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Ein Bankvorstand und Gentleman

Von Sonia Shinde
Sich selbst treu zu bleiben und nicht jedem Trend zu folgen kann sich auszahlen: In seiner Zeit als Chef der Essener National-Bank galt Henner Puppel nicht nur als Gentlemen, wenn er heute die Geschäfte seinem Nachfolger Thomas Lange übergibt, macht er dies auch mit einem erneuten Rekordergebnis im Rücken. Der Erfolg kam mit Konstanz.
ESSEN. Wenn Henner Puppel heute um zehn Uhr ans Rednerpult vor seine Aktionäre tritt, wird alles sein wie immer, doch wenn er fertig ist, wird manches sich ändern. Ab morgen wird ein anderer das Sagen haben bei der National-Bank in Essen: Thomas Lange, ehemals Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank und Puppels Nachfolger.Bis dahin aber hat Puppel das Wort, wird wieder ein Rekordergebnis verkünden, das sechste in Folge. Rund 1000 der etwa 3 500 Aktionäre werden dann im großen Saal der Essener Philharmonie sitzen und zuhören, was der Vorstand beschlossen hat bei den täglichen Morgenrunden am hellen Birnbaumtisch in Puppels Büro in der Essener Innenstadt.

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Vielleicht werden dann einige wenige Aktionäre, die meisten gute Geschäftskunden der National-Bank, den Vorstand nicht entlasten, aus Ärger über gekündigte Kreditlinien oder ernste Gespräche über ihr Kreditgebaren. Das ist durchaus schon vorgekommen, derzeit aber kein Thema, heißt es. Doch wenn es passiert, wird Puppel mit leisem Lächeln darüber hinweg gehen, höchstens einen kurzen Blick über die dünnen Hornränder der Brille riskieren und zur Tagesordnung übergehen.Seit 16 Jahren leitet der Gentleman-Banker in Nadelstreifen die Geschäfte der kleinen Regionalbank, im Ruhrgebiet die gerade einmal eine Bilanzsumme 3,4 Mrd. Euro aufweist und dennoch die Konkurrenz das Fürchten lehrt. Kontinuität ist Puppels Credo. Als andere das Mittelstandsgeschäft auslagerten, stand Puppel zu seiner Klientel. Als die Konkurrenz nur noch aufs Investmentbanking setzte, blieb Puppel den Privatkunden treu. Heute erlebt das Filialgeschäft eine Renaissance und Puppel profitiert von seinen gewachsenen Kontakten. Mittelständische Unternehmer sind die Hauptklientel der Essener, aber auch Freiberufler und vermögende Privatpersonen. ? Ein Standbein, das die Bank ausbauen will, um nachhaltige Provisionserträge zu erzielen, so steht es im Geschäftsbericht. ?Für mich ist eine Bank gut, wenn Sie erfolgreich ist?, sagt Puppel. ?Und so lange wir gut sind, bleiben auch die Aktionäre bei uns? sagt er. Und so lange behält die Bank auch ihre Unabhängigkeit ? die war ihm immer wichtig.?Gekeilt ?, wie er es nennt, hat ihn nach dem Studium in Hamburg eigentlich die Braunschweiger Staatsbank. Doch das Jobangebot hat er ausgeschlagen und ist als Trainee zur Bayrischen Vereinsbank gegangen. Dort hat der promovierte Jurist sich mit Begriffen wie ?Zins- und Provisionsüberschuss? vertraut machen müssen und erfahren, wie wichtig eine gute Eigenkapitalrendite ist. Was er in München gelernt hat, hat er bei der Wüstenrot-Bank in Ludwigsburg ebenso beherzigt, wie bei der Nationalbank in Essen, bei der er 1991 antrat. Unter seiner Ägide hat sich die Bilanzsumme der Essener fast verdreifacht und der Jahresüberschuss mit 20 Millionen in Etwa vervierfacht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein Förderer von Kunst und Kultur Banker wollte Puppel nicht unbedingt werden. Musiker, das hätte dem Klassikfan gefallen. Ein Instrument spielt er nicht, dennoch ist er eng vertraut mit den Daniel Barenboims und Kurt Masurs dieser Welt. Viele Stardirigenten sind der Einladung nach Essen gefolgt, haben erst musiziert und dann mit Puppel getafelt: Ricardo Muti, Dirigent der Chicagoer Symphoniker, der Bostoner Orchesterchef James Levine und Christoph Eschenbach vom Orchestre de Paris. Das