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Ein Graf mit Kumpelqualität

Von C. Dohmen u. F. Wiebe, Handelsblatt
Auf den ersten Blick wirkt er wie ein übrig gebliebener Graf aus Schleswig-Holstein. Günter Dibbern behält selbst, wenn er lächelt, tiefe, senkrechte Furchen im Gesicht. Er hält sich stets ein wenig steif.
DÜSSELDORF. Wenn er sich ganz locker fühlt, hängt er das Jackett lose über die Schultern. Seine Stimme klingt gedämpft, mitunter sogar hohl. Man muss wohl eher seinen Spott als seinen Zorn fürchten.Der neue Chef der DKV, Europas größter privater Krankenversicherer, kann unnahbar, beinahe arrogant wirken. Doch dieser Eindruck wandelt sich, spätestens wenn der Norddeutsche einen seiner trockenen Witze anbringt. ?Das ist hier wie auf der Titanic, da haben die auch bis zum Schluss noch gefeiert?, erzählt er auf einer feucht-fröhlichen Veranstaltung seiner Branche, bei der es unter anderem um die Bedrohung der privaten Krankenversicherer durch die Gesundheitsreform ging.

Die besten Jobs von allen

Dibbern tritt in die Fußstapfen von Jan Boetius, einem visionären gesundheitspolitischen Strategen, der keinen Konflikt mit seinen Branchenkollegen scheute. Sein hoch gewachsener Nachfolger zeigt sich ebenfalls selbstbewusst. ?Für den Branchenführer müssen auch unkonventionelle Vorstöße doch selbstverständlich sein?, gibt er sich am Rande seiner Amtseinführung in der Kölner Unternehmenszentrale kämpferisch.Vorstöße mit Worten liegen ihm auf jeden Fall: Hin und wieder verletzt Dibbern seine Mitmenschen mit seiner Schlagfertigkeit, aber auch sich selbst kann er mit einem Schuss unterkühltem Humor betrachten.?Anfangs habe ich ihn nicht besonders gemocht, weil er sehr distanziert auf mich wirkte?, sagt ein DKV-Manager. ?Aber wenn man häufiger mit ihm zu tun hat, entdeckt man, dass er ganz gute Kumpelqualitäten hat.?Und Weitblick. Kein Wunder: Wer täglich seinen Blick aus dem Panoramafenster im 18. Stockwerk der DKV-Zentrale wandern lässt, der behält auch den Überblick über die Branche und ihre Zukunft.Dibbern prognostiziert ein Zusammenrücken von gesetzlichen und privaten Anbietern. ?Die Schnittmenge an Miteinander wird größer.? Fraglich ist allerdings, ob es in Zukunft überhaupt noch eine private Vollversicherung in Deutschland geben wird. Schließlich bedrohen politische Konzepte wie Bürgerversicherung und Kopfpauschalen die Branche existenziell. Die Entscheidung wird wohl in der Ära Dibbern fallen. Und so zählt er ?politische Durchsetzungsfähigkeit? neben Konzeptfähigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit zu den Kernanforderungen für eine Krankenversicherung in diesen Tagen. Es ist wohl keine Koketterie, wenn er um Unterstützung der Versicherungsmanager, Mitarbeiter und Politiker wirbt. Man merkt Dibbern an: Er weiß um die Schwere der Aufgabe, die er übernommen hat.Zumal auch der Druck im eigenen Konzern steigt. Denn die Münchener Rück, Konzernherrin der DKV-Mutter Ergo, fordert eine Steigerung der Renditen. Und die DKV hat in den vergangenen Jahren viel Geld an den Kapitalmärkten verloren.Da sind Kämpferqualitäten gefragt, die Wegbegleiter Dibbern aber zutrauen. Der 1946 in Rendsburg Geborene, hat sich hochgearbeitet vom Iduna-Azubi bis zum DKV-Chef. Seit 15 Jahren ist er schon im Haus.Sein Ressort wird mit dem Schlagwort ?Versicherungsbetrieb? umschrieben. Dahinter verbirgt sich der Kern des Geschäfts, vor allem die Frage, mit welchem Mitteln die Ausgaben für Schäden unter Kontrolle gehalten werden können.Nicht zufällig ist er seit 1995 auch ?Vorsitzender des Leistungsausschusses des Verbandes der privaten Krankenversicherung? ? eines seiner zahlreichen Ämter auf Konzern- und Verbandsebene. Als Nachfolger von Boetius ist er seit Anfang des Jahres auch in den Vorstand der Ergo-Holding aufgerückt.Eines der Themen, die Dibbern besonders am Herzen liegen, ist die Beratung seiner Kunden. Dahinter verbergen sich auch geschäftliche Interessen: Gesündere Kunden verursachen weniger Kosten. Aber der Vorteil liegt auf beiden Seiten. Dibbern hat bei der DKV eingeführt, dass Kunden mit bestimmten schweren Krankheiten wie Diabetes sich die Empfehlung für Spezialisten holen können. Dahinter steht auch die Erfahrung, dass viele praktische Ärzte zum Beispiel von Diabetes kaum Ahnung haben. ?Deswegen halte ich auch nichts von Hausarztmodellen?, sagt Dibbern.Damit spricht er ein heißes Thema an: Nicht nur für die gesetzlichen Kassen, auch in seiner eigenen Branche gibt es Überlegungen und Modelle, die Kranken erst zum Hausarzt zu schicken. Angeblich sollen sich derartige Tarife bei der Konkurrenz ? zum Beispiel bei der Axa ? rechnen. Aber Dibbern meint: ?Vielleicht liegt das nur daran, dass sich für diese Tarife ohnehin die kostenbewussteren Kunden interessieren.? Um eine Antwort ist er eben nie verlegen.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.01.2004