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Ein braver Leutnant

Von Thomas Knüwer
In der Nacht von Sonntag auf Montag endete die Saison der Football-Liga NFL mit Rekordeinschaltquoten. Dank ihres Chefs Roger Goodell ? oder trotz des Liga-Chefs?
Super Bowl 2008: New England Patriots gegen die New York Giants. Foto: ap
PHOENIX. Das Blau scheint Roger Goodell zu verschlucken. Blau ist die Wand mit den Logos der American Football-Liga NFL hinter ihm, blau der hüfthohe Tisch vor ihm, blau sein Anzug, sein Hemd, seine gestreifte Krawatte. Nur das rot-blonde Haar und das leicht gerötete Gesicht des NFL-Chefs heben sich ab wie der Kopf eines Ertrinkenden aus dem Wasser ? und seine Hände, die Fingerspitzen leicht aneinandergelegt, gelegentlich öffnen sie sich mechanisch zu einer fast segnenden Geste, die ihn wirken lässt wie eine Marionette.?Der mächtigste Sportmanager der USA? ? diesen Ehrentitel verlieh ihm das Wirtschaftsmagazin ?Business Week?. Doch Goodell hat so gar nichts von einem charismatischen Macher. Unbewegt wie mit einer Überdosis Botox festgespritzt ist sein Gesicht bei der Pressekonferenz im Vorfeld des NFL-Finales, dem Super Bowl in Phoenix. Und was er sagt, ist größtenteils zu vernachlässigen. Salbadernde Allgemeinplätze, gefüllt mit US-typischen Superlativen. Alles ist ?terrific?, jeder ist ?excited? vor dem Spiel des Jahres zwischen den New York Giants und den New England Patriots, das die New York Giants mit einem überraschenden 17:14 für sich entschieden.

Die besten Jobs von allen

Goodell ist ohne Frage der mächtigste Manager des US-Sports. Und doch wird er in den kommenden Monaten beweisen müssen, ob er wirklich geeignet ist für seinen Posten. Der Super Bowl in Phoenix könnte der Anfang vom Abstieg sein.Im August 2006 sieht das noch anders aus. Der langjährige Commissioner ? so lautet der NFL-Chefposten offiziell ? Paul Tagliabue tritt ab. Unter seiner Regentschaft ist die Liga ihren nationalen Widersachern aus Basketball, Eishockey und Baseball weitgehend enteilt. Über sechs Milliarden Dollar setzte sie um, bis 2012 nimmt sie jedes Jahr mindestens drei Milliarden Dollar aus TV-Rechten ein. Kein Wunder, dass es äußerst prominente Kandidaten für Tagliabues Nachfolge gibt. US-Außenministerin Condoleeza Rice wird gehandelt, ebenso Präsidentenbruder und Florida-Gouverneur Jeb Bush. Doch es wird der brave Leutnant Tagliabues: Goodell. ?Man kann sich nicht besser auf diesen Posten vorbereiten als er?, sagt John Mara, Präsident der New York Giants nach der Wahl Goodells. Als ?smart und ehrlich? beschreibt ihn Pat Bowlen, Präsident der Denver Broncos.24 Jahre ist Goodell da schon für die Liga aktiv, hat sich hochgearbeitet vom Praktikanten bis zum Organisationsvorstand. In dieser Rolle hat er gelernt, mit den egomanischen Charakteren der Team-Besitzer umzugehen. Denn die NFL ist keine Sportliga europäischen Zuschnitts, sie ist ein Wirtschaftsunternehmen, dessen Anteile die Besitzer der 32 Teams halten. Ein Großteil der Clubs ist in der Hand milliardenschwerer Familiendynastien, für die knallharte Verhandlungen Alltag sind.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der gebürtige New Yorker mag das Erbe nicht einfach verwaltenDie NFL steht also an der Spitze ? was soll da noch kommen für Roger Goodell?Der gebürtige New Yorker mag das Erbe nicht einfach verwalten. Er hat eine Agenda: Einerseits will er die Liga erneuern und ins digitale Zeitalter führen. ?Ich spreche viel mit Vorstandschefs großer Konzerne über das, was sie erfolgreich macht. Ihre Prinzipien wollen wir nutzen?, sagt Goodell. Andererseits will der Commissioner die NFL auch zum moralischen Vorbild machen. Bekennender Familienmensch ist er selbst, ist eng verbunden mit seinen vier Brüdern. Mit seiner Frau, der TV-Ansagerin Jane Skinner, hat er zwei Töchter. Geht es um Werte, fällt Goodell gern in einen besonders pastoralen Tonfall: ?Die Fähigkeit einer Gruppe junger Männer, als Team zusammenzukommen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, ist sehr inspirierend für unsere Fans.?Allein: Spieler und Trainer machen da nicht so recht mit. Die gerade beendete Saison war ein PR-Desaster: Mehrfach wurden Spieler wegen Doping verwarnt und suspendiert, vier Spieler wurden im vergangenen Jahr ermordet, ein Spieler geriet wegen der Organisation von Hundekämpfen in die Schlagzeilen. Und Bill Belichick, Trainer des Endspiel-Favoriten New England Patriots, wurde im September eine dicke Strafe aufgebrummt, weil er per Kamera die Handzeichen des gegnerischen Trainers überwachen ließ.Das Interesse der Fans aber scheint das alles noch zu befeuern: Die Einschaltquoten der Übertragungen stiegen auf neue Rekordhöhen.Hat Goodell also bisher alles richtig gemacht? Seine Gegner meinen, die Popularität des Sports überdecke die Probleme im Management. ?Er urteilt zu schnell und zu hart?, sagt ein Mitarbeiter eines NFL-Clubs, der nicht genannt werden möchte: ?Damit macht er sich keine Freunde.? Die Spielergewerkschaft stellte sich in einigen Verfahren gegen undisziplinierte Spieler offen gegen ihn.Gerade dieser Gegenwind könnte ihm im kommenden Jahr Probleme bereiten. Zum einen wird es um einen neuen Tarifvertrag zwischen Clubs und Spielergewerkschaft gehen. Die Spieler wollen mehr verdienen, die Teammanager sehen sich jetzt schon als übervorteilt an. Noch wichtiger: Vermutlich wird auch schon 2009 um die Verteilung der Gelder innerhalb der Liga gerungen. Die reichen Clubs verschieben pro Jahr eine Milliarde Dollar an die ärmeren, um die Liga spannend zu halten. Für Goodell-Gegner wäre dies eine gute Chance, den ungeliebten Ligenlenker aus dem Amt zu drängen.Es braut sich also etwas zusammen über Roger Goodell. Doch der bleibt stoisch. 25 Jahre ist er für die Liga da, er ist notfalls bereit, für seine Überzeugung unterzugehen. Sein Vater sei eines seiner großen Vorbilder, sagte er ?USA Today?. Charles Goodell war in den 60ern republikanischer Senator: ?Er folgte seiner Leidenschaft, er liebte seine Leidenschaft, er tat, war er für richtig hielt.?Einst sandte Charles Goodell einen Brief an Präsident Richard Nixon, in dem er sich offen gegen den Vietnam-Krieg aussprach. Es kostete ihn die Karriere. Noch heute hängt dieser Brief im Büro des Sohnes ? als Mahnung, dass man für seine Überzeugung notfalls untergehen muss.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.02.2008