Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Edel-Lehrlinge

Bettina Blaß
Auslandseinsätze, Managementaufgaben - Unternehmen gestalten ihre Trainee-Programme immer attraktiver. Mit Erfolg: 50 Absolventen schlagen sich mittlerweile um einen Ausbildungsplatz. Denn wer gut ist, kann flotter Karriere machen als ein Direkteinsteiger.
"Ich war schneller als die Sportwagen auf der Autobahn", erzählt Torsten Frahm und lacht. Aufregend sei sie gewesen, seine erste Fahrt im Führerstand des Hochgeschwindigkeits-ICE von Köln nach Frankfurt: "Mein Puls ging schneller, und ich war hochkonzentriert." Der 28-Jährige ist nicht irgendein Lokführer. Torsten Frahm hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert und durchläuft derzeit das Trainee-Programm "TrainTec" der Deutschen Bahn. Dass dazu auch eine so genannte Triebfahrzeugführerausbildung gehört, war für Torsten Frahm die Verwirklichung eines alten Kindertraums und Sahnehäubchen seiner Ausbildung: "Mehrere hundert Passagiere mit bis zu 300 Stundenkilometern zu befördern - da hat man eine gewaltige Verantwortung.

Während seiner Trainee-Zeit hat der Wirtschaftsingenieur "so viel wie möglich" vom Unternehmen gesehen. Wenn er demnächst die Arbeit in seiner ersten festen Position aufnimmt - im Kapazitätsmanagement eines ICE-Werkes -, dann fühlt er sich durch das Programm bestens vorbereitet: "Ich verstehe jetzt ein hochkomplexes System mit vielen Komponenten, und ich konnte ein Netzwerk knüpfen, das sehr hilfreich sein wird.

Die besten Jobs von allen


Aufstieg mit Rückenwind

Frahm bringt mit, was alle Unternehmen von ihren Trainees erwarten: maximale Motivation und Ehrgeiz. Im Gegenzug bekommen die Edel-Lehrlinge eine gute Jobvorbereitung und Kontakte. Und nicht zuletzt einen Karrierevorteil gegenüber Direkteinsteigern: In einer Studie der Unternehmensberatung Kienbaum geben 56 Prozent der befragten Firmen an, dass Trainees bei ihnen schneller vorwärts kommen. Der Grund: Sie durchlaufen unterschiedliche Abteilungen, wissen, wie das Unternehmen arbeitet, haben Beziehungen aufgebaut und werden gezielt auf Führungsaufgaben vorbereitet. Vorzüge, von denen auch die Arbeitgeber profitieren. Deshalb bieten inzwischen nicht mehr nur Konzerne wie Deutsche Lufthansa, Unilever oder Gerling Traineeplätze an. Auch Mittelständler sowie nicht-kommerzielle Einrichtungen haben den Wert der Nachwuchsprogramme erkannt - etwa die Grünen oder die Stiftung Warentest. Die Trainee-Studie von Kienbaum legt offen, dass bereits 72 Prozent der Mittelständler und Konzerne ein Trainee-Programm etabliert haben. Bei weiteren 15 Prozent ist eines geplant

Extrawürste und Bonbons

Mit der Konkurrenz wächst die Qualität. Wegen der Vielzahl an Programmen strukturieren besonders Großkonzerne ihre Angebote immer besser und gestalten sie attraktiver - zum Beispiel mit Auslandsaufenthalten und höherer Bezahlung (siehe Tabelle S. 62/63). "Wer nichts bietet, könnte in den nächsten fünf bis zehn Jahren Schwierigkeiten bekommen, gute Leute zu finden", glaubt Claudius Enaux, der bei Kienbaum die Studie betreut hat. Und gerade die besten Absolventen sind es, die die Unternehmen möglichst früh an sich binden wollen: "Trainee-Programme dienen der Mitarbeiterrekrutierung und der Führungskräfteselektion", weiß Christiane Konegen-Grenier, Leiterin des Hochschulreferats im Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln.

Auch DaimlerChrysler sucht seine Trainees gezielt nach ihrem Chefpotenzial aus. "Rund 90 Prozent unserer Führungspositionen besetzen wir intern", erklärt Carmen Kasper, die die Abteilung External Recruiting leitet. Das heißt zwar nicht, dass nur Karrierechancen hat, wer ein solches Programm durchläuft. Letztendlich zählen auch bei DaimlerChrysler fachliches Wissen und Persönlichkeit. "Aber wer Trainee war, kennt viele Unternehmensbereiche und hat ein Netzwerk", argumentiert Carmen Kasper. "Somit ist er schnell einsatzfähig." Das komme sowohl dem Ex-Trainee als auch dem Unternehmen zugute.

Die Konkurrenz unter den Bewerbern ist groß. Um jeden Trainee-Platz drängeln sich im Schnitt 50 Kandidaten. Kein Wunder, dass viele Unternehmen mehrstufige Auswahlverfahren anwenden. Bei DaimlerChrysler füllen die 5.000 bis 6.000 Bewerber auf eine von jährlich 75 Stellen im Programm "Internationale Nachwuchsgruppe" zunächst einen Online-Fragebogen aus. Anschließend werden am Telefon Kommunikationsfähigkeit und Motivation geprüft. Und zum Abschluss müssen Bewerber im Assessment Center Teamfähigkeit und Sozialkompetenz beweisen.

