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E-mail aus Warschau

"Was, du gehst nach Polen? Was willst du denn da? Kannst du denn überhaupt Polnisch? Warschau? Naja, das ist ja wenigstens eine große Stadt - vielleicht ist sie ja etwas westlicher als der Rest." Solche Reaktionen kamen reihenweise, als ich mich entschieden hatte, ein Jahr in Warschau am Europakolleg zu studieren - und dass ohne Polnisch zu sprechen.
Polen - der unbekannte Nachbar im Osten"Was, du gehst nach Polen? Was willst du denn da? Kannst du denn überhaupt Polnisch? Warschau? Naja, das ist ja wenigstens eine große Stadt - vielleicht ist sie ja etwas westlicher als der Rest." Solche Reaktionen kamen reihenweise, als ich mich entschieden hatte, ein Jahr in Warschau am Europakolleg zu studieren - und dass ohne Polnisch zu sprechen. Ich war selbst skeptisch und wusste nicht genau, was mich dort erwarten würde. Meine Reaktion auf den Vorschlag einer zukünftigen Kommilitonin, mit dem Auto gemeinsam nach Polen zu fahren, war dann auch von Vorurteilen geprägt: Mit dem Auto nach Polen? Das wird doch geklaut - und sicher fühlen kann man sich da wohl nicht, zwei Frauen, unterwegs in Polen. Drum entschied ich mich, mit dem Zug zu reisen: vom Westen Deutschlands in den Osten Polens. 12 Stunden, mit Gepäck für ein Jahr.

