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Ebays Hoffnungsträgerin

Von Astrid Oldekop
Wissenschaft, Beratung, Startup, Konzern ? Caren Genthners Weg ist voller Wendungen. Als Länderchefin einer Ebay-Tochter ist die promovierte Mathematikerin die Hoffnungsträgerin im Unternehmen. Das Handelsblatt hat sie mit der ?Karriere des Jahres 2007? ausgezeichnet.
Caren Genthner unterscheidet Strohfeuer von dem, was nachhaltiges Wachstum ist. Foto: Archiv
DÜSSELDORF. Durchdringend und fragend ist ihr Blick. ?Du bist der wichtigste Mensch auf der Welt?, vermittelt sie ihrem Gegenüber. Die braunen Augen immer ein wenig zu weit aufgerissen, ein bissschen so, als staune sie noch immer über ihren ungewöhnlichen Weg.Wer Caren Genthner beim Mittagsspaziergang mit Kollegen um den See auf dem Ebay-Gelände bei Berlin sieht, bemerkt nichts Außergewöhnliches an der Ein-Meter-Fünfundsechzig-Frau in Jeans, erdfarbenem Strickblazer und blau-weißer Bluse. Ganz anders die direkte Begegnung: Wer mit ihr spricht, trifft auf eine starke Präsenz.

Die besten Jobs von allen

Die promovierte Mathematikerin Caren Genthner ist Deutschland-Chefin der Preisvergleichsplattform Shopping.com. Damit ist die 37-Jährige eine der fünf wichtigsten Führungskräfte, mächtigste Frau und vor allem eins: die Hoffnungsträgerin für Ebay Deutschland.Am 20. November wurde Caren Genthner für ihren herausragenden Werdegang mit dem Handelsblatt-Preis ?Karriere des Jahres 2007? ausgezeichnet. Auf den ersten Blick ist dieser Weg voller Brüche: Wissenschaftlerin, Unternehmensberaterin, Gründerin. Nach acht Monaten Auszeit: Einstieg ins Produktmarketing beim Internetmarktplatz Ebay und schneller Aufstieg zur Chefin der wichtigsten Tochtergesellschaft.
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Erst auf den zweiten Blick erkennt man den roten Faden: Es ist die Kompromisslosigkeit mit der Genthner ihren Weg geht. Erfolg ist für sie die Möglichkeit, das zu tun, was sie will. Ist das nicht mehr der Fall, zieht sie die Reißleine. Diese Konsequenz, kombiniert mit Klugheit, einem klaren Führungsverständnis und einem nachhaltigen Denken beeindruckte die Juroren des Preises ?Karriere des Jahres?. Jury-Mitglied Doris Brenner von der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung gefiel die natürliche Ausstrahlung und die Offenheit der engagierten und motivierten Frau. ?Sie verbindet auf harmonische Weise analytisches Denken mit einem hohen Maß an sozialer Kompetenz im Umgang mit anderen Menschen,? lobt die Karriereberaterin. Zwei Themenstränge, die nur selten bei einem Menschen zusammen zu finden sind, ziehen sich durch alle Stationen in Genthners Leben: Das tiefe Interesse an Technik und die Begeisterung für Menschen. Sie ist kein Technikfreak, kein Internet-Nerd, kein Spielkind. Programmieren etwa hat sie immer gehasst. Stundenlang nach einem Kommafehler zu suchen, das ist nicht ihr Ding. Aber sie will verstehen wie etwas funktioniert, will genau wissen, welche Zusammenhänge zwischen den Abermillionen Datensätzen bei Ebay existieren. Das Basteln überlässt sie anderen. Nur einmal hat ein Thema in ihrem Leben die Überhand gewonnen, erinnert sich Toni Kappesz, seit 15 Jahren ihr Lebensgefährte. Während der Promotion sorgte sich der Markenberater darum, ob Caren überhaupt noch einmal aus dem mathematischen Labyrinth auftauchen würde.Doch gerade das tiefe Eintauchen in ein Thema, die Fähigkeit, sich aufs Äußerste zu konzentrieren, erlaube es ihr, effizienter und damit auch schneller zu arbeiten als andere. In der Unternehmensberatung sei sie häufig vor den anderen mit ihren Projekten fertig gewesen, erinnert sich Kappesz. Von einem Arbeitsleben ohne Feierabend halte sie nicht viel. Habe sie ein Problem erst mal erkannt, so verabschiede sie sich auch schnell wieder von ihm, sagt Kappesz. Wohl daher rühre ihre ausgeglichene Art.