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Ein Aufstieg aus der anatolischen Armut

Von Dietmar Petersen, Handelsblatt
Recep Keskin kann sich über eine deutsch-türkische Erfolgsstory freuen: er schaffte den Aufstieg vom Bauernsohn im tiefsten Anatolien zum Unternehmer und Professor an einer deutschen Hochschule.
HB GEVELSBERG. "Mich beeindruckt Ihr Lebensweg, und ich wünsche mir, dass er für viele Ansporn und Beispiel sein könnte", rief Johannes Rau, damals der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, als er Keskin 1996 für sein multikulturelles Engagement den Ehrentitel "Bürger des Ruhrgebiets" verlieh.Hart war der Weg. Der Acker des Vaters konnte keine fünf Kinder ernähren, die Familie sparte und schickte Recep auf die staatliche Hotelfachschule in Ankara. Doch er träumte von Deutschland, dem sagenhaften "Bruderland", von dem die Alten im Dorf sprachen. 1967 gelang dem 19-Jährigen der Sprung: ein zweijähriges Ausbildungsstipendium brachte ihn nach Süddeutschland. In Luxushotels bediente er Prominente aus Politik und Popkultur: die Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt, auch den Schlagersänger Udo Jürgens. Das Ambiente stachelte Keskins Ehrgeiz an. "Deutschland bietet auch Ausländern so große Chancen, die hätte ich in der Türkei niemals erhalten", sagt Keskin rückblickend.

Die besten Jobs von allen

Auf dem zweiten Bildungsweg holt er das Abitur nach, studiert in Konstanz Bauwesen und arbeitet sich bis in die Geschäftsführung eines münsterländischen Bauunternehmens hoch. Der Eigentümer will ihn in die Geschäftsführung berufen, doch die deutschen Kollegen warnen, ein Türke als Geschäftsführer schade dem Firmenimage bei den Banken. Der Unternehmer glaubt an Keskin und macht ihn trotzdem zum Geschäftsführer.Keskin schrieb Fachartikel über "kostenbewusstes Bauen". Ein Unternehmer wird aufmerksam und bietet ihm seine Nachfolge an. 2001 übernimmt Keskin die Betonfertigteilwerk Mark GmbH - ein modernes Unternehmen mit 70 Beschäftigten und einem Umsatz von elf Millionen Euro. Die Hochschule in Dessau beruft ihn als Honorarprofessor für Bauwirtschaft. Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Wenn das Stadtsäckel für soziale Notfälle wieder einmal leer war - auf Recep Keskin war Verlass." Der deutsche Türke - "Zwanzig Jahre habe ich für die doppelte Staatsbürgerschaft gekämpft" - empfindet Dank und "möchte einiges zurückgeben". Daran erinnert sich Gevelsbergs Alt-Bürgermeister Klaus Solmecke: "Wenn das Stadtsäckel für soziale Notfälle wieder einmal leer war - auf Recep Keskin war Verlass." Seinem türkischen Heimatort hat er ein Schulzentrum geschenkt, und er beteiligt sich am Bau von Zubringern aus umliegenden Dörfern.Und dann ist da noch die Politik: In einer Ausbildungsinitiative des Industrie- und Handelskammertags und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung engagiert sich Keskin für die bessere Integration ausländischer Jugendlicher. In den jungen Türken in Deutschland sieht er "eine verlorene Generation". In seiner anatolischen Heimat dagegen besuche schon jedes zweite Mädchen das Gymnasium. "Wirtschaftlich ist viel zusammengewachsen, menschlich vieles auf der Strecke geblieben", sorgt er sich.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.04.2005