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Ein Kutscher für den BDI

Von Christoph Hardt, Markus Hennes und Siegfried Grass, Handelsblatt
Reitern ist sein Name ein Begriff, Unternehmern eher nicht. Das dürfte sich bald ändern, denn Jürgen Thumann, 62, Chef eines Familienunternehmens aus Düsseldorf, soll im November neuer Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) werden.
Jürgen Thumann soll Michael Rogowski als BDI-Präsident nachfolgen. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Denn dass es Thumann sein soll, ließ Rogowski gestern in Form einer schlichten Pressemitteilung verlautbaren. Er selbst und auch der Hauptgeschäftsführer des BDI, Ludolf von Wartenberg, waren danach nicht mehr zu erreichen. Auch deshalb schossen die Spekulationen ins Kraut.Thumann ist zwar relativ unbekannt, in Industriekreisen aber alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Denn der stets sehr korrekt gekleidete, schlanke Unternehmer ist seit langem auch als Verbandsfunktionär aktiv, er ist Vizepräsident des BDI, Präsident des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung (WSM). Vor allem aber ist er seit Mai 2001 Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, des Dachverbands der 7 100 Reit- und Fahrvereine mit insgesamt 740 000 Mitgliedern.

Die besten Jobs von allen

Dass er sich damals auch in dieses Amt wählen ließ, hatte zwei Gründe: Zum einen ist Thumann leidenschaftlicher Reiter und Fahrer und Besitzer eines Vierspänners, mit dem er es bis zum dritten Platz bei einer Deutschen Meisterschaft gebracht hat. Zum anderen sorgte Thumann vor seiner Wahl dafür, dass die Satzung geändert und ein hauptberuflicher Vorstand für den Sportverband berufen wurde. ?Unter der alten Satzung hätte ich das nicht gemacht, dafür hätte ich gar keine Zeit gehabt?, gab Thumann damals zu Protokoll.Nun hat sich der Unternehmer von Michael Rogowski breitschlagen lassen, dass Spitzenamt des BDI zu übernehmen, wohl wissend, dass damit eine ganz neue, andere Aufgabe auf ihn zukommt: Schließlich ist der BDI-Präsident einer der wichtigsten Kommunikatoren der deutschen Wirtschaft, ein Posten von nationaler Bedeutung. Gerade die große Rede aber hat Thumann bisher gescheut, selbst als WSM-Präsident ließ er oft genug andere für sich sprechen. ?Thumann ist niemand, der sich in den Vordergrund drängt?, sagt ein langjähriger Weggefährte über den designierten BDI-Präsidenten. Thumann sei ein ruhiger Typ und nicht so eckig und temperamentvoll wie Maschinenbaupräsident Diether Klingelnberg. Die fehlende Erfahrung mit den Medien könnte Thumanns Start im neuen Amt erschweren, meint ein anderer.Vielleicht hat der gebürtige Westfale die Herausforderung gerade deshalb angenommen. Seiner Verantwortung jedenfalls ist er sich bewusst: ?Als Familienunternehmer ist es für mich eine Ehre, zur Wahl zum BDI-Präsidenten vorgeschlagen zu werden. Wir Unternehmer müssen uns über die betrieblichen Interessen hinaus mehr für Deutschland einsetzen?, ließ Thumann gestern verlauten.Auf den ersten Blick kann man sich den künftigen BDI-Chef tatsächlich schwer als großen Kommunikator vorstellen: groß, schlank, stets korrekt gekleidet. Außerhalb der Reitplätze kommt Thumann daher, wie man sich früher landläufig einen Generaldirektor vorstellte. Dabei hat er als Unternehmer eine erstaunliche Karriere hingelegt und mit der Heitkamp & Thumann Gruppe aus bescheidenen Anfängen einen bedeutenden mittelständischen Automobilzulieferer geformt.Dieser Mann hat Unternehmer gelernt wie wenige andere hier zu Lande. Er war ganze 19 Jahre alt und hatte die Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann gerade erst beendet, als der Vater starb und Jürgen Thumann nichts anderes übrig blieb, als ins väterliche Unternehmen einzutreten und die Führung der Thumann Stahl Service Center zu übernehmen, einem kleinen Stahlunternehmen mit drei Niederlassungen.Sechs Jahre später tritt er in die Düsseldorfer Hille & Müller Gruppe ein und wird 1975 persönlich haftender Gesellschafter und Chef des traditionsreichen Stahlverarbeiters. Einige Jahre später verkauft er das Unternehmen an den niederländischen Stahlkonzern Hoogovens. Zusammen mit seinem Cousin Engelbert Heitkamp gründet Thumann 1978 die Heitkamp & Thumann Gruppe. Der Stahl-, Metall- und Kunststoffverarbeiter setzt heute mit mehr als 2 000 Mitarbeitern an weltweit 24 Standorten 300 Millionen Euro um. Thumann steuert die Gruppe mit einer kleinen Holding von einer der besten deutschen Adresssen aus: der Düsseldorfer Königsallee. Angaben zur Gewinnsituation macht die Familienfirma nicht. Als BDI-Präsident wird sich Thumann solche Verschwiegenheit künftig kaum mehr leisten können.Offiziell ist vom BDI nicht viel über die Personalie zu erfahren. Dennoch scheint dem Verband viel daran gelegen zu sein, einen Familienunternehmer für die Aufgabe zu gewinnen. ?Das ist eine sehr gute Entscheidung. Er ist ein ausgezeichneter Kandidat?, sagt Dietmar Harting, BDI-Vizepräsident. Mit Thumann würden die Interessen des Mittelstands gestärkt.Richtig traurig sind nur die Reiter: Angesichts der großen Belastung, die auf Thumann zukomme, sei es unwahrscheinlich, dass der Reiterpräsident sein Amt über das Jahr 2005 hinaus ausübe.
Jürgen Thumann1941 wird er am 18. August im westfälischen Schwelm bei Wuppertal geboren.
1960 schließt er im September im Alter von 19 Jahren eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann ab und übernimmt nach dem Tod des Vaters nur einen Monat später die Leitung im Thumann Stahl Service Center.
1966 tritt er als Geschäftsführer und Gesellschafter in die Hille & Müller Gruppe ein und wird dort im Oktober 1975 Vorsitzender der Geschäftsführung.
1978 gründet er gemeinsam mit Engelbert Heitkamp die Heitkamp & Thumann Gruppe und tritt als geschäftsführender Gesellschafter in die Holding Heitkamp & Thumann GmbH & Co. KG ein.
1991 wird er Mitglied im Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).
2004 schlägt BDI-Präsident Michael Rogowski ihn zu seinem Nachfolger vor.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.06.2004