alljährliche Klavierfestival Ruhr, hat sich dank des National-Bank-Sponsorings zum größten Pianistentreffen der Welt entwickelt. Darauf ist Puppel stolz. Genauso wie auf die Kunstausstellungen des Folkwang-Museums, das die National-Bank fördert.Sein Kulturengagement lässt sich das Institut einiges kosten. Der Geschäftsbericht weist das Kapital des bankeigenen Stiftungsfonds mit mehr als einer Million Euro und daraus resultierenden Erträgen von 670 000 Euro aus.Kunst und Kultur wird Puppel verbunden bleiben. Seine Basis wird das kleine Büro im ersten Stock der Bank sein, das er ab morgen beziehen wird. Denn das Golfhandicap von 13 verbessern reicht ihm nicht. Puppel hat immer auch experimentiert. Zusammen mit dem chinesischen Professor Wei Luan fädelte er vor vier Jahren das größte und spektakulärste Auslandsprojekt der National-Bank ein: Eine komplette Kokerei hat er damals von Dortmund nach China verschiffen lassen, Stück für Stück und Schraube für Schraube. Seit 2006 verarbeitet die Anlage im Reich der Mitte Kohle zu Koks. Inzwischen gibt es sogar einen Kinofilm über den Abbruch West und den Aufbau Fernost. Mit Luan und seiner Firma ?Famous Germany? arbeitet die National-Bank seitdem eng zusammen. In diesem Jahr wird Puppel seinen Aktionäre von Indien berichten, vom Finanzzentrum Mumbai, der südindischen Metropole Chennai und der aufstrebenden Universitätsstadt Pune, wo er im November mit Firmenkunden war.Thomas Lange, der seit Februar mit am Birnbaumtisch sitzt, sieht ebenfalls den Mittelstand und Privatkunden als wichtigstes Klientel. In die Fußstapfen Puppels will er dennoch nicht treten: ?Im Schatten seines Vorgängers wird man nicht groß?, sagt der 44jährige, ebenfalls Jurist und ab morgen einer der jüngsten Vorstandschefs unter den Bankern der Republik. Doch alles anders machen wird er nicht, auch wenn er den Anteil der Frauen in Führungspositionen erhöhen will und eher einen ?jungenhaften und direkten? Führungsstil pflegt, wie er selber sagt. Mittelstand ist sein Metier und in Kleinstädten kennt er sich aus, war für die Deutsche Bank nicht nur in Singapur sondern vor allem in Essen, Recklinghausen und Rostock. Nun also Essen. Gerade erst ist er vom Hotel in eine Wohnung gezogen, im Sommer will er mit Frau und Tochter ein Häuschen finden, und die eine oder andere Strecke zum Inline-Skaten. Die ersten 100 Tage im Institut hat Lange schon hinter sich, die Herausforderungen der Zukunft noch vor sich. Die Kosten sollen weiter sinken, in zwei bis drei Jahren will die National-Bank für jeden Euro Umsatz nur noch 60 Cent aufwenden, derzeit sind es 66. Außerdem will sie in Nordrhein-Westfalen expandieren. Wo, will Lange nicht sagen. Puppel könnte sich Köln, Bonn oder Aachen vorstellen, doch darüber soll der Aufsichtsrat entscheiden, dem auch Puppel ab morgen angehören wird. Vor den Aktionären aber hat Lange dann das Wort.Lesen Sie weiter auf Seite 3: National-Bank Essen: Regionalbank aus dem RuhrgebietNational-Bank Essen: Regionalbank aus dem RuhrgebietGeschichte: Gegründet wurde die National-Bank 1921 in Berlin, verlegte ihren Sitz aber schon ein Jahr später nach Essen. Geschäftsgebiet ist das Ruhrgebiet. Ab heute führt Thomas Lange die Geschäfte.Standorte: Das Institut hat 24 Niederlassungen, unter anderem in Essen, Bochum, Duisburg, Dortmund, Düsseldorf und Recklinghausen.Besitzverhältnisse: Die Bank gehört etwa 3 500 Aktionären. Größter Anteilseigner ist mit 26 Prozent die Versicherungsgruppe Signal-Iduna.Kunden: Nach eigenen Angaben betreuen die 700 Mitarbeiter derzeit rund 100 000 Kunden vor allem mittelständische Unternehmer, Freiberufler und vermögende Privatpersonen.Engagement: Die Bank fördert neben Kunst und Kultur im Initiativkreis Ruhrgebiet auch die wirtschaftliche Entwicklung der Stahl- und Kohleregion.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.05.2007