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Ein bisschen wie Franz Josef Strauß

Von Thomas Knüwer
Christian Nagel grantelt gern über die hoch gehandelten Leipziger Maler und über die Schickeria auf Kunstmessen. In seinen beiden Galerien verkauft der Bayer kopflastige, politische Werke.
HB KÖLN. Wenn ein Thema Christian Nagel bewegt, dann ringen seine Hände miteinander, schiebt sich sein Kopf ein wenig nach vorn, als würde er weggedrückt von den nach oben wandernden Schultern.Ein ganz klein wenig wirkt der Galerist dann wie sein verstorbener Landsmann Franz Josef Strauß. Viel schlanker und viel jünger, klar. Aber wenn Nagel grübelt, scheint das bayerische Naturell aus ihm ausbrechen zu wollen.

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So viel Süddeutsches will nicht passen in jene merkwürdige Mischung aus wunderschönen Altbauten und hässlichen Nachkriegsaufbau-Relikten, die der Kölner ?Belgisches Viertel? nennt. Und erst recht nicht in die hässlich-graue Einfallstraße, in der die Galerie Christian Nagel residiert. Jedes Gebäude hier ist verunziert mit Graffitis, nebenan residiert die Friseurinnung, gegenüber kündet eine Baugrube vom Herannahen des nächsten 08/15-Neubaus.?Schuhkarton? nennt Nagel den schmucklosen Raum seiner Galerie: ?Ich wollte es ganz bodenständig haben.? Und das ist immerhin ein Fortschritt nach den ersten beiden Standorten, die der Bayer am Rhein mit ?Kebab-Bude im ersten Stock? und ?Büro? tituliert. Und dann gibt es ja noch den Ableger in Berlin, ?der ist ganz in Weiß durchdesignt?, ganz anders, hauptstädtischer eben.Vielleicht braucht es einen wie Christian Nagel, um so sperrige Kunst zu verkaufen, wie er das tut. Einen, der keine feuilletonistischen Wortblasen aufpustet, sondern der engagiert und doch nüchtern daherkommt. Kopflastige, politische Werke verkauft er, oft sind darunter raumgreifende Installationen. Cosima von Bonin, Merlin Carpenter und Michael Krebber sind die bekanntesten Namen, die unter seinem Künstlerstamm zu finden sind.?Das Publikum für diese Art Kunst wird immer kleiner sein als für figurative Bilder?, weiß Nagel. ?Aber wer ist am Ende für die Kunstgeschichte wichtiger?? Deshalb auch beobachtet er die internationale Aufregung um Leipziger Maler wie Neo Rauch mit Skepsis: ?Das wird nicht lange halten.?Zu platt seien die Bilder, zu einfach. So wie vor einigen Jahren die Welle junger britischer Künstler ? die mag er ebenfalls nicht, obwohl er sie früh gesehen habe.Das klingt nach einem Dauer-Kritikaster ? und vermittelt doch einen falschen Eindruck. Wenn der 45-Jährige über den derzeit so überhitzten Markt redet, spricht er wie ein Politiker, der versucht, eine Krise mit diplomatischen Worten zu bereinigen: ?Es gibt genug gute Kunst, um alle Wünsche zu befriedigen.? Und auch wenn es scheine, als ob alle Welt sich neu für Kunst begeistere, bleibe sie doch ein ?Orchideen-Fach?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die zwei Gesichter des Christian Nagel Die zwei Gesichter des Christian Nagel kennt auch Jan Timme, dessen hochkomplexe Installationen ebenfalls beim Köln-Berliner Galeristen zu finden sind. Seit vier Jahren arbeiten die beiden zusammen: ?Mein erster Eindruck war, dass Christian Nagel ein straighter, ruppiger Bayer ist. Das ist aber auch eine Art Tarnung, er hat ebenso völlig andere Seiten. Er verfügt über Humor, einen wachen Geist und Sachverstand.?Mit einem Augenzwinkern sagt Timme: ?Manchmal scheint er dieses Bild des ungehobelten Klotzes in der schöngeistigen, kultivierten Kunstsphäre bewusst einzusetzen. Manche glauben dann, er wäre ein tumber Bayer.? In Wirklichkeit aber sei der Galerist ?sehr verbindlich und sehr zuverlässig?.Ggrimmig