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Ein frecher Vogel

Von Tanja Kewes
Thomas Winkelmann greift mit Germanwings andere Billigflieger an ? und testet damit gleichzeitig für den Mutterkonzern Lufthansa neue Konzepte.
Flugzeuge der Billigfluglinie Germanwings auf dem Flughafen Köln/Bonn. Foto: dpa
KÖLN. Eigentlich trägt er keine Krawatten. Für sein erstes Interview aber hat sich Thomas Winkelmann eine umgebunden ? und die sitzt schief. Der Chef der Fluggesellschaft Germanwings merkt es und dreht an ihr wie an einem Strick, der sich um seinen Hals zuzuziehen droht. ?Lachen Sie nicht?, sagt er, ?Sie können doch auch keine binden!?Thomas Winkelmann ist anders als andere Manager bei der Deutschen Lufthansa, der Germanwings gehört ? und es ist auch seine Aufgabe, anders zu sein. ?Ich bin der Freak?, sagt der 48-Jährige über sich selbst. Der studierte Linguist und Historiker startete seine Karriere nicht ? wie typisch für die Branche ? in der Luftfahrt, sondern bei der Deutschen Reisebüro GmbH und bei der Kaufhof AG.

Die besten Jobs von allen

Für die Billigtochter der Lufthansa ist er seit September verantwortlich. Er soll mit ihr die Konkurrenz Ryanair, Easyjet und die deutsche Nummer zwei, Air Berlin, in Schach halten und als ?ein Think-Tank im Konzern?, so Winkelmann, auch neue Ideen liefern.Seit ihrer Gründung im Jahr 2002 ist die Billigtochter auf Expansionskurs. Im vergangenen Geschäftsjahr stieg der Umsatz um 39 Prozent auf 560 Millionen Euro. Für dieses Jahr strebt Germanwings ein Umsatzplus auf ?über? 600 Millionen Euro an. Die Zahl der Passagiere soll von 7,1 auf über acht Millionen steigen. Die Airbusflotte soll bis 2009 von 27 Maschinen auf 35 ausgedehnt werden. Und seit Freitag greift Germanwings auch von Dortmund, ihrer fünften Basis, ihre Konkurrenten an.Trotz der Erfolgsbilanz fragen sich Branchenbeobachter: Was will Lufthansa-Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber mit der Billigtochter?Sie bietet zwar Ryanair und Co. Paroli, doch beißt sich das günstige Angebot von Germanwings auf Rennstrecken wie Köln/Bonn-München und Hamburg-München mit den 99-Euro-Angeboten der Lufthansa. Außerdem fliegt Germanwings zwar profitabel, doch nur mit einer Gewinnmarge von einem Prozent. Im Kampf um die Kostenführerschaft in Europa ist sie für Lufthansa wie ein Fahrwerk, das sich nach dem Start nicht einfahren lässt.Doch Germanwings-Chef Winkelmann hat einen Trumpf: Das Unternehmen ist eine Art Entwicklungslabor für neue Vertriebs- und Vermarktungsstrategien und schlankere Abläufe. Was sich bei Germanwings bewährt, das findet sich später bei der Mutter Lufthansa wieder. So heißt das Pendant der 19-Euro-Eckpreis-Kampagne bei Lufthansa ?99 Euro Better Fly?. Und alle neuen Werkzeuge auf der Homepage der Lufthansa hat zuerst Germanwings getestet.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Acht Jahre in New York und Miami haben ihre Spuren hinterlassenThomas Winkelmann kam erst im vergangenen September von der Mutter ? allerdings nicht aus der Zentrale am Frankfurter Flughafen. In den Vereinigten Staaten führte er seit 1998 in verschiedenen Positionen die Geschäfte ? und beobachtete Konkurrenten wie Jetblue. Die weltweit größte Billigfluglinie profilierte sich früh mit Kleinigkeiten wie blau eingefärbten Kartoffelchips als Marke und institutionalisierte den Direktverkauf übers Internet.Die acht Jahre in New York und Miami haben ihre Spuren hinterlassen. ?Hi Guys?, begrüßt Winkelmann zwei Mitarbeiter beim Pförtner in Köln. Im Gespräch sucht er einige Augenblicke nach dem richtigen deutschen Ausdruck für ?aircraft utilisation?, und seine Zufriedenheit äußert er in dem Ausruf: ?Der Job ist super!? Seine lockere Art kommt nicht überall an. Ein Geschäftspartner nennt es die ?amerikanische Cowboymentalität: laut, locker, leichtfüßig?.Den lilagelben Vogel der Lufthansa will Winkelmann flügge machen. Sein Vorbild sind Onlinehändler: ?Germanwings soll sich wie Amazon weiterentwickeln. Das Angebot muss um das Kernprodukt Buch beziehungsweise Flug ausgeweitet werden.? Dazu zählt er den Zug zum Flug, Hotel und Mietwagen.Die Flucht nach vorn ist die einzige Lösung in einer Branche, in der Größe auch Stärke ist: Aus Hapagfly und HLX ist Tuifly geworden, und Air Berlin ist mit der Billiglinie DBA und dem Ferienflieger LTU zur Nummer zwei in Deutschland aufgestiegen.Großen Worten hat Winkelmann bisher aber keine großen Taten folgen lassen. Die Pläne für Dortmund und die 19-Euro-Kampagne sind vor seiner Zeit entstanden. Winkelmann gilt als ?Alleinkämpfer?. So pflegt er keinen engeren Kontakt zum zweiten Geschäftsführer Joachim Klein, der vom Vorgänger Eurowings stammt und Germanwings mit aufbaute.Winkelmann geht nur kleine Schritte. Der Anteil der Geschäftskunden liegt zwar schon bei 42 Prozent. Winkelmann will noch mehr und bietet einen flexiblen Tarif zum Festpreis von 169 Euro an, der die kostenlose Umbuchung und Stornierung erlaubt. Doch von den Tugenden der Billigfliegerei wie dem Direktverkauf via Internet und der freien Sitzplatzwahl will er nicht abrücken. ?Keep it simple. Komplexität kostet Geld?, sagt er.Wie sehr er auf die Kosten achten muss, wird jedem klar, der die Firmenzentrale besucht. Die Möbel in Winkelmanns Büro sowie in allen anderen Räumen am Flughafen Köln-Bonn sind schlicht. Sie stammen aus der Konkursmasse eines Call-Centers.Und sein Dienstwagen? Ist ein Mini Cooper im Corporate Design von Germanwings. Mit dem fährt nicht nur der Chef selbst zur Arbeit und zu Terminen. Tagsüber dürfen ihn auch Mitarbeiter benutzen. ?Der Mini Cooper ist flink und frech!? sagt Winkelmann, der Freak im Lufthansa-Konzern.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Thomas Winkelmann Vita von Thomas Winkelmann 1959 wird er in Hagen geboren. In Berlin und Münster studiert er Linguistik und Alte Geschichte und absolviert ein BWL-Aufbaustudium.1998 startet Winkelmann nach Stationen beim Deutschen Reisebüro und beim Kaufhof bei der Deutschen Lufthansa in den USA. Vom Leiter für das Geschäft in Lateinamerika/Karibik in Miami steigt er zum Vice President Nord- und Südamerika in New York auf.2004 macht er an Harvard seinen MBA.Seit dem 1. September 2006 ist er Sprecher der Geschäftsführung von Germanwings. Die 100-prozentige Tochter der Lufthansa ist deren Antwort auf die Billigflieger. Winkelmann wohnt in Köln, seine Frau mit beiden Kindern in Berlin.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.06.2007