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Genthner trifft Entscheidungen aus einem Bauchgefühl heraus Es wirkt glaubhaft, wenn Caren Genthner sagt, Toni und sie haben trotz sehr fordernder Jobs zu einer guten Work-Life-Balance gefunden. Drei Mal pro Woche fährt Genthner nach der Arbeit in Kleinmachnow mit ihrem lindgrünen Mini zum Joggen in den Tiergarten. Ihre knappe Freizeit verbringt sie mit ihrem Lebensgefährten und den vielen Freunden im Kiez in Berlin Mitte, beim angesagten Franzosen Bandol oder bei Nola?s am Weinberg. So sehr wie in der Zeit der Promotion habe sie nie wieder geschwitzt, erzählt sie. Drei Jahre arbeitete sie am Beweis eines Satzes, die Arbeit war nur 50 Seiten lang, weltweit konnte sie sich mit vielleicht fünf Leuten über ihr Thema unterhalten. Zu isoliert, zu einseitig, empfand die pragmatische Mathematikerin, die sich eigentlich schon in einer Universitätskarriere gesehen hatte. ?Das tut mir auf die Dauer nicht gut?, wusste sie und stieg aus.Genthner trifft Entscheidungen aus einem Bauchgefühl heraus und setzt sie nüchtern kalkuliert um. Wo also hätte sie mehr für eine Karriere in der Wirtschaft lernen können als bei einer großen Beratungsfirma? Sie heuert bei Boston Consulting (BCG) an, besorgt sich das fehlende Wirtschaftswissen in Bootcamps. Nach zwei Jahren gründet sie mit Kollegen aus der Branche die Strategieberatung ?The Launch Group?. Es läuft gut, vielleicht sogar zu gut, denn schon nach sechs Monaten wird das Start-up an Sapient verkauft und die amerikanische Muttergesellschaft macht es zur reinen Technologieberatung. Einen Weg, den Genthner nicht gehen will. ?Damals habe ich gemerkt, dass Geld für mich nicht die einzige Triebfeder sein kann?, sagt die 37-Jährige. Wieder ist es dieses Bauchgefühl, das Genthner zum Handeln treibt.Und wieder steigt sie aus ? ohne Job, ohne konkrete Perspektive. Sie ringt nach Worten, wenn sie versucht, ihre damalige Situation zu schildern: ?Ich hatte kein Berufsbild, der Optionsraum war sehr groß.? Was andere in eine Krise stürzt, sorgt bei Genthner nicht einmal für Existenzängste. In ihrer pragmatischen Art kalkuliert sie, wie lange sie ohne Job leben kann, schreibt eine Wunschliste mit Dingen, die sie schon immer tun wollte und arbeitet diese ab: eine Reise durch Australien. Skifahren mit Freunden in den Bergen bei München. Ein paar Wochen bei ihren Eltern in Südafrika, wo sie sich für soziale Projekte engagiert. Als Kind hat sie sechs Jahre am Kap verbracht. Ihr ehemaliges Kindermädchen ist an Aids gestorben. Jedes Jahresende verbringt sie in Kapstadt, informiert sich über Obdachlosen- oder Waisenhausinitiativen und wirbt anschließend in Deutschland dafür. Dann noch ein Trip zu Freunden nach Kalifornien. Als sie schließlich den Jahrhundertsommer 2003 in München verbringt, weiß sie sehr genau, was sie sucht: eine Firma mit neuester Technologie, eine inhaltlich anspruchsvolle Aufgabe, sympathische Kollegen. E-Commerce findet sie spannend.Nach acht Monaten Auszeit fängt sie bei Ebay im Produktmarketing an. Kein echter Karriereschritt, doch sie vertraut auf die Perspektiven, die ihr die Kollegen aufzeigen. Ihre Eltern haben den Namen des Internetauktionshauses noch nie gehört, das Unternehmen steht erst vor dem großen Boom, hat nur 100 Mitarbeiter in Deutschland ? heute sind es 1 100.Wie wichtig Selbstmarketing in Unternehmen ist, lernt die Frau, die stets deutlich, mit ruhigem süddeutschen Akzent spricht, im ersten Jahr. In der Wissenschaft habe das überhaupt keine Rolle gespielt. ?Man kann nicht damit prahlen: ,Schaut her, was für ein toller Mathematiker ich bin?, man muss den Output liefern.? Diese Ergebnis-Orientierung ist geblieben, allerdings achtet die junge Frau inzwischen genauestens auf ihre Sichtbarkeit im Konzern. Die dynamische Heilbronnerin passt perfekt in die Ebay-Welt, die ohnehin von starken Frauen geprägt ist: Ein Vorbild für Caren Genthner ist Konzernchefin Meg Whitmann. Ein anderes die ?wahnsinnig energetische? Lorrie Norrington, die als Präsidentin von Ebay International die Geschicke von Paris aus lenkt und 2005 als Shopping.com-Chefin die Preisvergleichsplattform an Ebay verkaufte.
