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Ein Manager sieht gelb

Von P. Brors, A. Granzow und M. Maisch, Handelsblatt
Warum Postchef Klaus Zumwinkel beim Börsengang der Postbank alles riskiert.
Foto: dpa
HB DÜSSELDORF. ?Natürlich geht man immer mit unterschiedlichen Erwartungen in solche Verhandlungen, der Kunde will den maximalen Preis herausholen, und wir müssen schauen, dass wir die Aktien auch losbekommen?, erinnert sich ein Banker. Dieses Mal aber läuft das Ringen besonders zäh. Erst nach der Kaffeepause, spät am Nachmittag steigt weißer Rauch auf. Dazwischen liegen Stunden harter Diskussionen, Stunden mühsamen Argumentierens. Doch eigentlich hätten sich die Banker an diesem Sonntag auch freinehmen können, denn Zumwinkel weiß längst, wieviel Geld er für seine Finanztochter haben will, und er ist auch nach sieben Stunden Verhandlungen nicht bereit einzulenken.500 Großinvestoren haben die 19 Konsortialbanken unter Führung von Morgan Stanley und der Deutschen Bank in den Wochen vor dem entscheidenden Treffen befragt, und mächtige Anleger, die über Wohl und Wehe eines Börsengangs entscheiden können, haben klar gemacht, dass sie nicht mehr als 30 Euro für die Postbankaktie bezahlen wollen. Das alles kümmert den Postchef nicht weiter, er hat seine Pläne im Kopf, wie er mit dem Privatisierungserlös seinen gelben Logistikkonzern weiter stärken kann.

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Äußerlich wirkt der 59-jährige Spitzenmanager wie eine graue Maus. Fast weiße Haare, blasses Gesicht, unauffällige Brille. Wenn Zumwinkel lächelt und mit leichtem rheinischen Dialekt seine langsamen Sätze spricht, dann strahlt er sanfte Ironie, Gemütlichkeit und Jovialität aus. Doch seine Ziele setzt der Ex-McKinsey-Mann, der aus der gelben Beamtenpost einen Weltkonzern gemacht hat, knallhart durch ? egal, ob es dabei um den Umbau des Unternehmens geht oder eben um den Verkauf von Aktien.Am Ende der sonntäglichen Endlossitzung liegt die Preisspanne für den Börsengang bei 31,50 Euro bis 36,50 Euro und damit genau dort, wo Zumwinkel sie haben möchte. Bis zu sechs Mrd. Euro wäre damit die gesamte Postbank wert.?Völlig überzogen, damit gefährdet Zumwinkel den Erfolg des Börsengangs?, klagt ein schockierter Fondsmanager, als er zum ersten Mal von den Preisvorstellungen des Postchefs hört. Zuerst wollte es der Vertreter einer großen deutschen Investmentgesellschaft gar nicht glauben. ?Das ist doch ein Scherz, oder??Zumwinkel setzt alles auf eine KarteAnderthalb Wochen später ist klar, dass der Fondsmanager ein Stück weit Recht behalten sollte. Auch zwei Tage vor Ende der Zeichnungsfrist steht der Postbank-Börsengang noch auf der Kippe. Viele große Fonds in Deutschland, Großbritannien und den USA haben abgewunken, ihnen ist die Aktie schlicht zu teuer. Zumwinkel hat im Preispoker buchstäblich alles auf eine Karte gesetzt. Gelingt der Börsengang doch noch, knicken die kritischen Großinvestoren also in letzter Sekunde ein und beugen sich Zumwinkels Preisvorgabe, dann hat der Postchef alles richtig gemacht. Sollte das Prestigeprojekt allerdings scheitern, dann hat der Konzernlenker dem ohnehin angeschlagenen deutschen Kapitalmarkt schweren Schaden zugefügt.?Zumwinkel ist der Boss, er hat alle Fäden in der Hand?, meint ein Banker. ?Die ganze Geschichte hat durchaus ihre Ironie?, erzählt ein anderer Manager, der am Börsengang mitarbeitet. ?Eigentlich seien es ja erst die Pannen gewesen, die den Postchef in eine gute taktische Position gebracht hätten. ?Zumwinkel pokert natürlich extrem hoch, aber er hat eben auch ein gutes Blatt in der Hand.?Was der Banker meint: Wenn der Börsengang doch noch abgesagt werden muss, kann der oberste Postler ohne Probleme die Doppelblamage der Deutschen Bank dafür verantwortlich machen. Und so strotzt der nach außen hin so unauffällige Postchef dieser Tage vor Selbstbewusstsein.Gestern haben die Konsortialbanken die Post noch einmal gedrängt, die Preisspanne zu senken, sonst drohe dem Börsengang das endgültige Aus. Keine Chance: ?Bevor Zumwinkel den Preis senkt, sagt er den Börsengang lieber ab?, war aus Postkreisen zu hören.Zumwinkel lächelt dieser Tage gern spitzbübisch, wenn er von der Kritik am hohen Preis hört: ?Da wollen