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Ein Mann mit guten Beziehungen

Von Gregory Lipinski, Handelsblatt
Der ehemalige Thyssen-Chef Dieter Vogel übernimmt den Aufsichtsratsvorsitz der kriselnden Beteiligungsfirma WCM. Der 1,93 Meter große Sanierungsexperte löst damit den 70-jährigen Gerhard Wittkämper ab.
HB HAMBURG. In aller Diskretion unterbreitet er dem ehemaligen Chef des ehemals eigenständigen Stahlkonzerns Thyssen ein Angebot: Vogel soll den Aufsichtsrat der hoch verschuldeten WCM leiten. So wünschen es sich Großaktionär Ehlerding und einige Bankbosse wie Vereins- und-Westbank-Chef Stephan Schüller und WGZ-Vorstandsmitglied Michael Fraedrich. Die im MDax börsennotierte WCM hält unter anderem bedeutende Anteile an der Commerzbank, den Klöckner Werken und der Bonner Immobilienholding IVG.Der 61-jährige Vogel hat erst im vergangenen Jahr beim von der Pleite bedrohten Telefonkonzern Mobilcom eine ähnliche Aufgabe übernommen. Jetzt soll er WCM- Vorstandschef Roland Flach helfen, einen attraktiven Investor für den mit 2,8 Milliarden Euro verschuldeten Konzern zu finden. Ehlerdings Aktienpaket steht zum Verkauf, und damit 40 Prozent der Anteile. Vogel sagt zu. Nur kurz zögert er im ?Aalspeicher?, dann besiegelt er den Deal mit einem Handschlag.

Die besten Jobs von allen

Gestern nun wählte der WCM-Aufsichtsrat den schlaksigen, 1,93 Meter großen Sanierungsexperten zum neuen Vorsitzenden des Kontrollgremiums. Knapp zwei Wochen zuvor hatte ihn bereits das Frankfurter Registergericht zum Aufsichtsratsmitglied bestellt. Vogel löst Gerhard Wittkämper ab.Ehlerding und die Banker wollten Vogel vor allem wegen seines eng gespannten Beziehungsnetzes in Industrie und Hochfinanz, das er über seine Aufsichtsratsmandate bei Großkonzernen wie Bertelsmann, Gerling und Mobilcom gespannt hat. Und den Investmentbankern ist er auch als geschäftsführender Gesellschafter des Düsseldorfer Investmenthauses Bessemer, Vogel & Treichl bekannt. Unter anderem kaufte die Firma 1999 den Rohrbauer Mapress von Mannesmann.Ehlerding, die beteiligten Banken und WCM können Hilfe gut gebrauchen. Mit dem Geld für sein WCM-Paket will der Großaktionär private Kredite von 450 Millionen Euro zurückzahlen, die er bei Vereins- und Westbank, WGZ, DZ Bank, Helaba, Dresdner Bank sowie der Bankgesellschaft Berlin angehäuft hat. Die Schulden rühren aus einem auf Pump finanzierten Fehlinvestment in Commerzbank- Aktien. Die Banken hatten ihm im September 2002 zwar eine Zwei- Jahres-Frist für die Rückzahlung gesetzt, doch einige Geldhäuser werden immer ungeduldiger. Sie wollen wichtige WCM-Kredite nur noch bis Ende Oktober stunden. Danach, so drohen sie, wollen sie die Darlehen fällig stellen ? falls nicht endlich ein Investor bei WCM einsteigt.Dafür soll nun Vogel sorgen. Er soll einen Partner finden, der die Holding als Ganzes erhält und nicht zerschlägt. Viele Interessenten ? darunter amerikanische sowie israelische Fonds ? wollen sich die Rosinen aus dem wild zusammengekauften Konzerngeflecht herauspicken.Vogel kennt sich aus mit heiklen Aufgaben: So versuchte er bei der Büdelsdorfer Mobilcom als Vermittler der Bundesregierung, zwischen den beiden heillos zerstrittenen Großaktionären France Télécom und Gerhard Schmid zu vermitteln ? und wurde dabei auch mal rabiat: ?Herr Schmid, wenn Sie jetzt nicht den Treuhandvertrag unterzeichnen, fährt das Unternehmen an die Wand?, so berichtet er, habe er Schmid einmal gewarnt: Der jedoch ließ sich von dem Untergangsszenario ? Insolvenz und 5000 Arbeitslosen ? nicht beeindrucken. ?Dann muss ich wohl andere Töne anschlagen?, brach Vogel das Telefonat ab.Wenige Stunden später schickte er eine Mitteilung an die Nachrichtenagenturen, die den selbstverliebten Mobilcom-Gründer bloßstellte: Schmid blockiere die Rettung des Unternehmens und der Mobilcom- Arbeitsplätze, obwohl die Banken, Lieferanten und Belegschaft außergewöhnliche Beiträge zur Erhaltung des Unternehmens geleistet hätten, stand da. Die öffentliche Schelte zeigte Wirkung: Schmid unterzeichnete 2002 den Treuhandvertrag. Der Weg für einen Neuanfang unter dem neuen Chef Thorsten Grenz war frei.In Vogels Karriere lief allerdings längst nicht alles nach Plan. So wehrte er sich als Thyssen-Chef vergeblich gegen die feindliche Übernahme des Konkurrenten Krupp. Und 1998 scheiterte sein Versuch, alleiniger Vorstandschef des fusionierten Konzerns zu werden. Vogel trat zurück ? und bezeichnet Thyssen heute als ?verflossene Liebe?.Auch bei WCM dürfte er es nicht leicht haben. Sollte er aber für das Unternehmen wieder eine Zukunftsperspektive finden, könnte sich der Perfektionist Vogel damit endlich bei Ehlerding revanchieren.Der hatte ihm vor fast drei Jahrzehnten einmal aus der Klemme geholfen. Vogel war damals Chef des Teppichfabrikanten Pegulan. Als die weit fortgeschrittene Sanierung des Unternehmens durch einen Liquiditätsengpass zu scheitern drohte, vergab Multimillionär Ehlerding über eine eigene Firma einen Millionenauftrag an das Unternehmen ? und Vogel konnte seinen Job in Ruhe zu Ende bringen.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.10.2003