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E-Mail aus Tansania

Jörg Kühnel
Ein paar Hütten aus Holz und Plastikplanen, eine Latrine und ein Wasserhahn - so sieht der Arbeitsplatz von Jörg Kühnel aus. Der Stipendiat der Robert-Bosch-Stiftung arbeitet in einem Flüchtlingslager der Vereinten Nationen mitten im Buschland Tansanias. Für Junge Karriere berichtet er von seiner Arbeit für den Flüchtlingsschutz.
Ich sitze in einem der typischen Holzboote auf dem Tanganyika-See - ein flacher Rumpf, gewölbte Außenwände, ein Außenbord-Motor. Mit mir drängen sich 300 Flüchtlinge auf den Sitzplätzen und Außenwänden des Bootes. Außerdem Fahrräder, Kisten, Säcke, kleine Öfen, und Hühner, die skeptisch auf das Wasser glotzen und ab und zu mit den Flügeln schlagen, während ihre Besitzer ihnen unerbittlich die Füße zusammenhalten.

Dann beginnt es aus dicken blau-grauen Wolken, die, schon fast symbolisch, von Kongo herübergeweht sind, zu regnen. Der See wirkt plötzlich alles andere als einladend, richtig bedrohlich. Zum ersten Mal fällt mir die Vorstellung leichter, dass auf der anderen Seite, die schon zum Kongo gehört, ein Bürgerkrieg stattfindet, der jede Woche bis zu 3000 Flüchtlinge produziert.

Die zerlumpt und ausgemergelt aussehenden Männer, Frauen und Kinder im Boot sind während der letzten Woche in Mtanga angekommen, einem kleinen Fischerdörfchen in Tansania, nahe der burundischen Grenze. Dort hat das UNHCR, die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, einen sogenannten Entry-point eingerichtet: Ein paar Hütten aus Holz und Plastikplanen, eine Latrine, ein Wasserhahn.

Von Mtanga aus werden die Flüchtlinge einmal in der Woche per Boot nach Kigoma gebracht, wo sich eine Feldstation des UNHCR befindet. Nachdem sie dort registriert worden sind und eine erste medizinische Versorgung erhalten haben, werden sie mit Lastwagen weiter nach Lugufu gebracht. Lugufu, dass ist ein Flüchtlingslager für Kongolesen, zwei Jeep-Stunden von Kigoma entfernt im tansanischen Buschland.

Flüchtlingsschutz hautnah

Mtanga, Kigoma und Lugufu sind mein gegenwärtiger Arbeitsplatz als Protection Officer des UNHCR. Mein Aufgabe: sicherstellen, dass den Flüchtlingen die ihnen nach der Genfer Flüchtlingskonvention und dem UNHCR-Statut zustehenden Rechte auf Schutz und Sicherheit gewährt werden.

Einen Teil meiner Zeit verbringe ich im Lager Lugufu, wo ich sogenannte Protection Cases, also schutzwürdige Personen, identifiziere. Das sind meist Familien, die wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihrer Aktivitäten im Kongo weder im Lager sicher sind, noch jemals wieder im Kongo sicher sein werden. Folglich qualifizieren sie sich für Resettlement, eine Umsiedlung in Drittstaaten - neben Repatriierung und lokaler Integration eine der vom Statut vorgesehenen dauerhaften Lösungen.

Einen anderen Teil meiner Zeit verbringe ich im Entry-point Mtanga und dem Transitlager in Kigoma, wo ich Suspected Combatants, Flüchtlinge, die allen Anschein nach Kämpfer waren, interviewe und entscheide, ob sie dem Tansanischen Militär übergeben werden oder zusammen mit den anderen Flüchtlingen ins Lager gebracht werden. Schließlich kümmere ich mich um das Monitoring von allen Abläufen und Prozeduren vom entry-point Mtanga bis zum Lager Lugufu. Das betrifft sowohl scheinbar banale Fragen wie, ob die Flüchtlinge genug Seife haben, als auch kulturell äußerst sensible Fragen, zum Beispiel: Sollen alleinstehende Frauen und junge Mädchen schon im Entry-point über ihre von den Vereinten Nationen garantierten sexuellen Rechte und die Schutzstrukturen des UNHCRs bezüglich SGBV (Sexual and Gender based Violence) informiert werden?

