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Ein Gewerkschaftsmann mittendrin

Von Christoph Hardt
Der schweigsame IG-Metall-Vize Berthold Huber war in den letzten Wochen einer der wichtigsten Spieler im Kampf um die Macht bei Siemens. Als Mitglied des Aufsichtsrats war er an allen Entscheidungen nah dran ? und hat sich doch zurückgehalten. Ein Blick hinter die Kulissen.
Berthold Huber steht am Sonntag bei der Verkündung des neuen Chefs zwischen Gerhard Cromme (l.) und Peter Löscher (r.). Foto: dpa
MÜNCHEN. Er könnte auch für einen Intellektuellen durchgehen. Und wahrscheinlich hält er sich auch für einen. Manchmal fahrig, zappelig, hinter der Brille ein Gesicht wie unter Hochdruck. Und doch irgendwie blass.Einen ?Anker der Stabilität?, sagt ein Kollege, stelle man sich jedenfalls anders vor. Es hat also auch mit den Umständen zu tun, dass Berthold Huber, als Zweiter Vorsitzender die Nummer zwei der IG Metall und seit Juli 2004 Mitglied des Aufsichtsrats der Siemens AG, heute im Konzern in einer Schlüsselposition sitzt. Auch deshalb durfte Huber heute vor der Weltöffentlichkeit dem neuen Chef, Peter Löscher, die volle Unterstützung der Arbeitnehmer versprechen.

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Lange Zeit hat Berthold Huber zu Siemens geschwiegen, hat die Vertraulichkeit von Aufsichtsratssitzungen ernst genommen. Das passt zu diesem bedächtigen Mann, dem man den Arbeiterführer äußerlich kaum glauben kann. Dann, am Osterwochenende, hat er sich erstmals klar zu Wort gemeldet. In einem Interview mit der ?Stuttgarter Zeitung?, so einer Art Heimatblatt des Schwaben, redete er über Heinrich von Pierer und sagte den schönen Spruch: ?Im Zweifel für den Angeklagten?. Zwischen den Zeilen aber wurde klar: Hier geht einer auf Abstand.Wenige Tage zuvor war der Skandal um die Zahlungen an die Arbeitnehmerorganisation AUB bekannt geworden. Auch das war in der Ära des Heinrich von Pierer geschehen. Das Vertrauenskapital, das sich der Mann, der lange Jahre Siemens verkörperte, auch auf der Arbeitnehmerbank erarbeitet hatte, es war damit endgültig verbraucht.Seither haben Karrieren einen Knacks bekommen, sind Bekanntschaften, ja Freundschaften zu Bruch gegangen. Im Umfeld von Pierers heißt es daher wenig überraschend, Huber könne man nicht mehr über den Weg trauen. Auch das passt zur Atmosphäre des Misstrauens, die im Umfeld von Siemens gedieh. Kaum ein Tag in den vergangenen Wochen ohne neue Gerüchte, ohne Unterstellungen.Gewerkschaftsfunktionäre als Aufsichtsräte ? das ist ein eigenes Kapitel. Deshalb schien Huber als Abgesandter der IG-Metall-Zentrale im Siemens-Kontrollgremium lange im Schatten der Vertreter des Betriebsrates zu stehen, allen voran dem von Ralf Heckmann, dem Chef des Gesamtbetriebsrats und Zweiten Vorsitzenden im Aufsichtsrat. Doch mit dem Auffliegen der Skandalgeschichten haben sich die Gewichte verschoben. Nun ist es die Distanz zu den Geschehnissen, die Autorität begründen kann. Auch im Falle des neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme. Je weiter weg von den Machenschaften einer gewesen ist, desto besser scheint das heute zu sein.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hubers außergewöhnliche Karriere.Berthold Huber hat keine gewöhnliche Gewerkschaftskarriere hinter sich. Er kommt aus gutbürgerlicher Umgebung, der Vater war Ingenieur. Er wächst, 1950 in Ulm geboren, mit sechs Geschwistern auf. Dem gutbürgerlichen Elternhaus folgt die wilde Studentenbewegung, Huber lässt sich auf stramm linke Ideen ein, wird zum ?typischen 68er?, wie er selbst von sich sagt. Er lernt trotz Abitur Werkzeugmacher und geht zur Busfirma Kässbohrer, wo er 1978 Gesamtbetriebsratschef wird.Nach sechs Jahren hört er auf, macht einen Schnitt und beginnt ein Studium der Geschichte, Philosophie und Politik in Frankfurt. Aus dem ziemlich reifen