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Ein Gentleman fürs Grobe

Von Stefanie Müller
Ohne internationale Erfahrung und mit schlechten Englischkenntnissen soll der Spanier Francisco Gómez Roldán die britische Hypothekenbank Abbey National führen. Doch der bisherige Verwaltungschef der größten spanischen Bank Santander Central Hispano bringt viele wichtige Eigenschaften für seinen neuen Job mit.
MADRID. Die Voraussetzungen sind auf den ersten Blick alles andere als ideal. Francisco Gómez Roldán hat keine internationale Erfahrung und spricht schlecht Englisch. Und ausgerechnet er soll die britische Hypothekenbank Abbey National führen. Anfang dieser Woche ist er angetreten, um das britische Kreditinstitut in die Gruppe der größten spanischen Bank Santander Central Hispano (SCH) zu integrieren. Die Spanier hatten die Übernahme von Abbey National vor kurzem offiziell abgeschlossen.Der bisherige Finanzchef der SCH hatte scheinbar selbst nicht mit seiner Ernennung gerechnet. Als sie Ende Oktober in Santander bekannt gegeben wird, sitzt der hoch gewachsene Spanier Gómez Roldán nicht vorne auf dem Podium neben dem mächtigen SCH-Präsidenten Emilio Botín, sondern im Publikum zwischen den Journalisten. Etwas unbeholfen ergreift er das Mikrofon und steht auf. ?Wir werden vor allem versuchen, schnell die Verwaltungsprozesse der Abbey ? ein Konto zu eröffnen dauert derzeit bis zu zwei Monate ? zu entschlacken?, antwortet er einem Journalisten.

Die besten Jobs von allen

Auf den zweiten Blick bringt der 51-jährige Protegé von SCH-Vizepräsident Alfredo Saenz viele wichtige Eigenschaften für seinen neuen Job mit. Der gelernte Luftfahrtingenieur und Wirtschaftswissenschaftler, der seit 1978 im Bankensektor arbeitet, kenne ?das Hypothekengeschäft wie seine Westentasche?, sagt Robert Tornabell, Wirtschaftsprofessor an der spanischen Businessschule Esade in Barcelona. Abbey National ist in Großbritannien im Hypothekengeschäft die Nummer zwei. Zudem bescheinigt Tornabell ihm, dass er im IT-Bereich ?wirklich ein Experte? sei.Als Gómez Roldán von 2000 bis 2002 die Geschäfte bei der SCH-Tochterbank Banesto leitete, war vor allem er es, der moderne Technologie einsetzte, um die Effizienz der Filialen zu verbessern, nach dem Motto: ?Wir verzichten auf keine einzige Filiale, aber wir benötigen dafür weniger Angestellte.? Als Chief Executive Officer brachte er die angeschlagene Bank auf Vordermann. Präsident von Banesto, deren Geschäftsmodell nun auf Abbey National übertragen werden soll, war damals niemand anders als sein Fürsprecher Saenz.Francisco Riquel, Analyst beim französischen Broker CA Chevreux, hebt hervor, dass Gómez Roldán schon ?viele Fusionen hautnah miterlebt? habe. Von 1978 bis 1991 arbeitete der begeisterte Jäger zunächst in der Banco de Vizcaya, die später mit der Banco de Bilbao zur BBV fusionierte. 1991 wechselte er als Finanzchef zur öffentlichen Argentaria, die später mit der BBV zur BBVA, zur zweitgrößten Bank Spaniens fusionierte.Riquel glaubt, dass Gómez Roldan im ersten Jahr bei Abbey den Ton angeben wird: ?Wenn dort dann alles zur Zufriedenheit läuft, Kosten eingespart werden und die Effizienz der Kreditvermittlung erhöht werden kann, dann kann es sein, dass Botín ihn wieder zurückholt und einen lokalen Banker einsetzt, wie es auch zuerst geplant war.?Übermäßig freundlich wird man Paco, wie der zweifache Vater Gómez Roldán von Freunden genannt wird, in England wohl nicht empfangen. Schließlich wird eine der Hauptaufgaben des spanischen Gentlemans sein, sich bei Abbey National ums Grobe zu kümmern. Er muss bis 2007 rund 3 000 Jobs streichen. Und das ist erst der Anfang. Saenz hatte bereits Ende Oktober angekündigt, dass danach die Restrukturierung weitergehe.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.11.2004