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E-Mail aus Boston

Franziska Götz
Germanistikstudentin Franziska Götz arbeitet als Prakitkantin am Bostoner Goethe-Institut. Für Junge Karriere berichtet sie von ihren Erlebnissen und verrät, wie sie es geschafft hat, einen der begehrten Praktikumsplätze in den USA zu bekommen.
Ein Foto, auf dem sich eine neoromanische Kirche in einem verglasten Hochhaus spiegelt, daneben der Kommentar "Boston, where old meets new". Dieses Bild aus dem Cornelsen-Englisch-Buch der neunten Klasse hat bis vor kurzem meine Vorstellung von Boston geprägt. Dann kam Ally McBeal. Die Juristen-Soap zeigt adrette junge Leute, die durch eine ebenso adrette Stadt laufen und auf der Suche nach dem richtigen Partner sind. Die Serie wird zwar in Los Angeles gedreht, aber die eingeblendeten Bilder von Boston haben gereicht, um mich von der Stadt an der amerikanischen Ostküste zu überzeugen.

Inzwischen bin ich seit zwei Monaten Praktikantin am Goethe-Institut in Boston. Mein Mitstreiter ist Ingo, der zufälligerweise genau wie ich in Freiburg Germanistik studiert. Wir haben uns aber erst in Boston kennen gelernt. Ingo hält nichts von Ally McBeal, auch das Cornelsen Buch ist ihm gänzlich unbekannt. Dafür war er die letzten eineinhalb Jahre im Mittleren Westen der USA und findet Boston nach dieser Zeit sehr europäisch: Man kann die ganze Stadt zu Fuß entdecken, mit ihren verwinkelten Straßen, einem Stadtpark und vielen kleinen Cafés (wobei allerdings, das ist das Amerikanische daran, 85 Prozent dieser Cafés der Kette Starbucks gehören). Die viktorianischen Backsteinhäuser und die verglasten Hochhäuser stellen wirklich einen sehr reizvollen Kontrast dar, da hatte der Cornelsen recht.

Die besten Jobs von allen


Elite-Studenten in braunem Cord
Und dann ist da noch der Stadtteil Cambridge, wo die Harvard-Universität angesiedelt ist: Hier wirken die Menschen noch intellektueller als im übrigen Boston. Junge Leute in braunen Cordhosen, mit Freud oder Schopenhauer in der Hand, sind keine Seltenheit. Es ist hipp, in Independent (das heißt ausländische) Movies zu gehen, in Secondhand Buchläden zu stöbern und dabei Kaffee zu trinken. Ja, hier ist so was möglich, sogar bis 23 Uhr abends. Gesetzliche Ladenöffnungszeiten scheinen nicht zu existieren und so können die intellektuellen Cordhosenstudenten auch noch nachts im kapitalistischen Urban Outfitters abgetragen-aussehende und dennoch abartig teure Kleider einkaufen.

Das Goethe-Institut liegt in der sogenannten Back Bay, einem relativ alten Stadtteil, der künstlich aufgeschüttet wurde. Das macht sich daran bemerkbar, dass immer größere Risse im Gemäuer des Hauses sichtbar werden. Dennoch sind das Haus und seine Lage traumhaft: nahe an der edlen Einkaufsstraße Newbury, in der alles versammelt ist was Rang und Namen hat. Hinter dem Haus hat man einen tollen Blick auf den Park und den Charles River. Zur Fußgängerzone, in der es seit neuestem auch einen H&M gibt (am Anfang standen die Leute davor Schlange!!!) braucht man zu Fuß circa 15 Minuten, in Boston ist eben alles nah beieinander