Studenten wird ein Gründer, als ihn die IG Metall 1990 zum Aufbau der Organisation in Ostdeutschland holt.Als Organisator erfolgreich, wird Huber zur rechten Hand des damaligen Gewerkschaftschefs Franz Steinkühler. Dann gewinnt Huber das Vertrauen von Walter Riester und erarbeitet sich als intelligenter Tarifpolitiker im IG-Metall-Vorzeigebezirk Baden-Württemberg den Ruf eines verlässlichen, gemäßigten Gewerkschafters.2003 scheint seine Gewerkschaftskarriere dem Höhepunkt zuzustreben, der scheidende Chef Klaus Zwickel will Huber als seinen Nachfolger. Doch der Kämpfer Jürgen Peters macht das Rennen. Huber wird nach heftigen internen Grabenkämpfen Nummer zwei und geht in Frankfurt in die Warteschleife. Eine Warteschleife, in der er durchaus wichtige Dinge bewegt. Als Zweiter Vorsitzender ist Huber ? wie vor ihm Peters in gleicher Funktion ? speziell für die tarifpolitische Strategie zuständig, eine Schlüsselstellung.Bei seiner Amtsübernahme ist die IG Metall noch durch das Desaster um den gescheiterten Streik für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland demoralisiert, in seine Amtszeit fallen wichtige Fortschritte auf dem Weg zu einer differenzierteren Tarifpolitik: 2004 schließt die IG Metall mit den Arbeitgebern das ?Pforzheimer Abkommen?, ein Regelwerk für betriebliche Abweichungen vom Flächentarifvertrag. Ein anderes Beispiel liefert die in der Lohnrunde 2006 vereinbarte variable Einmalzahlung, die mit dem jüngsten Tarifabschluss von Anfang Mai zu einem variablen ?Konjunkturbonus? fortentwickelt wird.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Waffenstillstand mit Kleinfeld.Bis heute kann man nur mutmaßen, ob Hubers Warteschleife in diesem Jahr ein Ende finden wird. Klar ist: Der IG-Metall-Kongress in Leipzig Anfang November wählt eine neue Gewerkschaftsführung. Ob Peters sein Amt an der Spitze dann wirklich abgibt, ist unklar: Intern soll Huber zwar bereits 2003 eine feste Zusage erhalten haben. Öffentlich hat sich Peters aber bis heute nicht auf das Ende seiner Amtszeit festgelegt ? was mit jedem weiteren Tag mehr Raum für Spekulationen schafft.Mit dem Taktieren um Posten hat Huber also bereits seine eigenen Erfahrungen gesammelt, als er am 1.Juli 2004 in den Siemens-Aufsichtsrat einrückt. Wenige Tage danach verkündet von Pierer, dass Klaus Kleinfeld Anfang 2005 sein Nachfolger werden soll. Mit Sorge verfolgt die IG Metall lange Zeit Kleinfelds Umbaupläne. Aufsichtsratschef von Pierer gilt der Gewerkschaft hingegen als vergleichsweise zuverlässiger Garant für Kontinuität. Dann bricht die Skandalwelle los.In den Tumulten der vergangenen Wochen schien es manchmal, als habe die IG Metall unter Huber mit Klaus Kleinfeld so eine Art Waffenstillstand geschlossen. Dann aber verliert der Konzern Ende April seine beiden Führungsfiguren. Der neue Aufsichtsratschef Cromme braucht nun eine Zweidrittelmehrheit, um einen Kandidaten im Aufsichtsrat durchzubringen ? und Huber wird zu einer der wichtigsten Figuren im Spiel um die Macht.Cromme wie Huber sind in den vergangenen Wochen zur Überzeugung gelangt, dass Siemens eines gründlichen Neuanfangs bedarf. Die ganze Dimension des Skandals sei noch gar nicht abzusehen, hat Huber vor wenigen Tagen, für seine Verhältnisse erstaunlich offen, zum Fall Siemens gesagt: ?Ich habe den Eindruck, dass wir in ein Fass ohne Boden schauen.?Es ist noch gar nicht so lange her, da haben sie bei Siemens darüber gelacht, wenn gesagt wurde, wahrscheinlich müsse ein Fremder her, um das Haus in Ordnung zu bringen. Bis zum Schluss gab es auch auf der Arbeitnehmerbank des Aufsichtsrates einige, die an eine interne Lösung glaubten. Insofern ist es ein Segen fürs Unternehmen, dass es Leute gibt, die das Getümmel mit einer Portion Distanz beobachten können, um daraus ihre Schlüsse zu ziehen.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.05.2007