doch nur einige Fondsmanager im Einkauf ein paar Euro gutmachen.?Genau diese Worte hat Zumwinkel etwa gebraucht, als er rund 20 Stunden nach der sonntäglichen Marathonsitzung auf einer Pressekonferenz über den Börsengang spricht. Drei Plätze weiter rechts auf dem Podium sitzt Georg Hansel von der Deutschen Bank, und auch der Top-Investmentbanker mit den lichten Haaren lächelt, allerdings eher verlegen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Geräuschvolles Telefonat? mit Ackermann Er weiß genau, dass die Deutsche Bank den Sündenbock abgeben wird, wenn der milliardenschwere Börsengang platzt. Schließlich hat der Branchenprimus im Wochentakt für Pannen und Peinlichkeiten gesorgt.Da war zuerst der Fauxpas von Deutsche-Bank-Boss Josef Ackermann, der seine Investmentbanker noch kurz vor dem Börsengang prüfen ließ, ob die Deutsche die Postbank nicht lieber einfach selbst übernehmen sollte. Ein Aufschrei ging durch die Branche. Es hagelte Beschwerden. Ackermann riskiere einen massiven Interessenkonflikt, er könne doch nicht als oberster Aktienverkäufer den Kurs maximieren, wenn er gleichzeitig als potenzieller Käufer versuche, den Preis zu drücken. Die Emission der Postbank stand auf der Kippe, bevor sie richtig begonnen hatte.Und dann ist da noch die hochnotpeinliche Affäre um die interne Studie, in der die Deutsche Bank den Wert der Postbank auf bis zu 4,4 Mrd. Euro herunterrechnete. Mit dieser Bewertung stand die Deutsche zwar nicht alleine da. Eine ganze Reihe von Investmentbankern hatte gewarnt, dass sich mehr als fünf Milliarden derzeit am Markt nicht durchsetzen ließen. Doch diese Skeptiker waren klug genug, ihre Bedenken nicht schriftlich festzuhalten.Zumwinkel soll getobt haben, als er vom zweiten Fehltritt der Ackermann-Truppe hörte. Am liebsten hätte er die Deutsche Bank aus dem Konsortium geworfen. Am Ende belässt es der Postchef dann aber doch bei einem ?geräuschvollen Telefonat?, in dem sich Ackermann für die Panne entschuldigen musste.Zumwinkel liefert, was er versprichtNicht nur gegenüber der Deutschen Bank macht Zumwinkel seine Position unmissverständlich klar. Seine Worte sind bis nach Berlin zu hören. Schließlich soll Bundeskanzler Gerhard Schröder persönlich in einem Telefongespräch am Abend des 3. Mai Ackermann die Postbank angedient haben, um einen nationalen Bankenchampion zu schaffen.Die Bankenszene reagierte empört auf den Vorstoß der Regierung. ?Jetzt macht Schröder auch noch Zumwinkel unmöglich?, hieß es bei einem Frankfurter Geldhaus. Immerhin hatte sich der Postchef seit dem Börsengang des Staatskonzerns in der Finanzmetropole am Main einen ausgezeichneten Ruf erworben. Anders als der glamouröse Ex-Telekomchef Ron Sommer oder der glücklose Bahn-Lenker Hartmut Mehdorn habe Zumwinkel immer geliefert, was er versprochen habe, meint ein Banker. In der Branche kursiert das Gerücht, Zumwinkel habe während der Übernahmeaffäre sogar mit seinem Rücktritt gedroht. Doch das kann sich auch der Kanzler nicht leisten. Er braucht Zumwinkel für die vollständige Privatisierung der Post.Dass der Rheinländer beim Umbau des gelben Riesen mit harter Hand durchgreift, hat er schon lange bewiesen. Bei der alten Behördenpost hat er mehr als hunderttausend Arbeitsplätze gestrichen, er hat Briefkästen abhängen lassen, Tausende Zweigstellen geschlossen oder an andere Firmen vergeben. Und er hat mehr als 1 200 Filialen der Tochter Postbank dichtgemacht. Zu wenig Kunden, rumms, rasselt der Rollladen runter. Der gelbe Anstrich ist der gleiche geblieben, dahinter aber ist kaum mehr ein Stein auf dem anderen.Dass sich Zumwinkel bei dieser Radikalkur verhältnismäßig wenig Feinde gemacht hat, rechnet ihm auch der Berliner Politik Betrieb hoch an. Nicht einmal bei den Gewerkschaften ist er wirklich verhasst, und das, obwohl er alte Postler in Scharen in den Vorruhestand schickte oder sie im Konzern hin- und herschob. Kanzler Schröder machte Zumwinkel sogar zum Aufsichtsratschef der Telekom. Das Amt füllt der Rheinländer seitdem mit so viel Eifer aus, dass so mancher Post-Mitarbeiter schon darüber grübelt, ob die eine oder andere Telekom-Vorstandsvorlage nicht im Post-Tower vorbereitet worden ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.06.2004