granteln ist auch immer drinDoch grimmig granteln ? das ist bei Christian Nagel eben auch immer drin. Zum Beispiel, wenn er sich aufregt über die Klatschpressegeschichten rund um Messen. Vor allem die Artikel von der Art Basel Miami Beach. ?Fast unerträglich? findet er die Vertreter der Schickeria, die zwar für ?Bunte? und ?Gala? abgelichtet werden, ?aber nicht begreifen, dass man auch kaufen kann?.Er zumindest habe wenig Zeit für Partys gehabt. Und auch die Kunden aus den USA wären zwar auf den Partys in Miami ? aber auch um elf Uhr verschwunden, um am folgenden Tag einen klaren Kopf zu haben.So offen und direkt kann wohl nur einer sprechen, der über den Zufall in sein Metier fand. Eigentlich nämlich wollte Nagel Betriebswirtschaft studieren. Doch einen Studienplatz bekommt er nur in Erlangen. Und außerdem hat er gerade eine so schöne Wohnung in München bezogen, gegenüber dem Haus der Kunst ? und der Nobel-Disco ?P1?.Also schreibt er sich 1983 für Kunstgeschichte ein, ohne so genau zu wissen, was das ist: ?Ich war schon erstaunt, was man über Bilder so alles reden konnte.?Aus Verlegenheitsstudium wird BerufungAus dem Verlegenheitsstudium wird eine Berufung. Schon im 6. Semester leitet er gemeinsam mit Matthias Buck, heute Medienwissenschaftler, die Galerie Christoph Dürr in München, organisiert dort auch Ausstellungen von Martin Kippenberger und Thomas Lochner. ?Wir haben zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Künstlergeneration gezeigt, die vor uns lag?, sagt er heute.1990 beendet Nagel sein Studium. Die Mauer ist gefallen, es riecht nach Veränderung im Osten ? und er geht ganz weit in die andere Richtung. Im April eröffnet er seine Galerie in der Domstadt ? und schlittert schon in eine Krise: Wegen des zweiten Golfkriegs bleiben die Käufer aus Übersee weg. Doch die Galerie übersteht diese Zeit und ist heute eine der bedeutenden im Lande.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Umtriebiger in Sachen KunstDas alles macht Nagel zu einem Umtriebigen in Sachen Kunst. Mal ist er in Köln, mal in Berlin, dann wieder auf den Messen quer über den Globus. Sogar China erschließt sich Nagel langsam: Gemeinsam mit dem chinesischen Künstler Gang Zhao will Nagel im September die erste staatlich finanzierte Ausstellung westlicher Kunst in China an den Start bringen.Doch, doch, er könne schon abschalten, sagt er. Obwohl auch seine Frau im Kunstbetrieb unterwegs ist: Karola Grässlin, Teil der bekannten Sammlerfamilie Grässlin, ist Leiterin des Braunschweiger Kunstvereins.?So ist es halt heutzutage?, sagt Nagel über die Distanzbeziehung. Den Standort Köln aber werde er nicht aufgeben. Hier gebe es noch immer gute Künstler und eine Reihe exzellenter Kunsthochschulen. ?Nur der Zuzug der Jungen ist im Moment begrenzt?, die wollten eben alle nach Berlin. Doch als Spross des bodenständigen Volkes der Bayern weiß er: Solche Moden kommen ? und sie gehen auch wieder.
Galerie Christian NagelLeitung: Christian NagelStammkünstler: Kai Althoff, Nairy Baghramian, Cosima von Bonin, Tom Burr, Merlin Carpenter, Clegg & Guttmann, Andreas Diefenbach, Mark Dion, Michael Krebber, Felipe Mujica, Sterling Ruby, Jörg Schlick, Markus Selg, Sarah Staton, Jan Timme, Stephen Willats, Gang Zhao, Heimo ZobernigAusstellungen: Köln: Sven Johne ? ?Großmeister der Täuschung? (bis 24. Februar); Berlin: Martha Rosler ? ?Kriegsschauplätze? (bis 18. März)Messen: The Armory Show in New York, Art Athina in Athen, Frieze in London, Art Basel, Art Forum Berlin, Art Cologne, Art Basel Miami BeachAdressen: Richard-Wagner-Straße 28, 50674 Köln - Weydinger Str. 2/4, 10178 BerlinInternet: www.galerie-nagel.de
Dieser Artikel ist erschienen am 21.02.2006