Kartoffelsalat und Leberkäse
Aufgabe des Bostoner Goethe-Instituts ist es, an der amerikanischen Ostküste deutsche Kultur und Sprache zu vermitteln. Dabei arbeitet es eng mit anderen kulturellen Institutionen in Neuengland zusammen. Zusammen mit diesen Organisationen werden Projekte und Veranstaltungen geplant und durchgeführt. Ich war erstaunt, wie viele Amerikaner sich für deutsche Kultur interessieren. Für einfach jedes Thema lassen sich neugierige Bostoner finden. Ingo und ich trafen auf Menschenmassen bei Fritz Lang Filmen im Harvard Film Archive, bei Marlene Dietrich Filmen in der Public Library und bei neuen deutschen Filmen im Museum of Fine Arts. Am deutschen Abend in der Sloan School of Business haben wir zusammen mit den Bostonern Leberkäse und Kartoffelsalat gegessen. Und beim Marlene-Dietrich-Faschingsball, der bei uns im Goethe-Institut gefeiert wurde und ein absolutes Highlight war, haben wir süßen deutschen Wein ausgeschenkt. Unter den circa 150 Gästen war eine ganze Bostoner Prominenz, die vom deutschen Konsul über den französischen Kulturattache bis zu einer Zeit-Korrespondentin reichte. Es wurde sogar eine Radiosendung für einen lokalen Sender aufgenommen. Der "Ball der Blauen Engel" reihte sich in eine Marlene-Dietrich-Fotosausstellung und -Filmserie ein, die an ihren hundertsten Geburtstag erinnern sollte.

Außer Filme gucken und Weinausschenken gibt es für uns noch jede Menge anderer Aufgaben: Das reicht von der Planung und Realisierung einer Broschüre über das Erstellen von Flyern und Pressemitteilungen bis zum Inventarisieren der Bibliothek. Nicht alles ist spannend, aber die Mitarbeiter sind immer offen für neue Vorschläge. So habe ich zum Beispiel einen Vorlesenachmittag für Kinder initiiert, der jetzt jede Woche stattfindet. Wir wollen deutschsprachige Kinder erreichen, ihnen bei Saft und Keksen Kinderbücher vorlesen und später eventuell auch noch andere Elemente wie Handpuppen und Kindertheater einbauen. Zur gleichen Zeit ist das auch eine gute Möglichkeit für deutschsprachige Familien sich kennen zu lernen. Wie erfolgreich die Aktion sein wird, lässt sich im Voraus nicht vorhersehen, wir hoffen aber auf gute Resonanz.
Um einen der begehrten Praktikumplätze am Bostoner Goethe-Institut zu ergattern, ist es wichtig, sich früh genug zu bewerben - etwa ein Jahr vor Praktikumsbeginn. Ein weiteres Problem: Das Praktikum wird nicht bezahlt. Und Boston ist sehr teuer. Ich erkannte schnell, dass mein Preislimit für eine Wohnung von 400 $ warm im Monat völlig illusorisch war. Unter 500 $ kalt ist kaum was zu machen (es sei denn, man hat Beziehungen). Die Wohnungssuche gestaltete sich als schwierig: Erst nach Monaten habe ich über das Internet etwas gefunden.

DAAD unterstützt Goethe-Praktikanten
Die Lösung des Finanzproblems heißt DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst). Dort sollte man sich unbedingt um ein Teilstipendium bemühen. Der DAAD fördert Praktika im Bereich Deutsch als Fremdsprache wirklich gerne. Man muss nur aufpassen, dass man alle Unterlagen mindestens zwei Monate vor Beginn des Praktikums abgegeben hat. Die Formulare für den Antrag bekommt man normalerweise beim Akademischen Auslandsamt an der Uni.

Die beste Zeit für einen Aufenthalt in Boston sind die frühen Herbstmonate, denn im berühmten Indian Summer färben sich die Wälder wunderschön bunt. Aber auch der Winter hat seine guten Seiten: Es ist zwar bitterkalt, aber dafür scheint oft die Sonne. Wenn man dann also an einem sonnigen Tag durch den Stadtpark läuft, den obligatorischen To-Go-Coffee von Starbucks in der Hand hält und vielleicht sogar einen hübschen Mann sieht (die gibt es hier wirklich!),dann kann es schon passieren, dass man sich fühlt wie Ally McBeal und einfach glücklich ist, in Boston zu sein.

Wie wird man Praktikant am Goethe-Institut?

Voraussetzungen:
  • Deutsche Staatsbürgerschaft
  • Ordentliches Hochschulstudium im geisteswissenschaftlich-juristischen Bereich, das zum Diplom, Magister, Staatsexamen für Sek. II oder einer Promotion führt.
  • Mindestens 3 Semester Studium
  • Alter: zwischen 20 und 30 Jahren
Weitere Informationen: www.goethe.de
Dieser Artikel ist erschienen am 11.03.2002