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Ein Leben voller Steine

Von A Busch, T. Knüwer; Handelsblatt
Aus Ärger über Deutschland gab Edelstein-König Hans Stern all seine Geschäfte hier auf. Jetzt ist er zurück in der Heimat.
Foto: dpa
SÁO PAULO. Hans Stern bringt wenig aus der Ruhe. Knapp und schlagfertig beantwortet der zierliche Mann Fragen mit einer sehr leisen Stimme. Bescheiden ist er dabei. Niemand käme auf den Gedanken, dass er einer der führenden Juweliere weltweit ist. Eher ein Buchhalter oder Herrenausstatter. Doch trotz seiner 82 Jahre und angeschlagener Gesundheit strahlt er Autorität aus. Der Kellner im Restaurant weiß sofort, wer das Sagen, wenn Stern leicht ungeduldig fragt: ?Chef, wo bleibt das Wasser??Nur bei einem Thema hat er sich geärgert. Aber so richtig. Beim Thema Deutschland. Und er wiederholt das mehrfach, fast als würde ihn das selbst immer wieder überraschen. So sauer war Stern, dass er vor zwei Jahren seine fünf Filialen in Frankfurt, München und Düsseldorf schloss. Grund: die deutschen Mitbestimmungsgesetze. ?Der Betriebsrat war grundsätzlich gegen alles, was wir einführen wollten?, empört er sich heute noch: Dresscode, Weiterbildung, Training der Verkäufer ? ?nichts wurde akzeptiert?.

Die besten Jobs von allen

Doch Stern ist wieder da: In München öffnete er 2003 eine Filiale unter eigenem Namen, Hamburg soll folgen. ?Schade nur, dass jetzt gute Lagen, wie die an der Kö in Düsseldorf verloren sind.? Die Heimat lockt: In Essen wuchs er auf, die jüdische Familie flüchtete vor den Nazis nach Brasilien, als er 17 war. Stern verdingte sich als Edelsteinsucher, ein verkauftes Akkordeon lieferte 200 Dollar Startkapital für die 1945 gegründete Schmuckfirma in Rio.Den Durchbruch schaffte Stern in den 50ern. Die ?New York Times? schrieb einst: ?Es ist, als ob ein internationaler Code den Bau eines Luxushotels verbietet, wenn nicht das Logo mit den gothischen Lettern in der Lobby zu sehen ist.? Dieses alte Logo ? inzwischen wurde es drastisch modernisiert ? freute auch die Bürger aus Sterns Heimatstadt Essen, hatte es doch eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Schriftzug der Essener Stern-Brauerei.?Hans Stern ist eine echte Persönlichkeit, ein Mann mit einer Lebensleistung?, sagt Hellmut Wempe, der Senior der gleichnamigen Hamburger Juwelierkette.Denn Stern habe den Markt für farbige Edelsteine revolutioniert: Bevor er kam, war die Suche nach den edlen Stücken ein Job für Hazardeure. Wer einen Stein fand, hatte Geld ? wenn ihm der nicht direkt gestohlen wurde. Wer kein Glück hatte, lebte bis zum nächsten Fund in Armut. Stern war der erste, der den Edelsteinsuchern regelmäßige Löhne zahlte. Und: ?Er rückte farbige Edelsteine überhaupt erst ins Bewusstsein der Käufer?, sagt Wempe.Doch von Geschichte lässt sich heute schlecht leben. Die Rückkehr nach Deutschland ist Symbol für die internationale Neuorientierung des Konzerns, der weg will von seinen Wurzeln: Denn die Marke H. Stern hängt nach 50 Jahren immer noch stark an Brasilien und den typischen Farbedelsteinen, die Touristen vor Ort gerne kaufen ? aber eben nicht zu Hause. In Brasilien hat Stern die Hälfte seiner Niederlassungen und macht rund 70 Prozent seines Umsatzes.Juniorchef Roberto, 44, soll die Marke international ausbauen. Statt teurer eigener Läden ? ?Dafür braucht man jedes Mal rund zwei Millionen Dollar? ? will Stern seine Produkte bei renommierten Handelsketten anbieten. Einzelne Flagships-Stores wie an der New Yorker Fifth Avenue sollen der Marke ihre Identität geben. Und Stars: Jennifer Lopez, Nicole Kidman und Catherine Zeta-Jones tragen bereits Schmuck von H. Stern.Trotz dieses Glamours will Stern weiter in der oberen Mittelklasse auftreten: Bezahlbar und attraktiv soll das Geschmeide sein. Nicht einfach, sich in diesem Markt zu positionieren: Denn die traditionelle Marktsegmentierung zwischen Luxusmarken wie Bulgary, den gehobenen Anbietern wie Stern und der großen Masse der Billiganbieter funktioniert immer weniger: Edelmarken bringen preisgünstigere Linien auf den Markt, Uhrenfirmen steigen ins Schmuckgeschäft ein ? und umgekehrt: Stern macht heute rund ein Fünftel seines Umsatzes mit Uhren.Sich selbst ordnet Stern in der Riege der internationalen Schmuckkonzerne unter die ?zwanzig größten? ein ? und nicht die Nummer drei nach Cartier und Tiffany, wie immer wieder gerne geschrieben wird. Umsatzzahlen aber lässt Stern sich nicht entlocken. Zu den kürzlich im ?Wall Street Journal? geschätzten 150 Millionen US-Dollar, rutscht ihm aber heraus, dass es ?schon ein bisschen mehr? seien.Heilfroh ist Stern, dass er die Nachfolgefrage unter seinen vier Söhnen geregelt hat, ?das zerreißt die meisten Familienbetriebe?: Drei seiner vier Söhne arbeiten im Unternehmen. Hans Stern selbst hält sich das Vetorecht vor, das er jedoch ?sehr selten? nutze. ?Die Jungen müssen selbst aus Fehlern lernen.?Präsent ist er trotzdem: Sein unauffälliger VW parkt täglich vor dem Konzernsitz in Rios Strandviertel Ipanema. Einen Leibwächter leistet sich Stern aber nicht. Zusammen mit seiner Frau Ruth besucht er alle Filialen weltweit mindestens einmal im Jahr und ist bei Eröffnungen persönlich anwesend.Bescheiden ist sein Büro in der Zentrale, mit einer antiquierten Gegensprechanlage. Anweisungen tippt er auf einer mechanischen Schreibmaschine, im Hintergrund ertönt Musik von Händel und Telemann. Auch sonst neigt er zu fast biederen Beschäftigungen, spielt gern Orgel und sammelt Briefmarken.Das will so gar nicht passen zu Sterns jüngstem Coup: Vor wenigen Wochen sorgte er für Schlagzeilen mit den teuersten Flipflops aller Zeiten. Mit 1 532 Goldfedern und 414 Diamanten sind sie besetzt, nur zwei Mal ließ das Unternehmen sie herstellen. Preis: 17 000 Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.01.2004