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Ein Liberaler erlangt mit Eingriffen großen Ruhm

Von Torsten Riecke
Mehr als 18 Jahre war Alan Greenspan Chef der US-Notenbank. Ein Spaziergang waren diese Jahre für den heute 79-Jährigen keineswegs. Trotzdem nennen ihn manche den "größten Zentralbanker aller Zeiten".
NEW YORK. Aus vier Jahren sind inzwischen mehr als 18 Jahre geworden. Und ein Spaziergang waren sie für den heute 79-Jährigen keineswegs. Nur wenige Monate im Amt musste Greenspan bereits die erste Finanzkrise managen. Am 19. Oktober 1987 brachen die Börsenkurse rund um den Globus ein. Der neue Fed-Chef erkannte die Gefahr und reagierte mit massiven Zinssenkungen auf den Crash.Ähnlich entschlossen zeigte sich Greenspan in den 90er-Jahren während der Finanzkrise in Mexiko und der Liquiditätsklemme rund um den Hedge-Fonds Long Term Capital Management. Damals wie auch nach den Terroranschlägen 2001 war er mit Rat und Geld zur Stelle, um Schaden von der Finanzwelt abzuwenden.

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Überaus zurückhaltend reagierte Greenspan allerdings 1998, als sich am US-Aktienmarkt eine riesige Spekulationsblase für Internetpapiere bildete. Zwar warnte der Notenbanker bereits zwei Jahre vorher vor ?irrationalen Übertreibungen? an der Börse. Auf frühzeitige Zinserhöhungen oder Kreditbeschränkungen verzichtete er aber. Im Gegenteil: Mit seinen Reden zum Produktivitätswunder in den USA schürte er noch die ?ansteckende Gier? der New Economy, die er später verurteilte.Greenspan zufolge ist es unmöglich, Spekulationsblasen zu erkennen, bevor sie geplatzt sind. Entsprechend seiner Philosophie des ?Risikomanagements? plädiert er stattdessen dafür, die Folgen solcher Marktexzesse zu mildern. Seine Kritiker halten ihm entgegen, dass er dadurch die Finanzmärkte in der fatalen Sicherheit wiege, die Notenbank würde immer als Retter in der Krise zur Verfügung stehen. Das führe jedoch zu neuen Ungleichgewichten in der Wirtschaft.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Seine praktischen Erfahrungen bewahrten ihn vor Dogmatismus.So sehen viele Ökonomen heute die Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt als direkte Folge der lockeren Geldpolitik, mit der die Fed die Konsequenzen der Internetblase aufgefangen hat. Greenspan selbst hat vor kurzem eingeräumt, dass es eine Ironie seiner erfolgreichen Geldpolitik sei, dass sie das Risikobewusstsein der Investoren mindere. Der Princeton-Professor Alan Blinder hält Greenspan trotz dieses Mangels für den ?größten Zentralbanker aller Zeiten?.Der 1926 in New York geborene Greenspan hat seine Marktgläubigkeit in jungen Jahren erworben, als er ein glühender Anhänger der Philosophin Ayn Rand war, die einen individualistischen Marktradikalismus vertrat. Es sei eine gewisse Ironie, dass der Marktliberale Greenspan seinen Ruhm seinen Eingriffen in die Wirtschaft verdanke, sagt der US-Ökonom Robert Kuttner.Was Greenspan vor dem Dogmatismus der Objektivisten bewahrte, waren seine praktischen Erfahrungen in der Wirtschaft. Nachdem er zunächst eine Musikschule besucht und danach in einer Bebop-Band durchs Land getingelt war, wandte er sich den Wirtschaftswissenschaften zu. Nach dem Studium beim späteren Fed-Chef Arthur Burns gründete er mit seinem Partner William Townsend eine Forschungsgesellschaft für die Finanzwelt an der Wall Street. Aus dieser Zeit stammt seine Leidenschaft für Konjunkturdaten.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.10.2005