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Ein Bremer ist der Topfkönig von Vietnam

Von Stefanie Bilen, Handelsblatt
Das Naheliegende interessiert Holger Benthien nicht. Zumindest nicht, wenn es ums Geschäft geht. Damals, vor zehn Jahren, als andere Unternehmer nach Osteuropa gingen, hat er sich in Vietnam niedergelassen. Während seine Kollegen auf Computer oder Telekommunikation setzten, hat sich der Bremer Außenhandelskaufmann auf weniger Digitales spezialisiert: Töpfe und Vasen.
HO-CHI-MINH-STADT. Rückblickend nennen Wegbegleiter seine Entscheidung wagemutig. Damals, als das kommunistische Land gerade erst seine Pforten für Unternehmer geöffnet hatte und Benthien als einer der ersten Ausländer dabei war, hielten Bekannte seinen Plan für eine Schnapsidee.Damals, 1993, waren alle nennenswerten Produktionsbetriebe in Staatshand, in Ho-Chi-Minh-Stadt gab es zwei Hotels und keinen einzigen Bankautomaten. Trotzdem witterte der damals 33-jährige Benthien gute Geschäfte. In einem Land, in dem das Keramikhandwerk eine lange Tradition hat, schien es sinnvoll, eine Töpferei aufzuziehen: ?Ich habe schnell gesehen, dass man mit europäischem Design interessante Produkte herstellen kann.?

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Heute zählt sein Unternehmen 300 Mitarbeiter, jährlich verschifft Hansa 450 Container in alle Welt. Über Umsatz und Gewinn schweigt Benthien. Mit dem Understatement eines waschechten Hanseaten lässt er lediglich durchblicken, dass die Geschäfte zufrieden stellend laufen. In Deutschland findet man Hansa in den Obi-Baumärkten, bei Markant oder beim Krimskram-Filialisten Nanu Nana. Europa und Amerika machen je 40 Prozent des Umsatzes aus, der Rest kommt aus Asien.?Holger Benthien ist einer der größten deutschen Unternehmer in Vietnam?, sagt Thorsten Bohg von der deutschen Kaufmannschaft. ?Hansa ist zum deutschen Vorzeigeunternehmen geworden?, bestätigt Thilo Krüger, der ehemalige Leiter der Siemens-Niederlassung in Vietnam und Wegbegleiter Benthiens.Anfangs musste Benthien seine Produkte von Staatsunternehmen fertigen lassen, er durfte lediglich ein Büro eröffnen. Als vor sechs Jahren die Finanzkrise in Asien begann, baute er zusammen mit einem vietnamesischen Partner einen Produktionsbetrieb am Stadtrand von Ho-Chi-Minh-Stadt. Investition: eine Million US-Dollar. Weil viele Unternehmer Vietnam verließen, sanken die Baukosten und Grundstückspreise kräftig.Fünfmal jährlich ist Benthien in Deutschland; zu Branchenmessen ? oder um die Vorzüge Europas zu genießen: Wein, Kultur, Segeltörns. Obwohl der Junggeselle diese Ausflüge liebt, hat sich seine Meinung über die Heimat verschlechtert. ?Damals bin ich nicht aus Frust aus Deutschland weggegangen, sondern wegen meines Berufes?, sagt er. Für das Handelshaus Johann Gottfried Schütte aus Bremen kam er einst nach Hongkong. ?Ich kann mir heute nicht mehr vorstellen zurückzugehen.?Sein Erfolg als Unternehmer ermöglicht ihm ? wie den meisten Europäern ? ein sehr komfortables Leben, Fahrer und Hausangestellte inklusive. Doch das ist nicht der springende Punkt: Benthien zweifelt an seiner Heimat. Die Stimmung in Deutschland sei schlecht, der Umgang rauer, die Unfreundlichkeit größer geworden: ?Die Nachrichten aus Deutschland, sei es über das Dosenpfand, die Rentendiskussion oder die katastrophale Maut-Einführung, sind nicht gerade förderlich für sein Image in Asien.?
Dieser Artikel ist erschienen am 29.01.2004