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Ein erbitterter Kampf

Von Georg Weishaupt
Ein einziger Satz des damaligen Vorstands- und heutigen Aufsichtsratschef Rolf Breuer bringt das einst mächtige Medien-Imperium von Leo Kirch zu Fall. Seitdem kämpfen die beiden vor den Gerichten. Es geht um Hunderte Millionen Euro, Ansehen und Wiedergutmachung.
Die ganze Sache beginnt am 3. Februar 2002. Rolf Breuer steht im New Yorker Hotel Intercontinental vor der Kamera des Börsensenders Bloomberg TV. Der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank wird zum damals bereits angeschlagenen Medien-Imperium des Münchener Filmhändlers Leo Kirch gefragt. "Was alles man darüber hören und lesen kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis Fremd- oder Eigenmittel zur Verfügung zu stellen." Bloomberg TV verdichtet den Schlüsselsatz des Bankers zur Überschrift: "Kirch Unlikely to Get Additional Loans From Banks, Breuer Says" - Breuer sagt, Kirch kriegt wohl keine weiteren Kredite. Eine für Kirch prekäre Aussage. Denn der verhandelt gerade mit Banken über Stützungsaktionen, um seine angeschlagene Unternehmensgruppe zu retten. Zwei Monate später geht die Kirch-Gruppe pleite.Seitdem prozessiert Kirch gegen Breuer und die Deutsche Bank vor Gerichten. Es geht darum, ob der damalige Chef der Deutschen Bank den Satz sagen durfte und ob er Auslöser oder Mitauslöser war für die Kirch-Pleite, eine der größten Insolvenzen der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Kirch verklagte das Geldinstitut wegen Bruchs des Bankgeheimnisses und siegte beim Landgericht wie auch beim Oberlandesgericht München. Das Oberlandesgericht (OLG) München sah darin einen Verstoß gegen das Bankgeheimnis und sprach Kirch, der Breuer für die Insolvenz seines Konzerns verantwortlich macht, Ende 2003 grundsätzlich Anspruch auf Schadensersatz zu. Eine Revision hatten die Richter nicht zugelassen. Dagegen legte der BGH Beschwerde ein, der jetzt entsprochen wurde. Nun hat Kirch einen Teilerfolg erreicht: Der BGH hat entschieden, dass die Deutsche Bank wie auch ihr einstiger Vorstandssprecher grundsätzlich für Schäden haften, die der Kirch-Gesellschaft Printbeteiligungs GmbH durch Breuers öffentlich geäußerte Zweifel an Kirchs Kreditwürdigkeit entstanden ist.

