Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Ein irrer Ire

Von Dirt Heilmann
Er schreckt vor keinem Spaß zurück, um die Konkurrenz schlecht zu machen und für sein Unternehmen zu werben. Hemdsärmelig und lautstark hat sich Ryanair-Chef Michael O?Leary zur Galionsfigur der Billigflieger stilisiert ? nun holt er zum größten Coup aus.
Gags sind kalkulierte PR: O'Leary mit einem Schild, auf der sich über die Lufthansa lustig macht. Foto: dpa
LONDON. Viel Feind?, viel Ehr?. Michael O?Leary hat schon so manchen Streit vom Zaun gebrochen. Er schmäht Konkurrenten, prophezeit der Branche ein Blutbad, überzieht Flughafenbetreiber mit Klagen und tritt Regierungen und der Europäischen Kommission auf die Füße. All das hat dem Rüpel der Luftfahrtbranche nicht geschadet ? im Gegenteil, es brachte ihm viel kostenlose Publicity.Jetzt legt er sich mit dem Establishment seiner Heimat Irland an. Vier Tage nach dem Börsengang der nationalen Fluggesellschaft Aer Lingus macht er ein Übernahmeangebot für das Unternehmen, das er jahrelang erbittert bekämpft hat. Das ist ein Schock für die Manager der Airline, die mit den Millionen aus dem Börsengang ihre schönen Expansionspläne in die Tat umsetzen wollten. Und eine Blamage für die Regierung, die sich nun von Opposition und Gewerkschaften vorhalten lassen muss, ein nationales Juwel ohne Not geopfert zu haben.

Die besten Jobs von allen

Doch O?Leary hat noch nie den Kampf gescheut, sich von Hindernissen abschrecken lassen oder sich um ein politisch korrektes Verhalten geschert.Der etwa 1,78 Meter große Mann, der gerne Schlabberjeans und Billigturnschuhe trägt, lässt die neuen Flugrouten in die Alpen für die Wintersaison mit Blondinen in Bikini und Skibrillen bewerben und rühmt sich, er habe die Ryanair-Markenfigur erstmals mit erkennbaren Brüsten ausgestattet. Ohne Rücksicht auf die öffentliche Meinung beharrt er darauf, nicht mehr als vier angemeldete Behinderte pro Flug mitzunehmen und die Kosten für die Bereitstellung von Rollstühlen als Zuschlag auf alle Tickets umzulegen. Allerorten geriert sich der 45-Jährige als Kämpfer gegen Bürokratie und Abgaben. Auch nach der Aufdeckung des britischen Terrorkomplotts gegen Transatlantikflüge ist er der Erste, der gegen die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen polemisiert und der Regierung wegen der Kosten mit Klage droht.?Ich bin halt im Herzen ein irischer Bauer?, tönt O?Leary. Tatsächlich wuchs der Mann, dem für Fotografen keine Pose zu albern ist, auf einer Farm auf. Als eines von sechs Kindern galt das Motto: ?Wer nicht schnell isst, hungert.?Bauernschläue beweist er auch später ? zum Beispiel, als er seinen Mercedes als Taxi anmeldet, um im chronisch verstopften Dublin auf der Taxispur schneller voranzukommen. Seine Schulausbildung ist jedoch elitär: Ein Jesuiten-Kolleg besucht er als weiterführende Schule und studiert dann am Trinity College in Dublin.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bei Ryanair orientiert sich O?Leary gleich an zwei Vorbildern.In seinem ersten Job als Wirtschaftsprüfer lernt er Tony Ryan kennen, den Gründer einer kleinen privaten Fluggesellschaft. Doch bevor er bei ihm anheuert, macht er schon seine erste Million als Immobilienentwickler. ?Ich dachte immer, die erste Million würde so sein wie ein multipler Orgasmus ? aber nichts da?, erinnert er sich später in einem Zeitungsinterview, wie üblich nicht um flotte Sprüche verlegen.Bei der Fluggesellschaft Ryanair, die er seit 1994 führt, hat er sich an zwei Vorbildern orientiert. Zum einen an Herb Kelleher, dem Erfinder des Geschäftsmodells Billigflieger. Er hat die US-Firma Southwest Airlines konsequent zum Kostenführer gemacht. Und O?Leary holte sich im Gespräch mit ihm Ideen für Ryanair. Das andere Vorbild ist der englische Vollblutunternehmer Richard Branson, von dem sich O?Leary abschaute, wie man sich als Firmenchef mit verrückten Marketingideen teure Werbekampagnen spart. Wie Branson für Virgin steht O?Leary heute für Ryanair ? obwohl er nicht der Firmengründer ist, sondern als Angestellter anfing und mit seiner rüpelhaften, scharfsinnigen und konsequenten Art erfolgreich wurde.Auch wenn Ryanair in Sachen Flugpreise und Rentabilität zum Maßstab für die ganze Branche in Europa aufgestiegen ist, selbst O?Leary greift mal daneben. So hat er sich bis August geweigert, die Firma gegen steigende Ölpreise abzusichern. Kurz darauf tat er es dann doch auf dem Niveau von 73 Dollar. Später sanken die Ölpreise dann unter die Marke von 60 Dollar.Für O?Leary wäre der Kauf von Aer Lingus der größte Triumph ? auch wenn nicht alle Analysten seiner Logik folgen können. Im Angebot an die Aktionäre sieht er Ryanair schon auf Augenhöhe mit den großen europäischen Luftfahrt-Gruppen wie Air France/KLM und Lufthansa/Swiss/SAS. Doch bis dahin wird er noch einige Widerstände zu überwinden haben. Den Widerstand der Aer-Lingus-Manager, die das Unternehmen nicht im Abwehrkampf gegen Ryanair börsenfähig saniert haben, damit es nun eine Tochter des ewigen Konkurrenten wird. Den Widerstand der Gewerkschaften, die dazu beigetragen haben, den Ex-Sanierer Willie Walsh von weiteren Einschnitten bei Aer Lingus abzuhalten. Und den Widerstand der Regierung, die klar macht, dass sie sich nicht von ihrer Sperrminorität trennen wird.Jetzt ist ein neuer Michael O?Leary gefragt: ein diplomatischer, ein kompromissfähiger, ein integrationswilliger.
Michael O?Leary 1961: Er wird im County Cork als Sohn einer irischen Bauernfamilie geboren. Er besucht das von Jesuiten geführte Clongowe?s Wood College und beginnt nach dem Schulabschluss ein Studium als Wirtschaftsprüfer am Dubliner Trinity College.1985: Er startet seine Karriere bei der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Dort lernt er als Steuerberater Tony Ryan kennen, den Gründer der verlustreichen irischen Fluggesellschaft Ryanair.1988: Er wird nach kurzer Selbstständigkeit Assistent von Ryan.1994: O?Leary wird Vorstandschef von Ryanair.2003: Er übernimmt den Konkurrenten Buzz von KLM.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.10.2006