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Echtes Mannsbild

Von Oliver Stock
Anton Wais zählt in der Riege jener Generaldirektoren, die Österreichs Wirtschaft lenken, zu den Urgesteinen. Nun braucht der österreichische Postchef Geld für Zukäufe und hofft auf einen Börsengang. Ohne den Börsengang kann Wais aber das Noch-Staatsunternehmen nicht so durch Zukäufe stärken, wie er es möchte.
WIEN. Zum Abschied erhebt er sich behänder, als es sein schwerer Körper vermuten ließe. ?Steinerner Koloss? haben ihn seine Kollegen aus ehemaligen Siemens-Zeiten getauft. Und das war freundlich gemeint: Ein ?g?standenes Mannsbild, aber keine Dampfwalze?, wie andere Männer seiner Statur, fügten sie hinzu. Ein leidenschaftlicher Gourmet eben, der zu dieser Leidenschaft steht, sagen die, die es gut mit ihm meinen. Da Wien eine Stadt von grundsätzlich wohlmeinenden Menschen ist, dringen keine anderen Meinungen nach außen.Anton Wais zählt in der Riege jener Generaldirektoren, die Österreichs Wirtschaft lenken, zu den Urgesteinen. Der Chef der Österreichischen Post geht auf die Schrankwand zu, die dekorativ gegenüber seinem Platz am Kopfende des Besprechungstisches steht. Er gibt dem Postbus der Schweizer Kollegen einen kleinen Stoß, er blättert im verblichenen Notizheft eines Postboten aus den zwanziger Jahren und streicht fast liebevoll über ein Foto, das ihn im Kreis europäischer Vorstandsvorsitzender zeigt. Dazu erzählt er Anekdoten. Dann, pünktlich nach einer Stunde, ist die Audienz bei ihm vorbei.

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Wais kennt sich aus in den Gepflogenheiten viel beschäftigter Manager. Und er spielt gerne in der internationalen Liga. Aber er ist ein ?General?, wie die obersten Firmenchefs in Österreich genannt werden, im Wartestand. Seine größte Schlacht steht noch bevor. Er soll die Österreichische Post an die Börse bringen. So sieht es die Regierung im Allgemeinen vor. Im Besonderen bremst sie aber derzeit oder hat, wie es Wais formuliert, ?nie wirklich Gas gegeben?.Ohne den Börsengang kann Wais aber das Noch-Staatsunternehmen nicht so durch Zukäufe stärken, wie er es möchte. Denn die Österreichische Post ist viel kleiner als der gelbe Riese seines Kollegen Klaus Zumwinkel. Sie macht im Jahr weniger Umsatz als die Deutsche Post in einem Monat. ?Das ist nicht mal David gegen Goliath?, räumt Wais ein.Ja, die Deutschen. Sie sind für die Österreicher, also auch für Anton Wais, die großen Nachbarn, bei denen es einem besonders viel Spaß macht, sie gelegentlich zu übertrumpfen. Wais ist mit diesen Nachbarn besonders eng verbunden. 1980 startet der geborene Wiener seine Karriere bei Siemens in Berlin und München. Als er nach 16 Jahren in den Vorstand von Siemens Österreich einzieht, liefert er eine Kostprobe von dem, was er in Deutschland gelernt hat. Um wieder auf die Schiene zu kommen, muss er die Belegschaft von Siemens Verkehrstechnik in Österreich halbieren. Knapp vor Weihnachten macht er das ganze Werk im österreichischen Fohnsdorf dicht.Die Gewerkschaften, die den Sozialdemokraten und studierten Juristen als einen der ihren verortet hatten, sind entsetzt. Für die Regierung in Wien, die 1998 mit der Privatisierung ihrer viel zu vielen Staatsunternehmen Ernst machen will, ist Fohnsdorf das Gesellenstück.Sie engagiert Wais 1999 für ihre Post, die seit Menschengedenken rote Zahlen schreibt. 8000 Stellen hat er dort inzwischen gestrichen, 1000 Filialen zugemacht. Wenn er darüber berichtet, schwingt mehr Stolz als Bedauern in der Stimme des weißhaarigen Mannes mit. Den Börsengang würde er lieber heute als morgen über die Bühne bringen. Die Gewerkschaften sind immer noch entsetzt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nun sitzt Wais zwischen den Stühlen.Kollege Zumwinkel allerdings war angetan und überlegte zwischenzeitlich selbst, bei Wais einzusteigen, dessen Laune sich mit jedem Euro hebt, den das Unternehmen mehr verdient. Nach Steuern waren es in den ersten drei Quartalen des Vorjahres knapp 50 Millionen Euro, was einer Steigerung um 31 Prozent entspricht. Weil jedoch die konservative Wiener Regierung auf anstehende Wahlen Rücksicht nehmen will und ein rigoroser Postgeneral da nicht recht ins Bild passt, hat sie die Privatisierung doch lieber auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben.Zumwinkel hat sich daraufhin wieder abgewandt, und Wais sitzt nun ein bisschen zwischen den Stühlen: Die Roten sind schon länger nicht mehr seine Herzensfreunde, und die Schwarzen haben eigene Sorgen. ?Seit 1999 habe ich nur noch eine Farbe, und das ist das Postgelb?, sagt Wais und rettet sich damit in eine Floskel. Er würde jetzt sicher eine Zigarette zur Hand nehmen, hätte er nicht vor zwei Jahren dem Rauchen abgeschworen.Tatsächlich ist seine Situation alles andere als gemütlich. Der Postchef braucht Geld. ?Wir wollen Südosteuropa erobern?, sagt der General. Er will allerdings keine Sanierungsfälle kaufen, sondern Logistiker, die zu den Marktführern zählen. In Slowenien, Kroatien, der Slowakei und Ungarn hat er bereits einige Zukäufe eingetütet. Das ist teuer. Da die Einnahmen aus der Briefbeförderung nicht in alle Ewigkeit so weiterfließen werden ? der Postliberalisierung sei Dank ?, käme ihm ein Börsengang eigentlich gerade recht.Da der jedoch nicht mehr absehbar ist, muss Wais nun kleinere Päckchen packen. Den deutschen Logistiker Transoflex, dem in den vergangenen Monaten sein Interesse gegolten hatte, übernahm er doch nicht. Der Kauf, den Analysten mit rund 350 Millionen Euro bezifferten, wäre die größte Übernahme in der Geschichte der Österreichischen Post gewesen. Dafür ist eben leider kein Geld da. Stattdessen kooperieren beide Unternehmen nun: Die Österreicher stellen künftig jene Sendungen zu, die Transoflex im Auftrag von Geschäftskunden nach Mittel- und Südosteuropa befördert.Der 57-Jährige hat die Hoffnung auf einen Börsengang unter seiner Ägide aber noch nicht aufgegeben: ?Den Zeitpunkt bestimmen die Eigentümer und der Kapitalmarkt. Entscheiden muss letztlich die Hauptversammlung?, stellt er fest und fügt hinzu: ?Aber da wir nur einen Eigentümer haben, können wir theoretisch auch morgen früh um elf eine Hauptversammlung einberufen.?Er lacht breit und zieht die in der Mitte fast zusammengewachsenen Augenbrauen nach oben. ?Im Augenblick, wo er zu sprechen beginnt, löst sich dieses Gebirge auf, und der Mann wird ganz warm- und offenherzig. Das hat ihm die Herzen geöffnet und Zugang zu den Kunden verschafft?, sagen Siemensianer, die ihn in guter Erinnerung behalten haben.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.01.2006