Die besten Jobs von allen

Für Leo Kirch ist die Sache klar. ?Das Interview war meine Schlachtung, und es war sehr effektiv?, sagte der verschwiegene Unternehmer im vergangenen Jahr dem Nachrichtenmagazin ?Spiegel? in einem seiner äußerst raren Interviews. Dass es sich um eine spontane Bemerkung Breuers gehandelt habe, mag er nicht glauben: "Das war keine unbedachte Äußerung. So einen gedrechselten Satz sagt man nicht einfach so. Das war abgestimmt, mit Anwälten durchgesprochen", ist Kirch überzeugt. Seine Widersacher, der 68-jährige Rolf Breuer und die Deutsche Bank, sehen dies selbstverständlich anders. In den bisherigen Prozessen vertreten sie im Prinzip folgende Linie: Erstens sei an Breuers Aussage nichts neu und zweitens nichts falsch gewesen. Von einem Bruch des Vertragsverhältnisses mit dem Kreditkunden Kirch könne mithin keine Rede sein.Kirch bleibt unterdessen hartnäckig. "Ich will Kompensation für das, was Herr Breuer an unternehmerischer Leistung zerstört hat", sagte er dem Spiegel. ?Von 11 000 meiner Mitarbeiter sind 5 000 entlassen worden, und ich habe mein ganzes Vermögen verloren."Leo Kirch kämpft um sein Lebenswerk. Der heute 79-Jährige herrschte über ein Firmen-Imperium, das von der privaten Fernsehsender-Gruppe Pro Sieben Sat 1 und dem Bezahlfernsehsender Premiere bis zu einer Beteiligung am Zeitungskonzern Springer reichte. Innerhalb von knapp 50 Jahren baute er einen der größten Medienkonzerne Europas auf.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kirch stieg aus einfachen Verhältnissen aufDer Aufstieg des Sohns eines fränkischen Winzers aus einfachen Verhältnissen beginnt Mitte der fünfziger Jahre mit dem Filmhandel. Mit geliehenem Geld kauft der studierte Betriebswirt und Mathematiker die Deutschland-Rechte für Frederico Fellinis ?La Strada?. In den folgenden Jahren erwirbt er Filme in den USA, synchronisiert und verkauft sie an ARD und ZDF. Seine Macht und sein Geschäft wächst mit dem Start der Privatfernsehsender in Deutschland. Anfang 2002 verfügt er nach verschiedenen Angaben über 11 000 bis 15 000 Spielfilme sowie über Fernsehserien und ähnliches Material für 50 000 Sendestunden. Zeitweise stammt jeder zweite im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Film aus seinem Archiv.Was Kirch groß macht, ist zugleich sein Handikap, an dem er später scheitert: Seine Lust am Risiko. Wenn Kirch etwas anpackte, sollte es schlicht ?das Beste, Größte und Schönste? sein, sagte mal ein langjähriger Mitarbeiter. So finanzierte er den Ausbau seiner Firmengruppe fast ausschließlich über Kredite. Der Mann, dessen Verhandlungsgeschick als legendär galt, lebte in einem Netz aus guten Beziehungen und Freundschaften mit Politikern und südeuropäischen Filmproduzenten. Zu seinen Vertrauten zählten Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl sowie der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der dem Medienunternehmer vor allem mit Finanzspritzen der Bayerischen Landesbank unter die Arme half.Doch das Netzwerk kann ihn später auch nicht mehr retten. Das ursprüngliche Geschäftsmodell stößt mehr und mehr an seine Grenzen. ?Die Margen im Filmrechtehandel sind im Laufe der Jahre geschrumpft, gleichzeitig haben wir mit Summen hantiert, die größer waren als je zuvor?, gestand ein Ex-Topmanager gegenüber dem Handelsblatt. Bereits im Dezember 2001 tauchen Gerüchte über eine Schieflage der Kirch-Gruppe auf. Selbst Kirch-Vertraute sprechen damals von ?ernsten finanziellen Problemen?. Dann setzt Springer-Chef Mathias Döpfner Kirch, der mit 40 Prozent an Springer beteiligt ist, die Pistole auf die Brust: Er fordert für seine Beteiligung am TV-Konzern Pro Sieben Sat 1 rund 770 Millionen Euro. Kurz danach stellt Breuer mit seinem Fernsehinterview in New York die Kreditwürdigkeit Kirchs in Frage. Und vier Tage später rückt auch noch Medien-Milliardär Rupert Murdoch von seinem Geschäftsfreund ab. Das Imperium des Leo Kirch stürzt wie ein Kartenhaus zusammen. Am 8. April 2002 meldet die Kirch-Media Insolvenz an. Kirch räumt noch am selben Tag sein Büro in München-Ismaning.Seitdem kämpft der einst mächtigste Medienunternehmer Europas mit seinem Vertrauten Dieter Hahn um Schadensersatz gegen die Deutsche Bank und deren Ex-Vorstandschef, Rolf Breuer. Den Kampf führt der seit langem zuckerkranke und von jeher sehr zurückgezogen lebende Unternehmer von der Münchener Kardinal-Faulhaber- Straße aus, in der Nähe des Nobelhotels Bayerischer Hof. Nur ein unscheinbares Schild an der Tür mit der Aufschrift ?Sekretariat? weist auf Kirchs Büro hin.Der hofft nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) nun darauf, dass er gegen die Deutsche Bank und womöglich auch Breuer Schadenensersatzforderungen in dreistelliger Millionenhöhe durchzusetzen kann. Bevor aber Geld fließt, muss Kirch in einem neuen Prozess nachweisen, dass Breuers Äußerung in dem berühmten Fernsehinterview vom Februar 2002 tatsächlich einen Schaden verursacht hat. Der Kampf Kirch gegen Breuer geht weiter.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.01.2006