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Europakolleg - der TraumAls Studentin der Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Europäische Union träumte ich schon lange davon, am Europakolleg zu studieren. Der gute Ruf der seit über 50 Jahren in Brügge (Belgien) bestehenden Institution und die Aussicht auf einen Job in Brüssel - den man als Ehemaliger des College angeblich leichter findet - sowie die internationale Atmosphäre auf dem Campus mit Studenten aus ganz Europa - das war der Reiz, sich zu bewerben. Ich zweifelte jedoch, ob ich die Aufnahme in diesen für mich sehr exquisit erscheinenden Club schaffen würde. Beworben habe ich mich trotzdem - in Brügge. Das Auswahlgespräch war eine existentielle Erfahrung: eine Art Inquisition durch ungefähr 20 Professoren und Stipendiengeber zu allen Bereichen meines bisherigen Lebens. Ein Tag später der Anruf: Wenn ich bereit wäre, auf dem zweiten Campus des College in Natolin, Polen zu studieren, wäre ich aufgenommen und bekäme ein Vollstipendium. Die Entscheidung war noch am gleichen Tag zu treffen.Europakolleg - die RealitätIn Warschau angekommen bin ich schließlich zur Zeit des polnischen goldenen Herbstes. In meinem Zimmer in der neu errichteten Residenz auf dem Campus, der in einem eingezäunten Naturschutzpark liegt, fühlte ich mich zunächst wie in einer sehr klein geratenen und etwas unpersönlichen Hotelsuite. Das am äußersten Stadtrand gelegene Gelände war früher einmal Sitz der polnischen kommunistischen Partei. In den ersten Tagen war es mein Ziel, möglichst viele der 71 Studenten aus 36 Ländern kennen zu lernen. Nach relativ kurzer Zeit bildeten sich die üblichen Grüppchen, teilweise, wenn auch nicht ausschließlich, nach geographischen Gesichtspunkten geordnet. Allerdings gibt es keine Trennlinie zwischen West und Ost, wie man es vielleicht erwarten könnte.Das akademische Programm ist äußerst anspruchsvoll und erfordert neben Disziplin auch Kooperation und Solidarität unter den Studenten. Im ersten Semester wurden wir von verschiedenen europäischen Professoren auf den gleichen Wissensstand bezüglich EU-Recht, Wirtschaft, Geopolitik, osteuropäischer Geschichte, EU-Politiken und den Beziehungen zwischen der EU und den zukünftigen osteuropäischen Mitgliedstaaten gebracht. Im zweiten Semester können wir uns nun in einem der Bereiche spezialisieren und in kleinen, intensiven Seminaren in direktem Kontakt mit den Professoren unser Wissen vertiefen. Das Herrenhaus auf dem CampusViele Studenten empfinden das Europakolleg als goldenen Käfig. Wir leben inmitten einer baulich sehr sozialistisch geprägten "Schlafstadt" am südlichen Rand von Warschau, umzäunt und bewacht von einem privaten Wachdienst. Die Sprachbarriere erschwert den Kontakt zur Außenwelt und behindert die Erweiterung des Freundes- und Bekanntenkreises in Warschau. Nach einem halben Jahr fühlt man sich jedoch schon etwas heimisch, hat vereinzelt Kontakte nach außen geknüpft und findet sich im Nachtleben Warschaus zurecht. Ausflüge in die Umgebung oder Wochenendreisen in andere Teile Polens - falls zeitlich möglich - tragen dazu bei, das Land, die Kultur, die Geschichte und die Menschen besser kennen zu lernen.Zwischen Ost und WestDas prägende Charakteristikum dieses Jahres ist auf jeden Fall das Aufeinandertreffen der verschiedenen Kulturen und Nationalitäten. Als Westeuropäer lernt man, vorsichtig mit seinem eigenen Weltbild umzugehen, das man früher als selbstverständlich und allgemeingültig empfunden hat. Besonders nationale Empfindlichkeiten der erstmals selbständigen oder wieder erstandenen Nationalstaaten, wie zum Beispiel Weißrußland oder Moldawien, sind mir als deutschem Bürger mit einem geschichtlich bedingt schwierigen Verhältnis zur eigenen Nation oft fremd.Ich habe gelernt, dass "Moldawien", ein von der Sowjetunion geprägter Begriff, als "Moldova" zu bezeichnen ist und Weißrußland aus dem gleichen Grund im Englischen nicht "Bielorussia" sondern "Belarus" heißt.Ich habe erfahren, dass sowohl Bulgarien als auch Mazedonien die beiden Mönche Kyrill und Method als Teil ihrer Geschichte beanspruchen und dass so etwas zu Auseinandersetzungen führen kann.Ich wundere mich darüber, dass in Mazedonien die Nationalität und die Staatsbürgerschaft getrennt im Paß aufgeführt werden und dies zum Anlass genommen wird, das französische Staatsbürgerschaftsrecht als diskriminierend zu kritisieren. Dies führt zu fruchtlosen Debatten darüber, ob es in einem vereinten Europa überhaupt noch wichtig ist, welche Nationalität man besitzt.Ich staune, dass man gegenüber manchen polnischen Studenten vorsichtig sein muss, die polnischen Behörden und damit das Land Polen selbst zu kritisieren, und sei es nur im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten - ganz zu schweigen von dem unterschiedlichen Bild, das Deutsche und Polen von der polnischen Geschichte haben.Doch all diese kleineren und größeren Differenzen sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bereichernd ist, in einer kulturell so mannigfaltigen Gemeinschaft zu leben.Bewerbungsverfahren
Für die Bewerbung erforderliche Dokumente:
  • ausgefülltes Bewerbungsformular
  • ausführlicher Lebenslauf, möglichst mit Europabezug
  • Kopie des Universitätsabschlusses
  • Nachweis der Englisch- und Französischkenntnisse (DALF, FCE oder IELTS oder ein Jahr Auslandsaufenthalt)
  • Drei Empfehlungsschreiben von Professoren oder Personen des öffentlichen Lebens

    Auswahlverfahren
  • Einreichen der oben genannten Unterlagen bis zum Bewerbungsschluß (31.01.2003 für das Studienjahr 2003/04)
  • Vorauswahl und Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, das normalerweise im März in Berlin stattfindet und der endgültigen Auswahl der Studenten dient

    Nähere Informationen bei:
    Europäische Bewegung Deutschland (zuständig für das Auswahlverfahren in Deutschland)
    Büro Berlin: Jean-Monnet-Haus
    Bundesallee 22
    10717 Berlin
  • Dieser Artikel ist erschienen am 23.04.2002