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Ein Dollar für ein Jahr Arbeit

Von Frank Siering
Nicht der Porsche, nicht das neueste elektronische Spielzeug und nicht das geräumigste Haus gelten neuerdings als das Statussymbol von US-Managern - sondern der Verzicht: Etliche Firmenlenker verzichten auf ihr Salär und arbeiten für einen symbolischen Dollar. Wenn es nur die ganze Wahrheit wäre ...
Google-Gründer Page (l.), Brin: "Für lau machen die Chefs dieser Unternehmen ihren Job auch nicht." Foto: ap
LOS ANGELES. Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin verzichten drauf. Steve Jobs von Apple auch. Und selbst der als äußerst geizig geltende Dreamworks-Boss Jeffrey Katzenberg nimmt keinen monatlichen Gehaltsscheck mehr. Für nur einen Dollar Jahresgehalt verrichten diese Multimilliardäre ihren Job. Tagtäglich.Ein Dollar Jahressalär? ?Es gilt gar als das neue Status-Symbol in der Welt der Manager?, erklärt Graef Crystal, Spezialist für Manager-Vergütung aus Los Angeles. Es ist ein Demo-Akt für die Belegschaft, die sich durch schwere ökonomische Zeiten manövrieren muss. Und ein Fingerzeig für die Aktionäre. Getreu dem Motto: Seht her, wir Chefs opfern uns auf für einen guten Börsenkurs.

Die besten Jobs von allen

Dabei ist der One-Dollar-Man, wie er in den USA auch heißt, nur die halbe Wahrheit. Page und Brin zum Beispiel, die in Interviews immer wieder gerne erzählen, dass sie auch keine jährlichen Boni erhalten, haben seit dem Börsengang ihrer Firma vor zwei Jahren rund 2,2 Milliarden beziehungsweise 1,8 Milliarden Dollar an Aktienoptionen eingelöst. Weitere 13 Milliarden Dollar halten die Google-Gründer noch im Aktienportfolio.Ähnlich sieht es bei Steve Jobs aus. Der hat sich auf den Deal mit dem einen Dollar schon 1998 eingelassen. Er war der erste Chef einer Fortune 500-Firma, der ein Gehalt von nur einem Dollar kassierte ? wenngleich er im eigenen Firmenjet herumdüste, der das Unternehmen etwa 90 Millionen Dollar kostete. Sein heutiger Aktienbesitz ist nach Schätzungen der Zeitung ?Los Angeles Times? rund 670 Millionen Dollar wert. Ach ja, und als Boss von Pixar ? auch hier bekommt er von der Honorarabteilung einen wöchentlichen Scheck von nur einem Dollar zugestellt ? gehören ihm etwas weniger als 50 Prozent der Firma. Disney kauft Pixar für rund 7,4 Milliarden Dollar. Dies bedeutet, dass Jobs ein Anteil von etwa 3,7 Milliarden Dollar gehört.Der Verzicht der Chefs aufs Gehalt ist eigentlich als große Geste für die Aktionäre und die Mitarbeiter gedacht. Dem Grundgedanken folgend: Ich bin schon so wohlhabend, da müsst ihr mir nicht auch noch ein Gehalt oben drauf zahlen. ?Aber es steht außer Frage: die Chefs dieser Unternehmen arbeiten nicht für lau?, erklärt Tom LaWer, ein Silicon Valley-Anwalt, der sich auf Entlohnung für Vorstandsmitglieder spezialisiert hat.Besonders nach dem Dot.Com-Crash hatten viele wohlhabende Geschäftsführer diese Strategie angewandt, um die Aktionäre bei Laune zu halten ? trotz Kursen, die in den Abgrund stürzten. Oftmals wurden diese Solidaritätskundgebungen in Hinterzimmern dann durch Aufsichtsräte vom Tisch gefegt, indem die Vorstandschefs heimlich Vertragspakete aushandelten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Skrupellosen kassierten selbst in miesen Zeiten märchenhaft. Unter diesen Schummel-Kollegen fanden sich auch so berühmte Namen wie John Chambers von Cisco Systems und Tom Siebel von Siebel Systems. Larry Ellison, bekannt und reich geworden als Oracle-Chef, verzichtete auf sein Gehalt von 2001 bis 2003. In jenen Jahren ging es der Firma schlecht. Dennoch löste Ellison in der Krisenzeit seine Optionen ein: 706 Millionen Dollar bekam er für sein Aktienpaket.Im vergangenen Jahr betrug das Gehalt eines Chefs einer börsennotierten Firma im Durchschnitt rund 975 000 Dollar. Diese Zahl hat das Mercer Human Resource Consulting Institute ermittelt. Als Boni wurden im Durchschnitt weitere 1,4 Millionen Dollar gezahlt. Das beinhaltete noch nicht die üblichen Aktienoptionen. Insgesamt, so fand das Arbeitsmarkt-Institut heraus, stiegen somit die Einnahmen der Chefs um rund sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Lohnanstieg des durchschnittlichen Angestellten im selben Zeitraum sieht dagegen ganz anders aus: er beträgt weniger als die Hälfte.Nun ist diesen Managern, so Anwalt LaWer, ?aber noch ein gewisser Respekt zu zollen?. Schließlich es auch noch eine andere Garde von Führungskräften in den USA, die sich trotz katastrophaler Leistungen und noch katastrophalerer Firmenergebnisse sagenhafte Kompensationspakete überweisen lassen.Zum Beispiel: Nach Schätzungen der Corporate Library verdiente Home-Depot-Chef Robert Nardelli in den vergangenen zwei Jahren rund 50,7 Millionen Dollar. Die Aktie des Baumarkt-Unternehmens allerdings fiel in den vergangenen fünf Jahren um insgesamt 19 Prozent. Lucent Technologies verlor im selben Zeitraum sogar 82 Prozent seines Aktienwerts. Die Chefin Patricia Russo war sich nicht zu schade, für ihre ?Leistungen? der vergangenen zwei Jahre 17,3 Millionen Dollar zu kassieren.?Diese Bosse haben großartig verhandelt, bevor sie den Job übernommen haben?, weiß Vergütungsexperte Crystal. Und fügt leicht süffisant hinzu: ?Aber rein ethisch ist es natürlich schon verwerflich, auf der einen Seite ob wirtschaftlicher Flaute Kündigungen auszusprechen und auf der anderen Seite weiterhin die Hand aufzuhalten.?New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, ein ehemaliger Medien-Magnat, weiß um seine Werbewirksamkeit als One-Dollar -Man. Jedes Jahr, das er in Amt und Würden ist, hängt er vor laufenden Kameras den Scheck mit dem ?Jahressalär über einen Dollar? in seinem Büro auf. Die New Yorker schätzen seine Aufopferung für die Stadt. ?Ein totaler PR-Erfolg für den Bürgermeister?, urteilt Anwalt LaWer. Dass Bloomberg ? der Gründer des gleichnamigen Wirtschaftsinformationsdienstes ? so viel Geld hat, dass er davon seine eigene Kampagne zur Wiederwahl finanzieren kann, interessiert bei so viel Großzügigkeit dann meist niemanden mehr so recht. Doch: Nähme er für den Bürgermeister-Job Geld, käme es eben noch schlechter an.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.06.2006