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Ein Banker lässt das Morden nicht

Von Thomas Knüwer, Handelsblatt
Michael Ridpath war ein typischer Londoner Banker. Dann wollte er was Kreatives machen ? und wurde Bestseller-Autor.
LONDON. Englisch ist es in Golders Green. Sehr englisch. Hundert Jahre alte Einfamilienhäuser in backsteinbrauner Uniform reihen sich an diesem grauen Londoner Mittag um einen nüchtern-leeren Platz mit kleiner Kirche. An den Bordsteinen herrscht eine hohe Konzentration familientauglicher Vans. Das Böse, Zynische, Gierige der Londoner City bleibt zurück, 20 U-Bahn-Minuten Richtung Süden.Könnte man meinen ? und täuscht sich.

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Zumindest im Fall des groß gewachsenen Mannes in fast schlampiger Freizeitkleidung, der seine Opel-Familienkutsche vor einem der Häuser abstellt. Denn im Kopf von Michael Ridpath geht es oft düster zu. Da gebiert das Trainee-Programm einer Bank einen Mörder, ein Startup überlebt nur durch den Tod seines Geldgebers, oder eine Junk-Bond-Händlerin wird in Brasilien entführt.In sechs Wirtschaftskrimis hat Ridpath diese dunklen Szenen verewigt, weltweit haben sie sich Millionen Mal verkauft. Gerade erschien in Deutschland sein jüngstes Werk ?Fatal Error? bei Hoffmann und Campe (Preis: 22,90 Euro). Doch wer in Golders Green mit Frau und drei Kindern lebt, bei dem kann das Böse nicht triumphieren: ?Ich habe den simplen Glauben, dass der Gute am Ende immer besser dasteht?, sagt Ridpath.Den konnte ihm nicht mal JP Morgan während eines Trainee-Programms nehmen. ?Michael ist einer der cleversten Menschen, die ich kenne?, sagt Allan Walker, der damals in New York eine Wohnung mit ihm teilte. ?Er war im Programm einer der Jüngsten und trotzdem einer der Schnellsten und Besten. Er ist ein angenehmes, ruhiges Genie vom Typ gemütlicher Riese?, sagt der Projektfinanzierungsexperte der Standard Bank. Zurück in London arbeitete Ridpath für Banken, managte eines der größten Junk- Bond-Portfolios Europas und wechselte dann zum Venture-Capital-Geber Apax. Sprich: Er war einer der Anzugträger, die jeden Morgen ausgespuckt werden aus den Tube-Löchern der Finanzhauptstadt.Das mag man kaum glauben, sieht man den entspannten 42-Jährigen heute mit Schlabberpulli tief eingesunken in den englischweichen Polstern der Wohnzimmercouch. Die Gemütlichkeit und Ruhe, die er ausstrahlt, passen besser zu seinem Geschichtsexamen an der Elite-Uni Oxford. ?Nach einiger Zeit in der Finanzwelt vermisste ich das tiefere Denken, das ich aus dem Studium kannte. Ich wollte etwas Kreatives machen?, erzählt er. Einen Roman schreiben zum Beispiel. Und das ging der damals 29-Jährige an, wie es ein wertpapierhandelnder Historiker eben tut: Er kaufte sich Literatur und recherchierte. ?Ich schrieb als Übung ein erstes Kapitel über einen Aktiendeal, den ich gemacht habe. Den hab ich übertrieben.?Aus der Übung wurde ein Roman. Englisch sarkastisch erzählt er: ?Ich zeigte ihn Freunden, und die hatten so ihre Probleme damit.? Also legte er das Werk in die Ecke ? und holte es ein paar Monate später wieder heraus: ?Ich vermisste das Schreiben.? Es war wohl auch das Andenken an seine erste Frau, die 1992 starb: ?Sie hat ihn immer gedrängt, das Buch zu veröffentlichen?, sagt sein Freund Walker.Ridpath suchte sich eine Agentin, die sich nicht nur für das Werk begeisterte, sondern geschickterweise eine Auktion unter interessierten Verlagen ausrief. Ergebnis: Schlagzeilen. Über 200 000 Pfund allein für die britischen Rechte. ?Als ich am Montag, nachdem die Geschichte bekannt wurde, im Büro erschien, haben mich alle angestarrt wie einen Freak.??Free to trade? wurde ein Bestseller ? und die Belohnung für Ridpaths Mut, seine Karriere aufs Spiel zu setzen: Seine Agentin hatte ihn nur unter der Bedingung angenommen, dass er mehr als ein Buch schreibt. Also bat er seinen Arbeitgeber Apax um einen Teilzeitjob. ?Die fanden das amüsant?, schmunzelt er. Doch er traf auf offene Ohren.Auch heute hält er reichlich Kontakte in die Banken- und Risikokapitalszene. Er selbst ist überrascht, ?dass alle mit mir reden, wenn ich recherchiere?. Das tat er in den vergangenen Monaten vor allem bei den Hedge-Funds, um die sich sein nächster Krimi drehen wird.Um der Atmosphäre der Finanzwelt nahe zu bleiben, hatte er sich bis vor einem halben Jahr beim Venture-Capital-Geber Amadeus einen Schreibtisch gemietet: ?Aber das war mir irgendwann zu teuer.?Ganz an den alten Arbeitsplatz zurückzukehren, könnte er sich überhaupt nicht vorstellen ? dazu haben sich vor allem Banken zu sehr verändert: ?Heute sind Banker im Grunde Selbstständige: Sie planen, nur noch zwei, drei Jahre bei einem Arbeitgeber zu bleiben, und wollen in dieser Zeit möglichst viel Geld kassieren. Es geht nur noch um kurzfristige Erfolge.? Am schlimmsten, meint Ridpath, seien die Mitarbeiter deutscher Banken in London: ?Sie sind äußerst egoistisch, nur die eigene Abteilung zählt, andere Abteilungen sind der Feind.?Vielleicht tauchen sie ja auch in einem seiner nächsten Bücher auf. Oder in denen eines anderen Autors? Ridpath vermutet, dass so mancher seine Arbeitslosigkeit der jüngsten Vergangenheit genutzt hat, um seinen ersten Wirtschaftskrimi zu schreiben. ? Es wäre gut, wenn es mehr Romane über Wirtschaft gäbe. Viele glauben, Business sei nicht spannend.? Er selbst ist fest davon überzeugt, dass das nicht stimmt ? ?auch deshalb schreibe ich?.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.02.2004