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Ein Drittel pokert zu hoch

Quelle: Personalmarkt
"... und was wollen Sie bei uns verdienen?" lautet eine Standardfrage in Bewerbungsgesprächen. Mehr als 30 Prozent aller Bewerber liegen so falsch mit ihrer Gehaltsvorstellung, dass sie den vorgegebenen Rahmen nicht treffen - und aussortiert werden.
Mehr als 30 Prozent aller Bewerber liegen so falsch mit ihrer Gehaltsvorstellung, dass sie den vorgegebenen Gehaltsrahmen nicht treffen - und aussortiert werden. Das ergab eine aktuelle Umfrage der Hamburger Vergütungsberatung PersonalMarkt bei über 100 deutschen Unternehmen.Wer mit seiner Gehaltsangabe mehr als 19 Prozent über dem Budget einer Stelle liegt, fliegt aus dem Bewerbungsprozess raus. Nach unten hin ist der Spielraum zwar größer - aber nicht unbegrenzt. Bis zu 40 Prozent darf ein Bewerber unterhalb des Budgets für eine Stelle liegen, ohne dass er aussortiert wird. Tim Böger, Geschäftsführer von PersonalMarkt, weiß: "Wer zu viel verlangt, verspielt möglicherweise seine Karriere. Wer zu wenig verlangt, wird von den Unternehmen häufig als unglaubwürdig oder schlecht informiert eingeschätzt."

Die besten Jobs von allen

Wer zu wenig fordert, signalisiert außerdem mangelndes Selbstbewusstsein, macht sich gar verdächtig. Ein erfahrener Arbeitgeber dürfte schnell an der Kompetenz dieses Kandidaten zweifeln. Andererseits werden nach Expertenschätzung regelmäßig etwa ein Drittel aller Bewerber wegen zu hoher Gehaltsvorstellungen abgewiesen. Ob Selbstüberschätzung, Ignoranz oder schlicht fehlendes Wissen ? wer mit seinem Gehaltswunsch sehr daneben liegt, verspielt die Chancen auf den ersehnten Job.Es ist schwerer geworden, den eigenen Marktwert zu bestimmen. Bislang verlässliche Größen wie z.B. das letzte Gehalt haben oftmals ausgedient. Die Gehälter, die in der vergangenen Boom-Phase gezahlt wurden, können in der derzeitigen Situation kaum noch gezahlt werden. Damit man sich aber auch in Zeiten der Krise nicht unter Wert verkauft, sollte man sich vor einer Bewerbung genauestens über die marktüblich gezahlten Gehälter informieren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Passender Gehaltswunsch offenbart KompetenzDie wenigsten Bewerber verfügen über ein Netzwerk, das einen solchen umfassenden Überblick gewährleistet. Informationen darüber geben z.B. Gehaltsstudien großer Unternehmensberater. Andere Anbieter haben sich auf die individuelle Vergütungsberatung spezialisiert und bieten diesen Service, der sich speziell an Privatpersonen richtet, deutlich preiswerter an. Auf der Grundlage tausender Vergleichsdaten lässt sich in einer persönlichen Gehaltsanalyse schnell und zuverlässig der eigene Marktwert ermitteln.Doch wie soll man reagieren, wenn in der Stellenanzeige ausdrücklich nach dem Gehaltswunsch gefragt wird? Dem oft gehörten Ratschlag, im Bewerbungsschreiben keine Zahlen zu nennen oder mit Verweisen auf das ?branchenübliche Gehalt? zu verweisen, scheint heute nicht mehr zum Erfolg zu führen. Immerhin 14 Prozent der von PersonalMarkt befragten Unternehmen nehmen Bewerbungen, in denen ? trotz Aufforderung in der Stellenanzeige ? keine konkrete Angabe zum Gehaltswunsch gemacht wird, erst gar nicht an oder schicken diese postwendend zurück.Das wundert nicht, denn heutzutage müssen Personaler nach einer Stellenausschreibung mit einer wahren Flut von Bewerbern rechnen. Einige Hundert Bewerbungen auf eine Stelle sind heute keine Seltenheit mehr. Um diesem Ansturm Herr zu werden, sortieren die Personaler die eingehenden Bewerbungen nach harten Kriterien aus ? und dazu zählt eben häufig auch eine passende oder unpassende Gehaltsvorstellung. Wenn also in der Anzeige eine Gehaltsangabe verlangt wird, sollte man das durchaus ernst nehmen. Tim Böger hat noch eine andere Erklärung: ?Schon die Bewerbung wird meist als eine erste Arbeitsprobe angesehen. Wer trotz Aufforderung keine konkrete Gehaltsangabe macht, hinterlässt daher meist einen schlechten Eindruck.?Nur wer aufgrund seiner Bewerbungsunterlagen oder seiner Arbeitszeugnisse einen wirklich überzeugenden Eindruck hinterlässt, kann das Glück haben, dass er direkt vom Unternehmen angerufen wird ? mit der Bitte, seine Gehaltsvorstellung zu nennen. Verlassen sollte man sich auf einen solchen Service von Seiten des Unternehmens aber lieber nicht.Ganz im Gegenteil: ?Das Wissen, die richtige Antwort auf die Frage nach dem Gehaltswunsch parat zu haben, sichert den Bewerber in dreifacher Hinsicht ab: Zum einen bewahrt es davor, sich vom Personalchef mit zu niedrigen Vorschlägen über den Tisch ziehen zu lassen. Zum anderen hat der Bewerber die Sicherheit, sich nicht mit zu hohen Forderungen aller Job-Chancen zu berauben. Und schließlich beweist er seine Kompetenz, indem er das Gehaltsgefüge seiner Branche sowie die Anforderungen der zu besetzenden Stelle realistisch einschätzen kann?, fasst Tim Böger zusammen.Bei aller Bedeutung der Gehaltsfrage sollten Bewerber aber nicht den Eindruck vermitteln, dass es Ihnen in erster Linie ums Geld geht. Zwar kann man das Thema mittlerweile auch selber anschneiden. Aber wirklich erst zum Schluss des Bewerbungsgesprächs, wenn es sozusagen gefunkt hat zwischen Unternehmen und Bewerber. Tim Böger: ?Mit dem Wissen, der richtige Kandidat zu sein und der Sicherheit, den eigenen Marktwert zu kennen, lässt sich die eigene Gehaltsvorstellung meist viel leichter realisieren.?
Dieser Artikel ist erschienen am 21.10.2004