Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Ein Mann auf Himmelfahrtskommando

Von Oliver Stock
André Dosé ist als Chef der Schweizer Fluggesellschaft Swiss gescheitert ? jetzt versucht der 50-jährige Schweizer sein Glück bei der arabischen Gulf Air.
André Dosé Foto: ap
BAHRAIN. Vor ein paar Monaten war er noch ein Fall für die Rubrik ?Was wurde eigentlich aus ... ??: André Dosé trat 2004 als Chef der Schweizer Fluggesellschaft Swiss zurück, weil Ermittlungen im Zusammenhang mit einem Absturz gegen ihn eingeleitet wurden. Ein Verfahren, in dem ihm Falschaussage im Swissair-Prozess vorgeworfen wird, läuft immer noch. Und doch ist er nun wieder zurück auf der internationalen Bühne und soll versuchen, was ihm offenbar bei der Swiss nicht gelang. Die arabische Gulf Air hat André Dosé zum neuen Chef berufen, um aus der Verlustzone zu kommen. Dabei hatte er bei der Swiss auch deshalb aufgegeben, weil seine Sanierungsversuche nicht zündeten.Schlank, mit leicht gebräuntem Gesicht und in heller Anzughose steht Dosé morgens um acht Uhr an einem der Stehtische im Foyer vor seinem Büro bei Gulf Air im kleinen arabischen Königreich Bahrain. Die Jacke hat er schon ausgezogen, die Temperaturen sind auch schon um diese Zeit weit jenseits der 30 Grad. Der 50-jährige Schweizer hat hier unten, wo die lauen Wasser des arabischen Golfs auf den Wüstensand des Inselstaats treffen, ein Himmelfahrtskommando übernommen: Seit Mitte April soll er die Gulf Air, die einstmals noble Fluggesellschaft, zu der sich vier arabische Staaten zusammengefunden hatten, wieder flottmachen.

Die besten Jobs von allen

Seitdem mit Oman kürzlich der vorletzte Staat aus dem Projekt ausgestiegen ist, zahlt jedoch allein das bahrainische Königshaus ? und das nicht zu knapp: Tag für Tag fliegen die 28 noch verbliebenen Maschinen mehr als eine Million Dollar Verlust ein. Dosés Vorgänger James Hogan hatte bereits 2004 die Rückkehr in die Gewinnzone verkündet. Wie das? Dosé schaut angestrengt in die Luft. Die Zahlen mögen vielleicht schwarz gewesen sein. Nur gestimmt haben sie leider nicht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wo die Parallelen zwischen Swiss und Gulf Air liegen. Der König hat Dosé angeheuert, um das Millionenloch nun wirklich zu stopfen. ?Gott sei Dank, es kommt ein Schweizer?, haben sie bei der Gulf Air gesagt, erzählt zumindest der Protokollchef der Fluggesellschaft, der seither beispielsweise Treffen mit Kunden engagiert, die dabei mal richtig Dampf ablassen können. ?Die Leute reden nicht die Wahrheit miteinander?, stellt Dosé fest. ?Und wenn sie die Wahrheit sagen, bleibt das völlig folgenlos.?Um das zu ändern, hat der neue Chef jene regelmäßigen Kadertreffs am Stehtisch eingeführt. Da berichtet dann jeder, was in den vergangenen 24 Stunden schief gelaufen ist und was der neue Tag voraussichtlich bringt. An diesem Morgen ist mal wieder dicke Luft, als Dosé Bilder gereicht werden: Sie zeigen Gulf-Air-Passagiere, die an irgendeinem Flughafen der Welt gestrandet sind, weil ihre Maschine kaputt ist. Warum wurde sie nicht repariert? Weil der Schlepper, der die Maschine in den Hangar ziehen sollte, eine defekte Kupplung hat. ?Seit wann?? fragt Dosé. ?Seit zwei Jahren?, nuschelt einer. Der Chef muss sich sehr beherrschen, um nur einen kontrollierten Wutanfall zu bekommen.Abends am Privatstrand eines der Bungalows, die zum Ritz Carlton gehören, wo im Hintergrund Fackeln die mit bunten Decken ausgepolsterten Sitzmöbel märchenhaft erhellen, hat sich Dosé beruhigt. Ein Sanierungsprogramm hat er eingeleitet, 2 500 Mitarbeiter müssen gehen, ein Novum im ölverwöhnten Inselstaat. Dieses Jahr wird geschrumpft, nächstes die Nulllinie erreicht und danach geht es wieder aufwärts, hat Dosé versprochen. Und, klar, gebe es auch Vorteile bei so einem Kommando: Die Gulf Air ist noch immer der Stolz des Landes. Das war bei der Swiss genauso. ?Aber hier haben sie begriffen, dass eine florierende Wirtschaft und eine eigene Fluglinie einander bedingen?, sagt Dosé und greift tief in die Kiste der arabischen Bildsprache. ?Wir sind das Herz, das das Blut durch den Körper pumpt.?
Dieser Artikel ist erschienen am 23.07.2007