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Ein Ex-Egoist hilft Kerry

Von Sebastian Jost, Handelsblatt
George Soros, der Star unter den amerikanischen Fondsmanagern, holt zwei Söhne in die Geschäftsführung und gewinnt mehr Zeit für den US-Wahlkampf. Diesen hat der 74-jährige Milliardär kurzerhand zu einem Kampf ?um Leben und Tod? und zur ?wichtigsten Sache in meinem Leben? erklärt.
NEW YORK. Er spricht langsam, oft stockt er für einen Moment. Er könne sich schlecht kurz fassen, sagt George Soros. Sein osteuropäischer Akzent ist deutlich zu hören, obwohl er seit fast 50 Jahren in New York lebt. Nein, der Idealtyp eines amerikanischen Wahlkämpfers ist Soros nicht. ?Ich bin eigentlich nicht politisch aktiv?, sagte er letzte Woche im US-Fernsehen.Trotzdem wird der Star unter den amerikanischen Fondsmanagern bis Ende Oktober durch zwölf Städte tingeln und versuchen, den demokratischen Kandidaten John Kerry ins Weiße Haus zu reden. Trotzdem hat er bereits rund 18 Millionen Dollar an Kerry-nahe Organisationen überwiesen und letzte Woche angekündigt, noch zwei bis drei Millionen draufzusatteln. Und trotzdem schaltet er in den größten US-Zeitungen doppelseitige Anzeigen mit dem Titel: ?Warum wir Präsident Bush nicht wieder wählen dürfen?.

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Der 74-jährige Milliardär erklärt den Präsidentschaftswahlkampf 2004 zu einem Kampf ?um Leben und Tod? und zur ?wichtigsten Sache in meinem Leben?. Passend dazu zieht er sich aus dem Feld zurück, das bisher sein Leben war: Gestern hat er angekündigt, im Fondsgeschäft in die zweite Reihe zu treten. Seine Söhne Robert, 41, und Jonathan, 34, erhalten größere Verantwortung im Unternehmen des Vaters.Robert Soros übernahm bereits im vergangenen Monat die Führung des 8,3 Milliarden schweren Quantum-Fonds. Jetzt werden er und sein Bruder Jonathan zu Vizevorsitzenden des Verwaltungsrats von Soros Fund Management. Vorsitzender bleibt George Soros. Zugleich verkauft der Financier mehrere erst in den letzten zwei Jahren erworbene Teile des Unternehmens, darunter die Immobiliensparte und das Kreditgeschäft. Die Firma solle sich wieder auf Fonds konzentrieren, teilte Soros mit.Damit hat der Milliardär mehr Zeit, sich um die Wahl Kerrys zu kümmern. Er sei ?ernsthaft besorgt?, sagt George Soros seit Monaten in jede Kamera, die sich ihm bietet. ?Amerika ist eine Gefahr für die Welt geworden.? Bushs Regierung besteht in Soros? Augen aus ?Überlegenheitsfanatikern und religiösen Fundamentalisten?. Sie hätten Amerika unsicherer gemacht und den Terrorismus als Vorwand genommen, um die Strafverfolgung zu verschärfen, schreibt Soros in seinem neuesten Buch: ?Die Vorherrschaft der USA ? eine Seifenblase? (Karl Blessing Verlag, München).Dass George Soros einen Teil seines 7,2-Milliarden-Vermögens in den Wahlkampf steckt, zeigt den Wandel eines skrupelarmen Spekulanten, der genug Geld verdient und eine neue Herausforderung entdeckt hat: die Verbesserung der Welt und der US-Politik. Jetzt investiert er in Leute wie Amy.Amy (Name geändert) sitzt im obstbefleckten Schlabber-T-Shirt und ausgelatschten Turnschuhen in einem New Yorker Telefonstudio und spricht mit einem Fremden in Ohio. ?Unterstützen Sie Senator Kerry bei der Präsidentschaftswahl? Ja? Wissen Sie, wir bräuchten noch Freiwillige.? Freiwillige wie Amy, die Haustüren in Pennsylvania abklappert, weil in diesem Staat die Wahl entschieden werden könnte.Amy telefoniert für ?America Coming Together? (ACT), eine der zahllosen nur formal unparteiischen Organisationen, die im US-Wahlkampf mitmischen. Soros hat Ende letzten Jahres 14,5 Millionen Dollar an ACT überwiesen. Weitere 2,5 Millionen Dollar gingen an den ebenfalls der Demokratischen Partei nahe stehenden Online-Protestclub ?MoveOn?, andere Organisationen bekamen kleinere Geldbeträge.Das Geld hat Soros mit Aktienfonds und Währungsspekulationen verdient. Seinen erfolgreichsten Fonds legte er 1969 auf. Er war damals ?mein Leben?, sagt der Milliardär heute, ?er ernährte und verzehrte mich?. Die Arbeit verschliss Soros? erste Ehe. 1992 landete er einen Coup, der ihm eine Milliarde Dollar und weltweite Berühmtheit einbrachte ? jeden Briten aber rund zwölf Pfund kostete: Soros nahm Milliardenkredite auf, um gegen die britische Währung zu spekulieren ? und zu obsiegen. Sein ?Quantum?-Hedge-Fonds brachte es im vergangenen Jahr auf eine Rendite von 15,3 Prozent. ?Wenn Sie an der Börse handeln, denken Sie nicht an die Menschen, die durch Ihr Tun beeinflusst werden?, sagt Soros noch heute. ?Der Markt hat keine Moral.?So jemand handle auch im Wahlkampf nicht selbstlos, ereifern sich nun die US-Republikaner. ?Wer einem Kandidaten viel Geld gibt, kann bei einem Wahlsieg seine eigenen Visionen für Amerika eher durchsetzen?, sagt Rick Tyler, Sprecher des republikanischen Soros- Kritikers Newt Gingrich. Und Soros? Visionen widersprächen den Idealen von neun von zehn Amerikanern, glaubt Tyler: Der Milliardär habe sich für die Freigabe von Drogen stark gemacht und für ein Recht auf Sterbehilfe.Anerkannt ist das soziale Engagement des Milliardärs. Der 1930 in Budapest geborene Jude Soros überlebt mit falschem Pass den Holocaust und flieht 1947 vor den Kommunisten nach England. Die Politik in Osteuropa vergisst er auch nach seinem Umzug nach Amerika nicht: Er unterstützt Demokratiebewegungen wie jene, die zum Sturz des georgischen Staatspräsidenten Eduard Schewardnadse führte. Außerdem hat Soros seit 1979 ein Netz von über 30 Wohltätigkeitsorganisationen geschaffen. Über 429 Millionen Dollar haben die Stiftungen vergangenes Jahr ausgegeben ? der Großteil stammt aus Soros? Vermögen.?Ich war mal ein überzeugter Egoist?, sagt Soros. ?Aber das habe ich hinter mir. Ich habe mehr als genug Geld.?
Dieser Artikel ist erschienen am 06.10.2004