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Ein Kontrolleur, der regieren will

Von Christoph Schlautmann und Hans-Peter Siebenhaar, Handelsblatt
Mit den Geschäftszahlen, die der angeschlagene Karstadt-Quelle-Konzern heute vorlegt, verbindet sich vor allem der Name Thomas Middelhoff. Der 52-Jährige regiert als oberster Konzernkontrolleur wie kaum ein zweiter Aufsichtsrat in Deutschland. Bei manchem Beteiligten stößt das auf Kritik.
Thomas Middelhoff Foto: dpa
DÜSSELDORF. Der hoch gewachsene Düsseldorfer mit der randlosen Brille regiert als oberster Konzernkontrolleur wie kaum ein zweiter Aufsichtsrat in Deutschland. Von der alten Vorstandsgarde, die den Niedergang des Konzerns über Jahre nicht in den Griff bekam, trennte sich Middelhoff fast vollständig. Allein Warenhauschef Helmut Merkel, dem Brancheninsider eine hohe Einzelhandels- und Führungskompetenz bescheinigen, durfte an Bord bleiben.Mit Finanzvorstand Harald Pinger und Personalchef Matthias Bellmann holte sich Middelhoff dagegen eigene Spitzenleute ins Haus, die sich in der Vergangenheit als Sanierer bewährt haben, und ließ es auf einen Machtkampf gegen Vorstandschef Christoph Achenbach ankommen. Den entschied er in der vergangenen Woche klar für sich.

Die besten Jobs von allen

Weitaus schneller als erwartet ist es dem Kommunikationstalent Middelhoff gelungen, seinem introvertierten Widersacher an der Vorstandsspitze ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Für Middelhoff eine stolze Leistung, denn bis zuletzt galt Achenbach als enger Vertrauter der Großaktionärin Madeleine Schickedanz. Vor 16 Jahren schon hatte der Handelsfachmann bei der Quelle Schickedanz AG angeheuert, um später das Vorstandssekretariat der Quelle-Erben in Fürth zu leiten. Achenbach wusste nicht nur, wen er im Konzern für seine Zwecke einspannen konnte, beim Start in Essen war ihm auch die Rückendeckung der Hauptanteilseignerin sicher.Geholfen hat es ihm nichts. Middelhoff, der wie Achenbach von Madeleine Schickedanz als Feuerwehrmann nach Essen geholt worden war, hat seine Mentorin offenbar davon überzeugt, dass die geschickte Aufteilung des Konzerns weitaus mehr bringt als Achenbachs simples Sparprogramm. ?Thomas Middelhoff will Karstadt-Quelle zerschlagen?, hatte Achenbach in der vergangenen Woche einem hochrangigen Geschäftspartner anvertraut.Mit der schleppenden Sanierung ? wie zunächst spekuliert ? hatte Achenbachs Abgang dagegen offenbar nur wenig zu tun. Gestern ließ der Konzern mitteilen, ein im Auftrag der Gläubigerbanken von Roland Berger erstelltes Gutachten sei zu dem Schluss gekommen, die Sanierung des Karstadt-Quelle-Konzerns befinde sich ?mit erkennbaren Erfolgen auf gutem Weg?. Nicht einmal den eingeräumten Kreditrahmen habe der Konzern bislang voll ausgeschöpft, berichten Insider.Durch das forsche Auftreten bei Karstadt-Quelle hat es Middelhoff ohne Zweifel geschafft, nach dem schmachvollen Abgang bei Bertelsmann vor drei Jahren wieder ins Rampenlicht zu rücken. Nach dem Zerwürfnis mit dem Gütersloher Konzernpatriarch Reinhard Mohn, der die Börsenpläne des Medienkonzerns ablehnte, war der selbstbewusste Top-Manager aus der ersten Reihe verschwunden. Doch Middelhoffs Comeback findet keineswegs ungeteilten Beifall. ?Ein Aufsichtsrat hat zu kontrollieren, nicht zu entscheiden?, mahnt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). ?Middelhoff muss aufpassen, dass er die Aufgaben nicht vermischt.?Zudem gerät der Chefkontrolleur damit zunehmend in die Verantwortung für die komplette Sanierung. Gelingt sie nicht, dürfte der Schickedanz-Clan bald auch über ihm den Daumen senken. ?Er wäre natürlich ein wahrer Held?, sagt ein Vertrauter, ?würde er einen ordentlichen Investor anschleppen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 12.04.2005