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Ein Manager als Industriepolitiker

Von Holger Alich
Jean-Louis Beffa ist Chef des französischen Glas- und Baustoff-Spezialisten Saint-Gobain. Viele halten seine Unternehmensstrategie für altmodisch, denn Beffa bevorzugt die Diversifikation. Auch innerhalb des Konzerns sorgt er für Wirbel. Mit seiner Art, habe er viele Mitarbeiter vergrault, heißt es.
HB PARIS. Es war ein Bild der Harmonie: Jean-Louis Beffa, Chef des französischen Glas- und Baustoff-Spezialisten Saint-Gobain, Seite an Seite mit Gerhard Cromme, Aufsichtsrat-Chef von Thyssen-Krupp. Beide Top-Manager lauschten in der Pariser Sorbonne vor zwei Wochen den Ausführungen von Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich des 50. Jahrestags der Gründung der deutsch-französischen Handelskammer. Dieser sparte nicht mit Lob für die reibungslose Zusammenarbeit des Duos Beffa/Cromme, deren Arbeitsgruppe neue europäische Innovationsprojekte entwickeln soll.In der Außenwirkung verströmt Beffa für sein Unternehmen also durchaus Glanz, innendrin aber läuft es alles andere als harmonisch. Auf Betreiben Beffas schmiss der Verwaltungsrat von Frankreichs ältestem Industrieunternehmen nun die Nummer zwei von Saint Gobain, Christian Streiff, hinaus. Zum neuen Kronprinzen wurde Pierre-André de Chalendar, 47, bestellt, der zuvor die Sparte Baustoffhandel leitete.

Die besten Jobs von allen

Eine Begründung blieb das Unternehmen schuldig: ?Die Gruppe hat nicht die Entscheidungen des Verwaltungsrates zu kommentieren?, kanzelte ein Sprecher lästige Fragen ab. Aus Unternehmenskreisen heißt es, dass sich Beffa mit seinem potenziellen Nachfolger nicht etwa wegen unterschiedlicher Auffassungen in Strategiefragen, sondern menschlich überworfen hat. ?Christian Streiff hat seit einigen Monaten sein Verhalten stark verändert?, berichtet ein Insider. Er sei sehr ungeduldig geworden und habe mit seiner Art viele Mitarbeiter vergrault.Ähnlich wie Alcatel-Chef Serge Tchuruk hat nun auch der Saint-Gobain-Patron kurz vor Ende seines Mandates noch einen neuen Kronprinzen gekürt. Beffas Vertrag läuft 2007 aus. Der Neue muss sich also schnell einarbeiten.Kein leichter Job. Zwar hat de Chalendar, Absolvent der Kaderschmiede ENA, wie sein Vorgänger den größten Teil seiner Laufbahn bei Saint-Gobain verbracht. Doch Übervater Beffa wirft lange Schatten: Er hat seit seinem Amtsantritt 1986 aus der staatlichen Glasfabrik, die 1665 von Colbert, dem Finanzminister Ludwig des XIV., gegründet wurde, einen internationalen Konzern geformt mit 32 Milliarden Euro Umsatz und 2,6 Milliarden Euro Betriebsgewinn. Einerseits.Andererseits wirkt Beffas Unternehmensstrategie auf viele angelsächsische Finanzanalysten wie von vorgestern: Denn statt sich, wie es die Kapitalmärkte gerade mal wieder fordern, auf ein Geschäftsfeld zu konzentrieren, bevorzugt der Opernliebhaber die Diversifikation. 900 Unternehmen gehören zum Konzern. ?Schauen Sie sich Siemens an. Es ist besser, einen Mix an Gesellschaften zu haben, aus denen man einen starken Cash-Flow ziehen kann?, sagt Beffa.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Entsetzen über Beffas Ansichten zur Rolle des Staates in Heute ist Saint-Gobain nicht nur Glas-Spezialist, sondern stellt auch zahlreiche Werkstoffe etwa für die Automobilindustrie und Isoliermaterialien her. Unter den zahllosen Zukäufen der Ära Beffa sticht der Erwerb von Poliet 1996 hervor. Damit stieg Saint-Gobain in den Baustoffhandel ein und erschloss sich ein neues Geschäftsfeld. Mittlerweile macht diese Sparte über ein Drittel des Umsatzes aus.Nur ungern erinnert sich der Top-Manager mit dem gepflegten Seitenscheitel dagegen an 1988, als er die US-Gesellschaft Certain Teed schluckte. Damit kaufte sich Beffa ein gewaltiges Asbest-Problem ein. Als Saint-Gobain wegen der Klageflut in den USA eine Sonderrückstellung von 100 Millionen Euro im Juli 2002 vornehmen muss, bricht der Börsenkurs an nur einem Tag um 23 Prozent ein. Die Prozesskostenrückstellungen summieren sich bis heute auf 400 Millionen Euro.Nicht nur mit seiner Strategie, auch mit seinen Ansichten zur aktiven Rolle des Staates in der Wirtschaft löst der Absolvent der Elite-Universität Polytechnique bei liberalen Ökonomen Entsetzen aus. Die Rettung von Alstom mit Steuergeldern hält er zum Beispiel für richtig: ?Es ist wichtig, Alstom mehr Zeit für die Restrukturierung zu geben.? Über die Zeit der Verstaatlichungen in der Ära Mitterrand urteilt er: ?Das war notwendig, um die Industrie zu restrukturieren.?Als eigenen Think-Tank hat Beffa die Fondation Cournot gegründet, in der auch Ökonomen der kommunistischen Liga zu Wort kommen. Zum wissenschaftlichen Beirat zählen Köpfe wie Nobelpreisträger Robert Solow oder Wolfgang Streeck vom Kölner Max-Planck-Institut.Beffa leitet eines der letzten großen französischen Industrie-Unternehmen. Auch deshalb hängt sein Herz am Kampf gegen die Deindustrialisierung Europas. Und so beauftragte ihn Staatspräsident Jacques Chirac Ende vergangenen Jahres, Vorschläge für eine Neuauflage der Industriepolitik zu machen. Auf Beffas Initiative will Frankreich nun mit einer neuen Staats-Agentur industrielle Innovationen mit Steuergeldern fördern.Mit seinem Freund Cromme hat er Forschungsprojekte angeschoben, die die deutsch-französische Zusammenarbeit fördern sollen, wie etwa eine Super-Google-Suchmaschine. Dafür gibt es sogar Lob vom Kanzler. Und das lässt Beffa einen Augenblick den Ärger im eigenen Haus vergessen.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.05.2005