die Zukunft der Gruppe sei gesichert. ?Wir haben die Übernahmen ganz solide finanziert mit einem deutsch-schweizerischen Bankenkonsortium.? Daran hat auch Heinz Schumacher, Freund und Geschäftsführer der Arenbergische Gesellschaften in Düsseldorf, keinen Zweifel: ?Alles, was Herr Storm macht, ist stocksolide.? Er sei genauso stocksolide wie sein heute 88-jähriger Vater Hermann Storm, ?das Abbild eines preußischen Unternehmers, der sich auch um seine Kunden kümmert, wenn es denen mal schlecht geht?. Der Vater heiratete eine Frau aus der Schmolz-Linie, die wie der Familienstamm Bickenbach noch heute je 50 Prozent der Anteile halten. Hermann Storm ließ das Unternehmen langsam, aber stetig wachsen, nach dem Motto ?In der Stille prosperieren?, wie der Sohn erzählt. Auch der Junior, seit 1986 persönlich haftender Gesellschafter, hält sich daran.In der Düsseldorfer Szene der Schönen und Reichen ist er nicht zu finden. Er sei der genaue Gegenentwurf zu Heiner Kamps, der seine Großbäckerei verscherbelte und nun mit Auftritten bei Glamourveranstaltungen glänze, sagt ein Kenner der Szene. Storm pflegt lieber seinen großen Freundeskreis. Der kommt in den Genuss seines wohl sortierten Weinkellers und wird ab und zu mit einem Buch beglückt, das ihm gut gefallen hat. Storm betreibt keine teuren Hobbys. Und Golf? Er macht eine wegwerfende Handbewegung: ?Ich bin doch normal.?Der 54-jährige Patriarch klebt nicht an seinem Sessel. Für den verheirateten, aber kinderlosen Storm steht fest, dass er mit 65 Jahren als persönlich haftender Gesellschafter abtreten wird. ?Sonst haben wir hier alte Leute, die dummes Zeug quatschen?, sagt er auf seine direkte Art. Vorsorglich hat er die Schmolz+Bickenbach Beteiligungs GmbH gegründet als zweiter persönlich haftender Gesellschafter. Vor drei Jahren hat er das operative Geschäft an Benedikt Niemeyer und Finanzchef Axel Euchner abgegeben.Die beiden haben erst mal aufgeräumt. Da ?gab es notwendige, seit längerem überfällige Umstrukturierungen?, räumt Storm ein. Zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens wurden Stellen gestrichen, genau 192. Storm führe die Firmengruppe an der ?langen Leine?, sagt der Düsseldorfer Werbefachmann Rolf Eggert, der ihn schon lange kennt. ?Aber?, fügt er hinzu, ?die Leine führt er straff.? Storm selbst, gelernter Betriebswirt und Steuerberater, sieht sich in der Rolle des ?Chefcontrollers der Geschäftsführung?.Vom Büro aus hat er alles im Blick: Durch die meist offene Tür grüßt der gebürtige Düsseldorfer locker seine Angestellten, und durch die großen Fenster schaut er auf die Reihen schwarzer Fabrikdächer, die fast bis zum Horizont reichen.Storm ist vergnügt zu dieser morgendlichen Stunde. Man nimmt es ihm ab, wenn er sagt: ?Wissen Sie, ich bin dann zufrieden, wenn meine Gesellschafter, Kunden und Mitarbeiter zufrieden sind.?
Dieser Artikel ist erschienen am 21.06.2005