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Ein Hauch von Barock

Von Holger Alich
Christophe de Margerie müsste als Spross der Taittinger-Familie eigentlich nicht mehr arbeiten. Er tut es dennoch: Vom heutigen Mittwoch an als umstrittener Vorstandschef des Ölkonzerns Total, dem nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen der Euro-Zone.
Christophe de Margerie. Foto: Jacques Graf/Total
PARIS. Der Mann fällt auf: große, rundliche Statur, auf dem ein noch runderer Kopf mit runder Brille thront. Am meisten sticht sein großer, buschiger Schnäuzer hervor, dem er seinen Spitznamen ?big moustache? (Großer Schnauzbart) verdankt. Gestatten: Christophe de Margerie, neuer Chef des Ölriesen Total.Wer dem jovialen Topmanager zum ersten Mal begegnet, merkt schnell, dass sich hinter dem gemütlich wirkenden Äußeren ein scharfer Verstand verbirgt. Am Rande der internationalen Investmentkonferenz im Juni 2006 im mondänen Badeort La Baule in Westfrankreich zum Beispiel plauderte der frisch gekürte Total-Chef in spe mit einer Hand voll Journalisten. Der Ton ist locker, in seinen Händen lässt de Margerie gedankenverloren eine Zigarette kreisen.

Die besten Jobs von allen

Als ein Kollege eine etwas ausladende Frage zu den Risiken von Investments in Russland stellt, kann sich der Angesprochene eine spitze Bemerkung nicht verkneifen: ?Ihre Frage war so lang, dass ich jetzt gar nicht mehr weiß, was sie eigentlich von mir wissen wollen.?Typisch de Margerie: Der Whisky-Sammler zeigt sich schlagfertig, humorvoll und liebt die Debatte. So wird es wohl auch heute sein: Wenn er bei seinem ersten großen öffentlichen Auftritt die Jahreszahlen von Total präsentiert, wird er wie das leibliche Gegenstück seines Vorgängers Thierry Desmarest wirken, dem kalten Technokraten.Aber Desmarest hat aus Total dank der feindlichen Übernahme des viel größeren Lokalrivalen Elf den viertgrößten Ölkonzern der Welt geschmiedet. Sein Nachfolger wird dagegen die strategischen Weichen für die Post-Öl-Ära stellen müssen. Und er tritt sein Amt mit einer schweren Hypothek an: Die Justiz ermittelt gegen de Margerie wegen des Verdachts, im Rahmen des Programms ?Öl für Nahrungsmittel? illegale Zahlungen an den Irak veranlasst zu haben.Wirtschaftlich übernimmt der 55-Jährige ein gut bestelltes Haus. Auch wenn Analysten wegen zurückgehender Förderung im vierten Quartal mit einem Gewinnrückgang rechnen, geht es Total mit rund zwölf Milliarden Euro Gewinn pro Jahr glänzend.Der Ölriese hat eher ein Imageproblem, mit dem sich auch der neue Chef herumschlagen muss. Denn statt auf Totals Milliardenprofite stolz zu sein, ist das Unternehmen laut Umfragen der in Frankreich unbeliebteste Konzern des Leitindexes CAC 40. Und eine Zielscheibe der Politik: Die sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal verspricht bereits, die ?ungerechtfertigten Profite? der Ölkonzerne mit einer Sondersteuer belegen zu wollen.Hinzu kommt, dass in diesen Tagen Total als Konzern nicht nur im übertragenen Sinne auf der Anklagebank sitzt. Denn am Montag hat in Paris der Prozess um den gesunkenen Öltanker ?Erika? begonnen. Das Schiff, im Auftrag von Total unterwegs, ist 1999 vor der bretonischen Küste gesunken und verursachte eine Umweltkatastrophe.Kann es sich der Konzern überhaupt leisten, einen Mann als Chef auf den Thron zu heben, der selbst in das Fadenkreuz der Justiz geraten ist? Die Frage wird in Frankreichs Geschäftskreisen eifrig diskutiert, seitdem der französische Ermittlungsrichter Philippe Courroye de Margerie Ende Oktober für 48 Stunden in Untersuchungshaft steckte ? wegen der ?