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E-Mail aus Brünn

Boris Blahak
"Für mich liegt der Kick darin, die Tschechen zu überzeugen, dass nicht alle Deutschen wegen des billigen Benzins, der Grenzbordelle oder der billigen Schnitzel nach Tschechien kommen.", so Boris Blahak, Sprachlektor der Robert Bosch Stiftung an der Masaryk-Universität Brünn.
Zugegeben: Als Deutscher kann man in Tschechien keinen Blumentopf gewinnen. Manchmal wünscht man sich, Amerikaner, Engländer oder Franzose zu sein, denn von vielen jungen Tschechen wird man für eine Art Halbgott gehalten, kommt man aus einem dieser Länder. Für mich liegt der Kick aber gerade darin, die Tschechen zu überzeugen, dass nicht alle Deutschen wegen des billigen Benzins, der Grenzbordelle oder der billigen Schnitzel nach Tschechien kommen.Abenteuer ohne Risiko

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Das Leben in Tschechien ist ein risikoloses Abenteuer: Abenteuer - weil es eine Herausforderung ist, eine Sprache meistern zu müssen, die ganze Sätze ohne Vokal und über 60 verschiedene Fallendungen beim Substantiv aufweist und in der man das Bier ab fünf Gläsern im Genitiv Plural bestellen muss. Ein Abenteuer auch, weil ich Repräsentant des nicht allzu geliebten Nachbarn im Westen bin und mein eigenes Verhalten jederzeit Stereotype verfestigen oder ins Wanken bringen kann. Risikolos ist das Abenteuer, weil Lebensstandard und Infrastruktur längst den Westen eingeholt haben und es sich bequem und sicher leben lässt.Über Polen nach BrünnNach meinem Studium der Germanistik, Geschichte und Musikwissenschaft, sowie der Zusatzausbildung Deutsch als Fremdsprache (DaF) an der Universität Regensburg zog es mich wie magnetisch nach Osteuropa. Der Großteil meiner DaF lehrenden Studienkollegen drängte nach England, Amerika, Frankreich und Italien, da diese Länder ein leichtes Leben versprachen. Ich entschloss mich jedoch, neue und schwierige Sprachen zu lernen und mir im slawischen Teil Europas eine neue Heimat zu suchen.1999 bewarb ich mich bei der Robert Bosch Stiftung um ein Sprachlektorat in Polen und arbeitete zunächst ein Jahr an der Schlesischen Universität Kattowitz. Über ein Partnerschaftstutorium zwischen den Universitäten Regensburg und Brünn gelangte ich ein Jahr später nach Tschechien und wurde 2001 von der Bosch Stiftung als Sprachlektor an der Universität Brünn angestellt. Zudem übernahm ich im Auftrag der Bosch-Stiftung die Funktion eines Regionalkoordinators für die Tschechische Republik. Damit bin ich Ansprechpartner für meine Kollegen und weitere deutsche Organisationen (DAAD, Deutsche Botschaft, ZfA, Goethe Institut).Wiener Flair in ländlicher Idylle Bei Tschechien fällt den meisten Deutschen erst einmal Prag ein, und sie geraten ins Schwärmen. Zugegeben: Prag ist wirklich eine Perle. Mittlerweile tummeln sich in Prag jedoch fast mehr Amerikaner, Deutsche und Engländer als Tschechen. McDonalds und Touristenströme haben die Stadt fest in der Hand und haben sie dem Rest des Landes längst entfremdet. Das echte und fast noch unberührte Tschechien liegt dagegen fernab der Metropole im Südosten des Landes, in Mähren.Weitläufige Wälder, Wiesen, Hügel und Hänge prägen die reizvolle Landschaft dieser ländlichen Region. Viele Mährer, von den Pragern als "vidláci" - Mistgabelträger - verspottet, sehen sich als eigenständiges Volk und gehen auf Distanz zu den Hauptstädtern, die sie oft als hochnäsig verurteilen. Brünn ist mit 400.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Tschechiens. Die Stadt, die einst zum Habsburger Kaiserreich gehörte, versprüht viel Charme und Wiener Gemütlichkeit. Die zahlreichen Kaffeehäuser und die Jugenstilgebäude rund um den dreieckigen Platz der Freiheit laden ein, die Bohème-Atmosphäre längst vergangener Tage zu schnuppern.Freund oder Lehrer?Lehrt man als Muttersprachler in Mittelost-Europa deutsche Sprache, Literatur und Landeskunde, nimmt man für die meisten Studenten eine Doppelrolle ein: Mit großem Respekt verfolgen die Studenten den Deutschunterricht, scheuen selbst - zumindest am Anfang - aber aus Angst vor Fehlern davor, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen. Auf der anderen Seite erwarten sie von mir eine gewisse Lockerheit im Vergleich zu meinen oft strengen tschechischen Kollegen. Die Herausforderung für mich besteht also darin, den richtigen Weg zwischen Autoritätsperson und Kumpel zu finden.Das Herzstück "Projektarbeit und Völkerverständigung"Neben meinem Lektoren-Job habe ich Gelegenheit, verschiedene kulturelle Projekte zu organisieren und zu betreuen. Dabei ist großes Eigenengagement gefordert, denn die Projektarbeit verlangt, dass ich mich in Gebiete wie Fundraising, Internetkommunikation und Vernetzung einarbeite.Mein bislang größtes und aufwändigstes Projekt war die Organisation eines multinationalen Theaterfestivals. Mit 100 Studenten und Lektoren aus Tschechien, Deutschland, Polen, Ungarn und der Slowakei veranstalteten wir ein fünftägiges Theaterfestival mit öffentlichen Proben, Improvisationsworkshops und abendlichen Aufführungen. Am 5. April fiel der letzte Vorhang. Fazit: Völkerverständigung gelungen.Andere Projekte waren beispielsweise Exkursionen nach Deutschland, polnisch-tschechische Film-Workshops, deutsche Filmabende, journalistische Projekte und zwei kleine studentische A-capella-Ensembles und Theatergruppen. In meinen bisherigen drei Lektorenjahren konnte ich auf dem Gebiet der interkulturellen Projektarbeit viel experimentieren, lernen und mich regelrecht austoben. Sowohl mir als auch den Studenten macht das gegenseitige Lernen außerhalb des Unterrichts viel Spaß. Meine tschechischen Kollegen können diese Erfahrungen leider kaum mit mir teilen. Sie werden dermaßen schlecht bezahlt, dass sie oft mehrere Nebenjobs als Übersetzer oder Privatlehrer ausüben müssen, um sich über Wasser zu halten. Für Freizeitaktivitäten mit den Studenten bleibt ihnen keine Zeit. Manchmal habe ich da schon ein schlechtes Gewissen...Wie wird man Lektor der Robert Bosch Stiftung?Robert Bosch Stiftung GmbH
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Dieser Artikel ist erschienen am 15.04.2002