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Ein Chipmanager auf Zeit

Von Joachim Hofer, Handelsblatt
Im Januar hatte Max Dietrich Kley für Infineon-Chef Ulrich Schumacher noch den Kopf hingehalten. Nach dem überraschenden Sturz von Ulrich Schumacher führt Kley nun die Geschäfte bei Infineon.
Interimsnachfolger des Infineon-Chefs Ulrich Schumacher wird der Aufsichtsratsvorsitzende Max Dietrich Kley, Foto: dpa
HB MÜNCHEN. Zwei Monate später muss Kley wieder für Schumacher in den Ring steigen. Allerdings nicht zu dessen Verteidigung, sondern an dessen Stelle. Seit vergangenem Donnerstag, 16 Uhr, ist der frühere Finanzvorstand des Ludwigshafener Chemiekonzerns BASF nicht mehr nur Aufsichtsratschef, sondern auch Vorstandsvorsitzender der Münchener Halbleiterfirma.So schnell wie Schumacher als Hobby-Rennfahrer über die Pisten jagte, so schnell verschwand er auch von der Spitze des zweitgrößten Halbleiterherstellers Europas. Offenbar hatte sich der selbstbewusste und immer forsch auftretende 45-Jährige mit den anderen Vorständen völlig überworfen. Zudem hatte er im Aufsichtsrat keinen Rückhalt mehr ? und das offenbar nicht nur unter den Gewerkschaftern, mit denen er seit Jahren im Clinch lag. Auch die Kapitalseite habe ihn fallen gelassen, hieß es nach der entscheidenden Sitzung in Aufsichtsratskreisen.

Die besten Jobs von allen

Am Ende blieb Kley nichts anderes übrig, als Schumacher den Rücktritt nahe zu legen und selbst die Geschäfte zu übernehmen.Dass der Aufsichtsratschef vorübergehend an die Spitze eines Unternehmens tritt ist nicht ungewöhnlich. Auch bei der Deutschen Telekom musste der Chefaufseher vergangenes Jahr ran, als Vorstandschef Ron Sommer rausgeflogen war. Und wie im Fall Telekom so hat auch Kley in den nächsten Monaten vor allem eine Aufgabe: So schnell wie möglich seinen eigenen Nachfolger zu finden. Zwar könnte Kley theoretisch bis zu einem Jahr amtieren. Doch Finanzchef Peter Fischl kündigte bereits am Freitag an, dass die Suche kaum so lange dauern werde. Infineon-Aufsichtsrat Dieter Scheitor von der IG Metall hat sich bereits fest gelegt: ?Wir bevorzugen in jedem Fall eine externe Lösung.?Der gebürtige Berliner Kley dürfte ein großes Interesse daran haben, zügig einen neuen Vorstandsvorsitzenden für die frühere Siemens-Tochter zu präsentieren. Denn eigentlich hatte der Wahl-Heidelberger mit dem aktiven Berufsleben vergangenen Mai abgeschlossen: Mit der Hauptversammlung von BASF wechselte der gelernte Jurist aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat des Chemiekonzerns.Langeweile bedeutet das nicht, an Aufgaben und Ämtern mangelt es Kley bis heute nicht. Der Finanzfachmann, Jahrgang 1940, ist in zahlreichen Aufsichtsräten vertreten, unter anderem bei der Hypo-Vereinsbank. Zudem ist er seit 1998 Präsident des angesehenen Deutschen Aktieninstituts und Vorsitzender der Börsensachverständigenkommission.Bei seiner Kandidatensuche kann der Sohn des früheren Siemens-Personalvorstands Gisbert Kley auf ein großes Netzwerk an Kontakten zurück greifen. Seine Verbindungen reichen weit in die Industrie, Bankenwelt und Politik. Womöglich mag ihm auch der direkte Draht im Familienkreis schon weiter helfen: Seine drei Brüder, sind ebenfalls Top-Manager oder Unternehmer. Karl-Ludwig Kley ist Finanzvorstand der Lufthansa, Andreas Kley sitzt im Bereichsvorstand der Kraftwerkssparte von Siemens.Dass sich Kley bei Infineon ins tägliche Geschäft einmischt gilt zwar als eher unwahrscheinlich. Doch könnte er als Branchenfremder womöglich interessante Anstöße geben: Bei BASF galt Kley als Manager, der gerne unkonventionelle Strategien entwickelte. Er beschränkte sich längst nicht auf die Rolle des Zahlenjongleurs. Als Finanzvorstand war er auch am operativen Geschäft beteiligt und leitete unter anderem den wichtigen Bereich Öl und Gas.Wie Schumacher ist auch Kley ein Liebhaber schneller Autos. Und noch etwas haben die Beiden gemeinsam: Auch Kley fiel durch provokante Ideen in der Öffentlichkeit auf. Oft gefiel es ihm, die Reaktion zu testen. So wollte er etwa die Rezession der frühen 90er Jahre nutzen, um einige alte Zöpfe bei den BASF-Sozialleistungen zu kappen. Dies führte seinerzeit zu erbitterten Demonstrationen der Belegschaft. Einige Zeit später ging er mit dem Vorhaben, die Tochter BASF-Magnetics an ein kleines türkisches Unternehmen zu verkaufen ebenso forsch voran ? und musste wenig später zurück rudern.Widerstände haben ihn aber nie daran gehindert, immer wieder neue Anstöße zu geben und die Modernisierung von BASF voran zu treiben. Viele seiner Ideen setzten sich am Ende durch ? so wurde auch Magnetics schließlich abgestoßen.Über die Zahlen muss sich Kley bei Infineon wenig Sorgen machen. Die Industrie wächst rasant und dieses Jahr sollten Umsatz und Gewinn der Firma kräftig zulegen. Wer auch immer ihm folgt, muss sich aber warm anziehen und Infineon für die nächste Branchenkrise fit machen.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.03.2004