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Genthner drückt bei Ebay Deutschland sämtlichen New-Business-Projekten ihren Stempel auf: Sie führt Textwerbung ein, baut Shops innerhalb des Auktionshauses auf und ist verantwortlich für die spektakuläre Halbierung der Gebühren im September. Bei einem derart komplexen Thema wie der Preisgebung sei Caren Genthner mit ihrem ganzheitlichen, geschäftsbezogenen, aber pragmatischen Denken und ihrer klaren Methodik am richtigen Platz, lobt Ebay Deutschland-Chef Stefan Groß-Selbeck, ebenfalls ehemaliger Mitarbeiter von BCG. ?Sie kämpft sehr stark für ihre Ziele?, sagt der Ebay-Chef, der sich an heftige Diskussionen über die Preisgebung mit Genthner erinnert. ?Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann setzt sie das durch.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Genthner ist für Shopping.com Deutschland verantwortlichIm Mai wird Genther schließlich Deutschland-Chefin der Ebay-Tochter Shopping.com. In den USA und in England ist die Preisvergleichsplattform neben Paypal und Skype bereits eine wichtige Säule fürs Geschäft. In Deutschland soll Genthner nun nachziehen. Shopping.com ist strategisch wichtig für den Konzern, denn die Preisvergleichsplattform wächst schneller als das schwächelnde Kerngeschäft. Außerdem öffnet sie dem Internet-Basar neue Türen zu Händlern, Verkäufern und Partnern.Genthner ist für Shopping.com Deutschland verantwortlich, ihre Mitarbeiter sind auf mehrere Orte verstreut: Deutschland, Irland, Israel und USA. Mit 15 Kollegen teilt sie sich im Europaparc Dreilinden ein Großraumbüro, das Durchschnittsalter liegt um die 30.Zum ersten Mal führt sie nun ein heterogenes Team. Manchmal sei sie dabei vielleicht zu fordernd, sagt sie nachdenklich. Nun lerne sie einen breiteren, variableren Führungsstil, ergänzt Helmut Becker, als New Business Direktor ihr Vorgesetzter. Doch mit ihrer klaren Art, auf Menschen zuzugehen und sich für sie zu interessieren, gewinne sie die Kollegen für sich.An ihrem Schreibtisch hat sie den weiß-matten Sichtschutz zu den drei Nachbarschreibtischen entfernt. Ohnehin ist sie viel zu viel unterwegs, und das sagen ihr die Mitarbeiter auch. Von ihrem Platz aus blickt sie auf einen ehemaligen DDR-Kontrollturm, den Ebay-See, die Wälder der Parforceheide und die A 115. Ein Stapel Romane und Gruppenbilder von Ebay-Trainings in den USA und in Europa geben ihrem Arbeitsplatz eine persönliche Note. Hierarchiegrade sind hier nicht an Schreibtischen ablesbar, selbst Konzernchefin Meg Whitman sitzt im Großraum. Ohnehin ist man beim Du. Es gibt keine Dienstwagen, einziger sichtbarer Hinweis auf Unterschiede ist der Blackberry. Eine Welt, die ergebnisorientiert arbeitet, ganz nach Genthners Geschmack.Ein paar Türen weiter ist das Büro ihres Chefs. ?Sie sitzt auf einer echten Rakete?, schwärmt Helmut Becker. Durch ihren ungewöhnlichen Denkansatz und ihre Fähigkeit, Einzelteile neu zu sortieren, stoße Caren Genthner neue Türen auf und erkenne ungeahnte Möglichkeiten. Sie habe eben diesen sezierenden, klaren Blick, der erkennt, was nachhaltiges Wachstum bringt, welche Geschäftsidee auch morgen noch funktioniert und was nur ein Strohfeuer ist. Eine überlebenswichtige Fähigkeit in der schnelllebigen Internetwelt.
Caren GenthnerCaren Genthner wird 1970 in Heilbronn geboren. Ihre Kindheit verbringt sie in Südafrika. Sie studiert in Würzburg und Thessaloniki und promoviert. Weil die Mathematik ihr zu einseitig ist, steigt sie 1999 bei Boston Consulting in München ein. 2000 gründet sie mit Kollegen die Strategieberatung ?The Launch Group?, die bald von Sapient aufgekauft wird und zur Technologieberatung wird. In einer Auszeit orientiert sie sich neu. Als sie 2003 beim Internetauktionshaus Ebay anfängt, hat sie endlich das Unternehmen und die Aufgabe gefunden, die zu ihr passen. Schnell steigt sie zur Deutschland-Chefin der Tochterfirma Shopping.com auf.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.11.2007