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Ein Job für gute Netzwerker

Von Simone Fuchs
Für die Organisation suchen deutsche Firmen Experten, im Ausland haben CSR-Spezialisten bessere Chancen.
DÜSSELDORF. Kirstin Scheel spricht fünf Sprachen und hat bei der hundertsten Bewerbung aufgehört zu zählen. Seit fast einem halben Jahr sucht die 25-Jährige einen Job. Davor hat sie ihren Master auf der Universität Nottingham in ?Corporate Strategy and Governance? gemacht.Für die Abschlussarbeit untersuchte Scheel den Umgang mit Corporate Social Responsibility (CSR) in Deutschland: ?Die Unternehmen können mit dem Thema wenig anfangen?, stellte sie dabei fest. Ebenso wenig offenbar wie mit ihrem britischen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und dem Master der Universität Nottingham.

Die besten Jobs von allen

Kirstin Scheel steht nicht alleine da. ?Die wenigsten deutschen Unternehmen gehen Corporate Social Responsibility wirklich als strategisches Thema an?, sagt Birgit Riess, CSR-Expertin von der Bertelsmann Stiftung. Meist kümmern sich die Fachabteilungen direkt um Umweltrichtlinien oder Kinderarbeit bei den Zulieferern, manchmal auch die Strategieabteilung, die Pressestelle oder hausinterne Beratungsfachleute: ?Dafür suchen die Firmen aber vor allem Leute, die fachlich fit und gut im Unternehmen vernetzt sind?, sagt Riess.Studenten, die sich auf das Thema Corporate Social Responsibility konzentriert haben, können nur selten bei potenziellen Arbeitgebern punkten. Entsprechend gering ist das Interesse der Hochschulen, CSR-Studiengänge einzurichten.Zwar haben die Hochschulen nach den Bilanzskandalen der vergangenen Jahre gut ein Dutzend Angebote rund um ?Wirtschaftsethik?, ?Angewandte Ethik? und ähnliche Philosophie-Ökonomie-Kombinationen eingerichtet. Doch wo die Absolventen landen, ist meist noch unklar. ?Diese Ethik-Studiengänge gehen in die falsche Richtung?, glaubt Riess. Denn diese Schwerpunkte rücken nach ihrer Meinung das Thema in eine ethisch-moralische Ecke und weg vom eigentlichen Geschäft.Richtig verstandene gesellschaftliche Verantwortung in den Unternehmen ist dagegen höchst relevant für das Tagesgeschäft. ?Seit Mitte der neunziger Jahre kamen immer mehr Investoren auf uns zu und haben gefragt, was wir in Richtung Nachhaltigkeit machen. Das war einer der wichtigsten Auslöser, um uns mit dem Thema CSR zu beschäftigen?, sagt etwa Astrid Zwick. Sie koordiniert das internationale Strategieteam ?Nachhaltige Entwicklung? beim Finanzkonzern Allianz in München.Heute legt der Finanzdienstleister einen Teil seiner Kundengelder ganz bewusst nach Nachhaltigkeitskriterien wie der Ressourcenschonung an. Die Allianz-Tochter Dresdner Bank führt bei der Kreditvergabe Umwelt- und Ethikprüfungen durch. Auf große Apparate will das Münchener Unternehmen aber verzichten ? das Strategieteam besteht aus Vertretern der Fachabteilungen.Auch der Versandhändler Otto legt Wert auf schlanke Strukturen. Acht Leute arbeiten in der Abteilung Umwelt- und Gesellschaftspolitik. Sie beraten andere Fachbereiche, kümmern sich um Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte, arbeiten an der CSR-Strategie des Unternehmens: ?Vor 15 Jahren bot uns die Beschäftigung mit Umweltthemen die Möglichkeit, Imagevorteile gegenüber Wettbewerbern zu erlangen?, sagt der Leiter der Abteilung, Johannes Merck. Heute gewinnt das Thema bei der Refinanzierung am Kapitalmarkt für Otto an Bedeutung.?Weil es ein Beratungsgeschäft ist, müssen wir die Sprache der Zielgruppe, also der Fachabteilungen, sprechen?, sagt Merck. Entsprechend bunt gemischt ist sein Team. Naturwissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen und Ingenieure beschäftigen sich bei Otto mit dem Thema CSR. Wichtig seien Überzeugungskraft und echtes Interesse, sagt Merck. Den Rest lernen die Mitarbeiter bei Otto im täglichen Geschäft ? Merck rekrutiert sie häufig aus einem großen Praktikantenpool.Deutsche Unternehmen suchen vor allem Fachleute mit Interesse an Umwelt- und Sozialthemen, vielleicht mit einer Zusatzqualifikation in CSR. Konzerne aus anderen Ländern sind wissenschaftlich ausgebildeten Nachhaltigkeitsmanagern gegenüber offener. Luxemburger Banken bedienen sich für ihre Nachhaltigkeitsteams aus dem Absolventenpool britischer Universitäten (siehe Kasten). Die Beratungsgesellschaft KPMG unterhält ein eigenes Beratungsteam in Amsterdam. Deutsche CSR-Fachleute müssen ihr berufliches Glück wohl auch weiterhin im Ausland suchen ? vorerst.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.04.2005