Wer hier gut abschneidet, kann sogar eine nicht ganz so brillante Examensnote ausgleichen: Das Händchen für Kunden, Kollegen und später auch Untergebene steht laut Kienbaum-Studie ganz oben auf der Wunschliste der Unternehmen (siehe Grafik Seite 61). Wichtig ist auch das Alter: Die Höchstgrenze liegt zumeist bei 30 Jahren, bei einigen Unternehmen sogar bei 28

Und wo soll's danach hingehen?

Für Yannick Schandel, 27, war schon immer klar: "Ich will Autos bauen!" Seinem Ziel ist er einen großen Schritt näher, seit er im Dezember 2003 sein Trainee-Programm bei DaimlerChrysler begann. Jetzt muss Schandel sich entscheiden, wo er anschließend arbeiten möchte: Forschung, Entwicklung oder Produktion? "Mir hat das Programm ganz neue Möglichkeiten gezeigt", sagt der Maschinenbauer. "Zwar gibt es eine vorgegebene Struktur. Was man aber daraus macht, liegt bei jedem selbst." Zielstrebigkeit und Eigeninitiative - das wollen die Unternehmen von ihren Trainees sehen

Christiane Konegen-Grenier warnt sogar vor allzu passiver Haltung: "Die Trainees dürfen nicht erwarten, immer ans Händchen genommen zu werden, sondern müssen sich selbst Aufgaben stellen können." Als künftige Führungskräfte sollen sie ihre Eigenständigkeit früh beweisen. Anita Ferenc jedenfalls wusste genau, was sie wollte: "Ich habe mir immer gewünscht, mal in Spanien zu arbeiten", erzählt die 32-Jährige, die von 2000 bis 2002 bei Nestlé das Supply-Chain-Trainee-Programm absolvierte. Obwohl der Auslandsaufenthalt damals noch nicht fest im Programm war, wurde ihr Wunsch erfüllt. Nach einiger Zeit in der Zentrale in Frankfurt arbeitet Anita Ferenc heute wieder in Barcelona. "Ich wollte es so", sagt die Einkäuferin für Rohstoffe. "Aber Mobilität und Flexibilität sind schon absolute Voraussetzung."

Fünf Stationen in 16 Monaten durchläuft der durchschnittliche Trainee während seiner Ausbildung. Das bedeutet, alle drei Monate den Schalter umzulegen. Eine Portion Mut gehört schon dazu, wie Nicole Schoof - ebenfalls einst Trainee bei Nestlé - erfuhr. Auch sie wollte Auslandserfahrung sammeln. "Doch als mir angeboten wurde, in Frankreich zu arbeiten, war ich nicht sicher, ob ich das mit meinem Schulfranzösisch schaffen würde." Sie wagte den Sprung, und alles hat "wunderbar geklappt". Ihre Sprachkenntnisse sind jetzt so gut, dass die 27-Jährige am liebsten wieder in ein französischsprachiges Land ginge. Es sieht gut aus: "Ich stehe in Verhandlungen.

So verlockend die Stationen eines Trainee-Programms auch klingen mögen - wer schon als Premium-Lehrling auf den schnellen Euro hofft, wird enttäuscht. Mit durchschnittlich 36.000 Euro müssen sich Trainees im ersten Jahr begnügen, Direkteinsteiger kommen auf 38.000. Nach Abschluss des Programms liegen Trainees bei 42.000 Euro. Erst drei Jahre später machen sie den Gehaltsvorsprung der Direkteinsteiger wett: Beide verdienen dann 50.000 Euro. Die Entscheidung zwischen Trainee-Programm und Direkteinstieg sollte ohnehin von anderen Faktoren als der Bezahlung abhängen: Wer - etwa wegen seiner Promotion oder Phasen der Berufstätigkeit - länger fürs Studium gebraucht hat, der ist mit einem Direkteinstieg besser beraten

Rundum beschäftigt

Ob als Trainee oder im ersten Job - Schonzeiten gibt es für beide nicht. "Überdurchschnittliches Engagement ist Pflicht", weiß Thomas Friedenberger, Karriereberater beim Staufenbiel Institut für Studien- und Berufsplanung. So werde von Trainees selbstverständlich erwartet, Überstunden zu machen und neben ihrer regulären Arbeit noch andere Aufgaben zu übernehmen - beispielsweise als Ansprechpartner für Bewerber zur Verfügung zu stehen oder einen Vortrag vorzubereiten. Torsten Frahm engagiert sich im Trainee-Club der Bahn: "Wir organisieren für den akademischen Nachwuchs Kamingespräche und Exkursionen." Lohn der Mühe: Trainees werden Teil eines Netzwerks, das auch Bestand hat, wenn sie längst in ihrer Zielposition sind. Langfristig, so hoffen die Unternehmen, soll sich dadurch die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Teams und Bereichen verbessern. Torsten Frahm wird das bald beweisen: Ab 1. April sorgt er dafür, dass Züge, Gleise und Personal zum richtigen Zeitpunkt verfügbar sind. Dann ist Koordination pur gefragt

Dieser Artikel ist erschienen am 25.04.2005