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E-Mail aus Moskau

Veronika Wengert
"Am Wodka-Klischee ist etwas dran - es findet sich immer ein Grund, die Gläser zu heben. Und sei es nur, weil Russland auf Platz 25 der Pisa-Studie gelandet ist." Veronika Wengert arbeitet als Medienassistentin bei der Moskauer Deutschen Zeitung. In einer E-Mail erzählt sie von ihrer Arbeit - und von dem aufregenden Leben in der russischen Hauptstadt.
Stiernackige Mafiabosse haben mich hier in Moskau ebenso wenig gestreift, wie ihre Bleikugeln, die sie sich aus schweren Mercedes-Limousinen in Hirn und Herz jagen. Und wasserstoffblonde slawische Schönheiten auf schwindelerregenden Stöckeln haben mir ihre Lackhandtaschen auch noch nicht übergehauen, weil sie Konkurrenz gewittert hätten.

Die gängigsten Stereotypen, die westliche Medien immer wieder gern aufgreifen, passieren nicht auf der Straße, sondern höchstens in zwielichtigen Spielcasinos oder Nachtclubs. Doch am Wodka-Klischee ist etwas dran - es findet sich immer ein Grund, die Gläser zu heben. Und sei es nur, weil Puschkin so rührselige Gedichte geschrieben hat oder Russland auf Platz 25 der Pisa-Studie gelandet ist.

Seit September 2001 recherchiere und redigiere ich hier bei der Moskauer Deutschen Zeitung. De facto bin ich laut Arbeitsvertrag Medienassistentin, was eine Mischung zwischen Redakteurin, rasender Reporterin, Übersetzerin, Fotografin und Korrektur-Leserin ist. Manchmal bin ich auch Seelsorgerin und Kummerkasten für geschiedene Väter, Invaliden oder brotlose Maler, die plötzlich in der Redaktion stehen. Es ist wohl einer der aufregendsten Jobs in der spannendsten Stadt der Welt.

Die besten Jobs von allen


Skurrile Metropole

Einige Klischees muss ich aber trotzdem schüren: Nirgendwo sonst glänzen so viele goldene Kuppeln auf den Kirchendächern, nirgendwo sonst haben die Frauen so rote Lippen und lange Beine und nirgendwo sonst wird so feucht und fröhlich gefeiert. Die Stadt an der Moskwa überbietet die Mietpreise auf dem Münchner Stachus, die Zahl der Zapfhähne in Düsseldorf, und die Dichte der Designerläden kann mit den Champs-Elysees konkurrieren. Doch in keiner anderen Stadt klafft die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinander. Zahnlose Mütterchen mit einer Monatsrente von 20 Euro betteln weinend in Metrostationen um ein paar Kopeken, während Nerzmäntel in Gucci-Schuhen an ihnen vorbeirauschen

Prickelnd an meinem Job ist, dass ich sie alle treffe. Mit dem Obdachlosen, der steckbrieflich gesucht wird, bin ich durch Bahnhöfe gezogen. Mit Straßenkindern, die vor ihren trinkenden Müttern und Vätern davongelaufen sind, habe ich in einer Suppenküche um Buchweizengrütze angestanden. Mit dem Bürgermeister und Vize-Gouverneur einer Provinzstadt musste ich pausenlos Trinksprüche auf den Nationaldichter Tjutschew aussprechen. Und heute Abend werde ich auf einer Pressekonferenz des deutschen Staatsministers für Kultur, Julian Nida-Rümelin, eifrig mitschreiben.

Der Weihnachtsmann wohnt in Archangelsk

Das facettenreiche Themenspektrum lässt sich leicht erklären. Hier bei der Moskauer Deutschen Zeitung bin ich für drei Rubriken zuständig: Für das Feuilleton, für das sozialpolitische Ressort "Russland heute" und die Regionen. Das heißt, dass mich alles interessiert, was außerhalb des Planeten Moskau passiert - zwischen Kaliningrad, der sibirischen Kulundasteppe und Wladiwostok, das weiter als New York entfernt ist. Im wahren Russland gibt es nicht nur Dauerfrostboden und Pelzmützen, sondern kleine und große Geschichten, für die ich Autoren finden muss oder selbst etwas schreibe. Und so vergeht kein Tag, ohne dass ich etwas Neues hinzugelernt hätte: Wie die nationale Minderheit der Tschuwaschen Neujahr feiert, dass der Weihnachtsmann in Archangelsk wohnt, dass es im Altai eine Prinzessin gibt.