Öl für Nahrungsmittel?-Affäre.Total äußert sich nicht zu dem heiklen Thema. Der Betroffene selbst hat die Vorwürfe ganz undiplomatisch als ?bullshit? bezeichnet. Jedoch sahen sich Desmarest und der Total-Großaktionär, der belgische Milliardär Albert Frère, genötigt, dem Kronprinzen öffentlich den Rücken zu stärken. Schon ging das Gerücht durch Paris, dass der bald aus dem Amt scheidende Finanzminister Thierry Breton gerne Total-Vorstandsvorsitzender werden würde.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Von Haus aus Millionär Der Chefsessel im 44. Stock des Total-Turms im Pariser Vorort La Defense, den de Margerie am Dienstag offiziell übernahm, kann sich daher schnell als Schleudersitz entpuppen. Dabei hat der Lebemann de Margerie den Stress gar nicht nötig: Als Enkel von Pierre Taittinger, Begründer des Luxus-Imperiums (Hotels, Schmuck, Champagner), verfügt er von Hause aus über ein Millionenerbe.Das verwirrt manchmal auch hochgestellte Persönlichkeiten: In den 90ern empfing der damalige Total-Chef Serge Tchuruk den Energieminister von Katar im Pariser Luxushotel de Crillon. ?Wussten Sie, dass das Hotel der Familie von Christophe gehört?? fragte Tchuruk seinen weit gereisten Gast. Dieser wandte sich verblüfft an de Margerie zu und fragte: ?Und warum arbeiten Sie dann noch?? Doch Big Moustache hatte noch nie Lust, sich im Familienimperium abzumühen. Auch als sich die Familie Taittinger mal wieder heillos zerstritten hatte, lehnte er ab, die Konzernführung zu übernehmen. 2005 wurde das Imperium verkauft und zerschlagen.De Margerie will unabhängig sein von den familiären Wurzeln. Nach der École de commerce de Paris (er ist stolz, keine Elite-Schule wie Ena oder École de Mines gemacht zu haben) fängt er mit 22 Jahren bei Total an ? ?weil der Firmensitz am nächsten zu meiner Wohnung im 16. Arrondissement lag?, scherzt er.Zunächst macht er in der Finanzabteilung Karriere. Mitte der 90er übernimmt er die Verantwortung für das Fördergeschäft in der Schlüsselregion Naher Osten. ?Er findet sofort den richtigen Ton und schafft es, Vertrauen zu erzeugen, das ist eines seiner Geschäftsgeheimnisse?, meint der Anwalt Jean Veil, einer seiner engen Freunde. Nicht ganz unbescheiden sagt de Margerie selbst: ?Es gibt etwas, was an den Ingenieursschulen nicht gelehrt wird: das Benehmen. Gute Beziehungen aufzubauen will gelernt sein.? Im September 1997 gelingt ihm einer seiner größten Coups: Unter den Konzernen, die in Iran das riesige Gasvorkommen South Pars erschließen dürfen, ist auch Total. Die USA toben, wollen sie doch den Mullahstaat wirtschaftlich möglichst isolieren. Doch de Margerie hat einmal mehr sein Verhandlungsgeschick bewiesen. Kurz darauf steigt er zum Chef der Fördersparte auf, dem wirtschaftlichen Rückgrat von Total. Dass er bei wichtigen Treffen gerne mal zu spät kommt, fällt nicht ins Gewicht.Der neue Total-Chef scheut sich auch sonst nicht, anzuecken. Iran, befand er einmal ?hat sich enorm verändert, im Gegensatz zu dem, was immer über das Land gesagt wird?. Auch in anderen Punkten weicht der barocke Konzernchef vom Pariser Mainstream ab. So ist der Musikliebhaber Fan des französischen ?Deutschland sucht den Superstar?-Gegenstücks ?Star Academy?, und damit ?wohl der einzige Chef eines CAC-40-Unternehmens, der das auch zugibt?, sagt sein Freund Jean-Pierre Jouyet, Chef der französischen Finanzverwaltung.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2007