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Ein begnadeter Verkäufer

Von Jens Eckhardt, Handelsblatt
Der künftige Intel-Chef Paul Otellini muss die Produktpalette des US-Chipriesen erweitern.
Paul Otellini Foto: dpa
NEW YORK. Intel-Präsident Paul Otellini war in Hochform. Auf der CES in Las Vegas, der größten Messe für Verbraucherelektronik, entwarf er im vergangenen Januar seine Vision von der digitalen Heimunterhaltung der Zukunft. Intel werde mit ihrem geplanten LCOS (Liquid Crystal on Silicon)-Chip nicht nur Großbildfernsehen besser und billiger machen, sondern die Kommandozentrale für die gesamte Unterhaltungselektronik liefern.?Wie bei Personalcomputern werden wir die Standards setzen und die technologische Entwicklung vorantreiben?, sagte der Mann, der im kommenden Mai Craig Barrett als Vorstandschef des weltgrößten Chipherstellers ablösen wird.

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Aber daraus wurde nichts. Wenige Monate nach Otellinis Glanzvorstellung gab Intel seine Pläne für den Chip auf. Übrig blieben die Prototypen des silbern glänzenden Prozessors. Daraus bastelten Intel-Ingenieure die teuerste Disco-Kugel der Welt für ein Betriebsfest.Die Episode ist in mehrerer Hinsicht typisch: Wenn Intel Fehler macht, was jüngst häufiger vorkommt, wird es gleich teuer. Und der Karriere des begnadeten Verkäufers Otellini schadet es nicht, wenn er mit einem Fiasko identifiziert wird. An der Konzernspitze muss man Risiken eingehen; Hauptsache, die Belohnung für Erfolge ist größer als die Strafe für Misserfolge.Wenn der 54-jährige Otellini auf den Chefsessel rückt, ist er erst der fünfte Chief Executive Officer (CEO) des 1968 von Robert Noyce und Gordon Moore gegründeten Technologiekonzerns. Seine Vorgänger, Noyce, Moore, Andrew Grove und Craig Barrett waren Ingenieure; Otellini ist der Erste, der von der Marketingseite kommt. Er sei deshalb aber keineswegs weniger technologiebeschlagen. ?Er hat Grove überzeugt, einen PC zu benutzen?, sagt ein Insider. Und er könne charmant und humorvoll sein.Charme ist auf dem Olymp von Intel rar, den extrem brillante, ehrgeizige und intellektuell ungeduldige Individuen bevölkern. Andy Grove ließ nie Zweifel daran aufkommen, dass er die meisten Zeitgenossen für technisch unbedarft hält. Seine Direktheit ist gefürchtet, mit Höflichkeiten verliert er wenig Zeit. Craig Barrett betrachtet vor allem Journalisten als Pest, und sein Humor äußert sich oft als Sarkasmus. Otellini ist der perfekte Kontrast zu dem bulligen Barrett, der Krawatten hasst und seine Mußezeit am liebsten auf seiner Ranch in Montana verbringt. ?Otellini ist smart und verbindlich. Wenn er Chef wird, ist das wie eine frische Brise bei Intel?, sagt ein Geschäftspartner des Chipriesen.Anzugträger Otellini ist Stadtmensch durch und durch. Er lebt immer noch in seinem Geburtsort San Francisco. Sein größtes Vergnügen, sagte er einmal, sei es, auf Reisen fremde Städte zu erkunden. Und er benutze seinen Humor nicht, um andere lächerlich zu machen, sagen Insider. Er nehme sich Zeit für höfliche Umgangsformen.Im Gegensatz zu anderen Silicon-Valley-Prominenten lässt er von seinem Privatleben wenig an die Öffentlichkeit dringen. Obwohl ihn seine 30 Jahre bei Intel zum Multimillionär gemacht haben, leistet er sich keine Extravaganzen, die ihn in die Klatschspalten bringen würden.Otellini stieß 1974 in einer Zeit zum Unternehmen, als das Silicon Valley noch klein war und bei Intel auch die Chefs Kisten packten und Gabelstapler fuhren, wenn es galt, Liefertermine einzuhalten. Als IBM 1981 im Eiltempo einen eigenen Personalcomputer in Konkurrenz zu Apple entwickelte, bot er Intel-Prozessoren als Gehirn für die neuen Maschinen an und legte so den Grundstein für Intels Vorherrschaft im gesamten PC-Markt.So untypisch seine Karriere für US-Konzerne ist, die oft Außenseiter an ihre Spitze holen, so typisch ist sein Aufstieg bei Intel. Der Technologiekonzern ist stolz auf sein Verfahren, Vorstandschefs in geordneter Weise über Jahre auf ihr Amt vorzubereiten. Der alte Vorstandschef rückt auf den Vorsitz im Verwaltungsrat und wahrt so Kontinuität auf der ganzen Linie. ?Otellini hat bei Intel fast alles gemacht und ist als CEO ein guter Allround-Manager?, sagt Technologiekorrespondent Dean Takahashi von ?San Jose Mercury News?.IBM und Chip-Konkurrent AMD holten sich frische Top-Manager von außen, als sie in der Krise steckten. Aber von Krise ist bei Intel keine Rede, wenn der Marktführer auch Projekte streichen und seine Strategie wegen seines Konkurrenten AMD korrigieren musste. Intel verdient immer noch Milliarden pro Jahr und hob erst vor wenigen Tagen seine Umsatz- und Gewinnerwartungen an.Aber der Wechsel zu Otellini ist mehr als reine Routine. Wie ein Rennfahrer, der auf demselben Kurs immer höhere Geschwindigkeiten fährt, bis er aus der Kurve fliegt, hat Intel in der Vergangenheit mit immer mehr Transistoren auf immer kleinerem Raum immer höhere Rechnergeschwindigkeiten erzielt. Beim Pentium 4 war technisch Schluss.Otellini muss nun verwirklichen, was Barrett nicht gelang: die Produktpalette erweitern. Er will die Jagd auf höhere Geschwindigkeiten durch Plattformlösungen ersetzen ? Prozessoren, die nicht eine Funktion am schnellsten, sondern viele Funktionen am besten können. Der Centrino-Chip als Plattform für den drahtlosen Netzzugang von Notebooks ist dafür ein erstes Beispiel.Um seine Strategie umzusetzen, bleiben dem künftigen Intel-Chef rund sechs Jahre. Wenn er 60 wird, ist es Zeit für die nächste geordnete Amtsübergabe.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.12.2004