Als ich hier ankam, war das ein Sprung ins kalte Wasser. Plötzlich sollte ich auf Pressekonferenzen sinnvolle Fragen auf Russisch stellen, Autoren anwerben und über Tops oder Flops ihrer Beiträge entscheiden. Doch diese Verantwortung macht selbstbewusst. Die Sprachbarriere ist mittlerweile auch kein Problem mehr, inzwischen werde ich sogar für eine Polin oder Bulgarin gehalten. Sprachlich habe ich tatsächlich einen Startvorteil: Im vorigen Frühjahr habe ich mein Studium der Südslawistik, Russistik und Journalistik an der Uni Leipzig abgeschlossen.

Mein Weg nach Moskau

Während der Uni-Jahre habe ich meinen Lebenslauf durch Praktika in Russland und Deutschland aufgepeppt und anderthalb Jahre in Kroatien studiert. Mit dieser Kombination ist mein bisheriger Werdegang wohl genau auf die redaktionelle Arbeit in Moskau zugeschnitten. Irgendwann hatte ich auch bei einer deutschsprachigen Zeitung für Russlanddeutsche in Lenins Geburtsort Uljanowsk hospitiert. Vielleicht hat das geholfen, dass ich den Job bekommen habe.

Die Moskauer Deutsche Zeitung habe ich vor vier Jahren das erste Mal gelesen und war sofort begeistert. Durch ihre vielfältige und kritische Berichterstattung erfährt der deutschsprachige Leser Aktuelles über Moskau, Russland und die GUS-Länder. Das Blatt richtet sich alle zwei Wochen mit einer russischen Ausgabe an Russlanddeutsche und erscheint im Wechsel mit der deutschen Nummer, die für Geschäftsleute, Diplomaten und Touristen konzipiert ist. Unsere Zeitung wird im Abo vertrieben, liegt aber auch kostenlos in Hotels, Restaurants, Supermärkten und Sportclubs aus.

Eigentlich wollte ich mich bereits während des Studiums schon mal bei der Zeitung melden. Doch beworben habe ich mich letztlich nicht in Moskau, sondern in der Schwabenmetropole Stuttgart. Hier hat das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) seinen Sitz, eine Mittlerorganisation für auswärtige Kulturpolitik. Das ifa entsendet im Auftrag des Auswärtigen Amtes Medien- und Kulturassistenten für ein oder zwei Jahre nach Mittel- und Osteuropa. Junge Menschen bis 35 arbeiten dort bei deutschsprachigen Zeitungen und in Begegnungsstätten deutscher Minderheiten. Auf die Adresse des ifa bin ich zufällig über eine Stellenbörse im Internet gestoßen und sofort hat mich Amors Pfeil getroffen: Den Job oder keinen, dachte ich. Und bisher habe ich es keine Sekunde bereut, hier zu arbeiten.

Die Rush-Hour endet nie

Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein: Telefonrecherchen sind oft mühsam, da es nicht überall Pressestellen gibt. Am ehesten helfen einem persönliche Kontakte weiter. Das mit dem Internet ist auch Glückssache. In meiner 350-Euro-Wohnung am Stadtrand kann ich nicht im Netz surfen, weil die Telefonbuchse in die Wand betoniert wurde und die Vermieter keinerlei Veränderung zulassen. Und an manchen Tagen nerven die Menschenmassen, die sich durch die ewig langen Gänge der Metro schieben. Die Rush-Hour endet hier nie: Inoffiziell sind es zwölf Millionen Einwohner, die sich in Moskau drängeln und in vollgestopfte Busse quetschen. Zum Glück sind Privattaxis sehr billig, die man einfach auf der Straße anhält. Nervig ist auch mein Laden an der Ecke, wo ich mich an drei verschiedene Kassen anstellen muss: Milch gibt es links, Bier rechts und Kekse hinten in der Ecke. Ein kleiner Trost ist, dass ich dort rund um die Uhr einkaufen kann.

Doch diese kleinen Unbequemlichkeiten sind kaum der Rede wert - denn der spannende Job entschädigt für alle grimmigen Polizisten, die gerne Ausländer auf der Straße kontrollieren und mit Fragen nerven, für die ewigen Wegstrecken und die klirrend kalten Januarnächte bei minus 25 Grad.

Wie wird man Medienassistent in Moskau?
Institut für Auslandsbeziehungen e.V.
Referat "MOE"
Postfach 102463
70020 Stuttgart
Telefonische Auskünfte: 0711 / 2225198
www.ifa.de/f/f1/df1mitar.htm
Dieser Artikel ist erschienen am 22.01.2002