Der Sprung in die Praxis

Obwohl ich mich während meines Politik-, VWL- und Ethnologie-Studiums mit Flüchtlingsschutz befasst habe, ist der Sprung in die Praxis tiefer als erwartet. Vor allem zu Beginne fühlte ich mich von den Geschichten der Flüchtlinge zu sehr überwältigt. Kinder, die gezwungen wurden, als Soldaten zu kämpfen. Männer, die zugesehen haben, wie ihre Eltern umgebracht wurden. Frauen, die immer wieder vergewaltigt wurden. Bei solchen Geschichten stockt einem Durchschnittseuropäer der Atem. Am liebsten möchte man alle sofort weit weg und in Sicherheit bringen. Die Schwierigkeit meiner Arbeit besteht aber darin, die wirklich schutzbedürftigen Fälle von den anderen zu unterscheiden. Es dauert eine Weile, bis man die dazu nötigen Fähigkeiten entwickelt hat und über genügend Erfahrung und Intuition verfügt.

Flüchtlingshilfe als nachhaltige Entwicklungshilfe

Schwierig ist es auch, den Umgang mit den harten Lebensumständen zu lernen, in denen nicht nur die Flüchtlinge, sondern zum Teil auch die lokale Bevölkerung lebt. Ich bin umso mehr überzeugt von meiner Tätigkeit. Denn Flüchtlingshilfe, so habe ich gelernt, ist nicht nur Nothilfe. Durch die vielfältigen Strukturen, die das UNHCR aufbaut, wird gleichzeitig Entwicklungshilfe geleistet. Das betrifft die Gegenden im Westen Tansanias, die durch eine neue Infrastruktur und die gewachsene lokale Nachfrage einen Entwicklungsschub erhalten haben. Und es betrifft viele Kinder aus den armen Bergregionen im Osten des Kongos, die im Lager zum ersten Mal in ihrem Leben die Gelegenheit haben zur Schule zu gehen. Schließlich werden die Flüchtlinge ermutigt, innerhalb des Lagers demokratische Selbstverwaltungsstrukturen aufzubauen, was aus meiner Sicht langfristig einen positiven Effekt auf die politischen Entwicklungen im Kongo haben wird.

Der Rahmen

Vier Monate dauert mein Arbeitsaufenthalt bei der Protection Unit des UNHCR in Kigoma. Ermöglicht wurde er mir durch das Stiftungskolleg für Internationale Aufgaben der Robert-Bosch-Stiftung und der Studienstiftung des deutschen Volkes. Das Programm dauert insgesamt 13 Monate, in denen man die Möglichkeit hat, im Rahmen eines selbstgestalteten Projekts die Arbeit verschiedener internationaler Organisationen kennen zu lernen. Während eines dreimonatigen Praktikums im Auswärtigen Amt habe ich mein Projekt "Repatrierung, Resettlement, Local Integration? Flüchtlingsschutz in der Great Lakes Region in Ostafrika" und meinen Einsatz in Tansania vorbereitet. Ich wollte beispielsweise herausfinden, wie die deutsche Regierung zu solchen Flüchtlingsschutz-Maßnahmen eingestellt ist. Für die restlichen sechs Monate des Stipendienprogramms plane ich ein Praktikum in der Zentrale der UNHCR in Genf, um die Ergebnisse des Projekts zu erarbeiten.

Wie wird man Stipendiat?

Für das Programm kann sich bewerben, wer sein Studium abgeschlossen hat, zwei Fremdsprachen spricht und insgesamt ein Jahr im Ausland studiert oder gearbeitet hat.

Nähere Informationen zum Bewerbungsverfahren und Bewerbungsfristen:

Robert Bosch Stiftung GmbH
Anke Schmidt
Heidehofstraße 31
70184 Stuttgart
Tel. 0711/4608454
Fax 0711/460841054
www.bosch-stiftung.de
www.studienstiftung.de
Dieser Artikel ist erschienen am 28.03.2002