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Ein Meckie ohne Allüren

Jürgen Flauger und Dieter Fockenbrock
Ex-McKinsey-Berater Leonhard Birnbaum soll in den Vorstand von RWE aufrücken. Das wünscht sich zumindest der Chef des Energiekonzerns, Jürgen Großmann. Der 40-jährige Birnbaum gilt als Mann mit Bodenhaftung. Er pflegt einen ähnlich zupackenden Führungsstil wie Großmann.
DÜSSELDORF. Jürgen Großmann hat offenbar ein Faible für McKinsey. Schon zum zweiten Mal will der RWE-Chef einen Manager der Strategieberatung in eine Schlüsselposition hieven - in beiden Fällen muss er aber noch Überzeugungsarbeit leisten. Ex-McKinsey-Chef Jürgen Kluge soll nach Großmanns Wunsch neuer Präsident des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft werden, auch wenn sich kleinere Mitgliedsunternehmen noch dagegen sträuben. Und im kommenden Jahr würde er gerne den erst 40-jährigen Ex-McKinsey-Berater Leonhard Birnbaum in den Vorstand befördern.In Kreisen des Aufsichtsrats wurde gestern zwar betont, dass die Personalie weder bereits behandelt worden sei noch zur Entscheidung anstehe. Doch aus dem Umfeld des RWE-Chefs hieß es: "Großmann will Birnbaum zum Vorstand machen - und dann wird er es auch."

Die besten Jobs von allen

Mit viel weniger dürfte sich Birnbaum auch kaum zufriedengeben, zumindest nicht mit dem Posten des Bereichsleiters für Konzernentwicklung, den er vor zwei Wochen bei RWE angetreten hat. Bei McKinsey, für das er seit seiner Promotion 1996 ohne Unterbrechung arbeitete, hat Birnbaum schließlich eine steile Karriere hingelegt. Mit 32 Jahren wird er jüngster Partner und steigt mit 36 Jahren bereits als Senior Partner in den obersten Beraterkreis auf.Birnbaum wird von Kollegen als "einer der fähigsten Jungs bei McKinsey" beschrieben. Er sei hochkompetent, ein sehr analytischer Kopf, aber "absolut auf dem Boden ohne jegliche Beraterallüren". Eher ein untypischer Meckie, wie McKinsey-Berater sich nennen.Mit diesem Profil passt er bestens zu RWE-Chef Großmann. Der Selfmade-Milliardär, der RWE mehr unternehmerisches Denken beibringen will, legt wenig Wert auf Chef-Attitüden und gilt als Mann, der die Ärmel hochkrempelt. Birnbaum sei sich ebenso nicht zu schade, sich auch mal die Finger schmutzig zu machen.Was Birnbaum, der privat fest im Ruhrgebiet verwurzelt ist, von McKinsey zu RWE getrieben hat, darüber wird in der Beraterbranche allerdings gerätselt. Die neue Führung unter Deutschland-Chef Frank Mattern war es wohl nicht. Denn Birnbaum gilt als Mann, der seine Überzeugung durchsetzt - egal unter wessen Führung. Eher scheint es, dass er eine neue Herausforderung suchte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Birnbaum kennt RWE von zahlreichen Projekten gut Fachlich passt der Berater bestens zu RWE. Von Beginn an war er bei McKinsey für Energie und energieintensive Industrien zuständig und zuletzt Mitglied des Führungsteams des europäischen Energiesektors von McKinsey. Und auch RWE kennt er von zahlreichen Projekten. Schon früher habe man, wenn auch erfolglos, versucht, ihn loszueisen, heißt es in Kreisen des Energiekonzerns.Großmann arbeitet seit seinem Dienstantritt Anfang Oktober eifrig am Umbau des Energiekonzerns - auch auf der Führungsebene. Mit wichtigen Personalentscheidungen versucht er, sich ein Team zusammenzustellen, das zu seinem zupackenden Führungsstil passt.Im Dezember, kurz vor Weihnachten, organisierte er den Konzernvorstand um. Er führte die Position des Chief Operating Officers (COO) ein, der ihm im Tagesgeschäft den Rücken frei halten soll. Diese zentrale Funktion vergab er an seinen Vertrauten Ulrich Jobs. Der bisherige Kraftwerke-Vorstand studierte in derselben Zeit wie Großmann an der TU Clausthal.Den zweiten starken Mann im Vorstand, Berthold Bonekamp, band er zwar auch mit ein. Der lang gediente RWE-Manager, der schon die zentralen Ressorts Kraftwerke und Vertrieb verantwortete, musste sich aber mit den zweitrangigen Zuständigkeiten Strategie, Akquisitionen, Forschung und Entwicklung sowie erneuerbare Energien begnügen. Dabei gibt es für erneuerbare Energien mit Ex-Repower-Chef Fritz Vahrenholt schon einen starken Mann. Der ebenfalls von Großmann abgeworbene Manager führt die Grünstrom-Tochter RWE Innogy. Und für die Konzernentwicklung engagierte der Vorstandschef im Februar einen eigenen Bereichsleiter - eben McKinsey-Mann Birnbaum, der weitgehende Freiheiten bekam.Schon damals wurde im Unternehmen fest damit gerechnet, dass Bonekamp, der in der Branche und im Unternehmen einen guten Ruf genießt, aufgeben würde. Jetzt teilte er dem Aufsichtsrat in einem Schreiben mit, dass er seinen Vertrag, der im April 2009 endet, nicht mehr verlängern wolle. Schließlich werde er im nächsten Jahr schon 59, sagte er.Dass Birnbaums Position dann aufgewertet wird, gilt in Konzernkreisen zwar als abgemacht. In welcher Form, bleibt aber abzuwarten. Dass Bonekamps Ressort im jetzigen Zuschnitt bestehen bleibe, sei unwahrscheinlich, heißt es in Aufsichtsratskreisen.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.04.2008