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Ein Mann mit Biss

Von Felix Schönauer, Handelsblatt
Ein schlechter Zahn verhalf Mark Thompson zu seiner Viertelstunde Ruhm. Eigentlich sollte vor sechs Jahren ein Kollege der BBC auf einer Konferenz in Cambridge die Vision des Senders zur digitalen Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vorstellen. Doch der biss unglücklich auf ein Karamellbonbon und musste zum Zahnarzt. Thompson sprang ein.
LONDON. Er hatte nur zehn Minuten zur Vorbereitung und, so will die Legende, schwärmte dann in einem alten Pullover von Marks & Spencer vor der versammelten Medien-Macht des Landes von den ?stolzen? Programmen der BBC. Das Publikum war begeistert ? und Thompson einen Schritt weiter auf dem Weg an die Spitze eben dieses Senders.Damals war Thompson Controller bei BBC2. Am heutigen Dienstag tritt der inzwischen 46-Jährige sein neues Amt als Generaldirektor der BBC an. Er wechselt vom Chefsessel des Senders Channel 4, und niemand würde auch nur eine Minute daran zweifeln, dass der neue Job die Erfüllung seines beruflichen Strebens ist.

Die besten Jobs von allen

Als Trainee fing er bei der BBC an und arbeitete sich in mehr als 20 Jahre hoch. Sein Wechsel zu einem Kommerz-Sender 2001 diente wohl nur dazu, den Lebenslauf auf die oberste Position bei der BBC hin zu perfektionieren. Kollegen sagen, in seinem Kopf befinde sich ein exakt ausgearbeiteter Karriereplan.Der britische Staatssender hat auf einen wie ihn gewartet: Einen optimistischen, journalistisch denkenden Manager. Die Korporation ist nach der Hutton-Affäre um ungenaue Berichterstattung über die Irak-Politik der Regierung noch immer erschüttert. Generaldirektor Greg Dyke und Chairman Gavyn Davies traten zurück. Doch damit sind die Folgen des Glaubwürdigkeitsverlustes noch nicht ausgestanden und die Affäre noch nicht aufgearbeitet. Ein interner Bericht wird möglicherweise veröffentlicht. Vielleicht muss auf den unteren Ebenen noch jemand anderes gehen als der schon zurückgetretene Journalist, Andrew Giligan, der die Affäre auslöste.Die schlechten Nachrichten kommen für die BBC in unsicheren Zeiten. Ende des Jahres erhalten die Öffentlich-Rechtlichen eine neue ?Charta?, die unter anderem das Niveau der Rundfunkgebühren für die nächsten zehn Jahre festsetzt. Und diverse Untersuchungen beschäftigen sich kritisch mit der ?Tante Beep? ? so untersucht der Regulierer Ofcom, ob die Kontrollmechanismen der BBC funktionieren.Die Zeiten scheinen vorbei, in denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk aus dem Vollen schöpfen konnte. Mit Thompson und dem ebenfalls vor kurzem angetretenen Chairman Michael Grade hat die BBC wenigstens wieder eine Spitze, welche die Herausforderungen selbstbewusst angeht. Thompson gilt intern wie extern als gute Wahl. Positiv kommt an, dass er wohl kaum wegen des Geldes wechselt. Als Channel-4-Chef verdiente er zumindest mehr als sein jetziger Amts-Vorgänger Greg Dyke. Zwar gibt es auch abschätzige Kommentare, die dem ?ultimativen Politiker? vorhalten, er habe seine jeweilige Position immer schnell wieder verlassen, so dass seine Nachfolger für die Fehler in die Pflicht genommen wurden. In der mit Eitelkeiten vollgestopften Medienbranche gehen solche Bemerkungen jedoch nicht über das normale Maß hinaus. Auch Thompsons geringes Alter dürfte ambitionierten Kollegen ein Dorn im Auge sein. Er könnte sein Amt viele Jahre ausüben.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der inneren Stimme folgenDass er entscheidungsfreudig ist, hat der große Mann mit dem Stoppelbart und der hohen Stirn in seinen früheren Positionen bewiesen. Er schreckt weder vor unpopulären Entscheidungen zurück, noch vor einem plötzlichen Sinneswandel. Als Channel-4-Chef verkündete er einst ein ?eindeutiges Langzeit-Bekenntnis? zur wenig erfolgreichen Soap Opera Brookside ? um sie wenig später aus dem Programm zu nehmen.Zudem ist er in der Lage, mit sehr unterschiedlichen Chefs auszukommen. So riss sein Aufstieg in den BBC-Rängen auch dann nicht ab, als der reformorientierte Technokrat John Brit den Einschaltquotenjäger Greg Dyke als Generaldirektor ablöste. Unter Dyke erschien sein Aufstieg sogar noch bemerkenswerter, weil Thompson schon damals seinen Hut für die Position des Generaldirektors in den Ring geworfen hatte. Auch wenn er dies nur tat, um beim nächsten Mal ernst genommen zu werden.Die BBC wird sich unter dem Vater dreier Kinder neu aufstellen, der jeden Tag von Oxford nach London zur Arbeit pendelt. Zwar wird sie sich nicht so radikal verändern, wie er es selbst auf einem Festival voraussah ? mit Nischenkanälen und einem Kommerzsender. Aber die Jagd nach Einschaltquoten dürfte der Vergangenheit angehören.In der katholischen Eliteschule Stonyhurst wurde Thompson früh zum Führen erzogen. Seine größte Herausforderung tritt er an, weil er ? einer inneren Stimme folgt?.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.06.2004