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E-Business

Liane Borghardt
Foto: Norbert Michalke
Bis vor einem Jahr hatte schon einen Job sicher, wer das Wort E-Commerce richtig schreiben konnte. Inzwischen ist die Internet-Euphorie verflogen, mancher Online-Shop pleite. Die E-Business-Studenten an der Berliner Hochschule der Künste sind sich dennoch sicher: Dem elektronischen Handel gehört die Zukunft.
Für einen Seminarraum ist die Lage eher ungewöhnlich: Chausseestraße, Berlin Mitte – in direkter Nachbarschaft zu Werbeagenturen und Multimedia-Startups. Auf der Oranienburger Straße, gleich um die Ecke, pulsiert das Kneipenleben. Auch das Interieur des hellen Appartements hat nichts vom frostigen Charme vieler Uni-Gebäude: Holzdielen statt Linoleumboden, nagelneue PCs auf den Arbeitstischen.

In der Ikea-Einbauküche kochen sich die Studenten des Fachs ?E-Business“ an der Berliner Hochschule der Künste (HdK) zwischen zwei Seminaren Kaffee.

Die besten Jobs von allen


E-Commerce, so scheint es, krempelt nicht nur die Wirtschaft um, sondern auch die verkrustete Hochschullandschaft. Im Frühjahr 1999 gründeten Unternehmen und Wissenschaftler in Berlin ein privates Forschungs- und Ausbildungsinstitut für den elektronischen Handel, das Institute of Electronic Business (IEB). ?Innerhalb nur eines Jahres wurde dann der neue Studiengang durch eine Kooperation zwischen dem Institute of Electronic Business und der Hochschule der Künste geschaffen“, sagt Marcus Kühl, Studiengangkoordinator und wissenschaftlicher Mitarbeiter am IEB. ?Die Kunsthochschule hat sich als geeigneter Ausbildungspartner erwiesen. Zum einen war sie bereit, mit uns ein Curriculum auszuarbeiten, außerdem konnte sie den Studiengang auch schnell einführen.“

Kommerz und Kunst

Doch nicht nur die offenbar kürzeren bürokratischen Wege sprachen für die HdK und gegen die Universitäten der Bundeshauptstadt. ?Wir wollen hier Leute ausbilden, die später einmal wertschöpfungsorientiert gestalten. Das heißt, Web-Auftritte von Unternehmen müssen ansprechend sein, und der Gestalter sollte wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse besitzen“, erklärt der diplomierte Kaufmann und Medienberater Kühl den interdisziplinären Ansatz. Die Flops der Internet-Wirtschaft lassen ihn unbeirrt: ?Jetzt geht es erst richtig los: Nachdem die Luftschlösser des E-Commerce eingestürzt sind, ist der Bedarf an qualifizierten Fachkräften und damit an durchdachten Ausbildungen größer denn je.“

Einen Hauptstudiengang, dessen Absolventen an der Schnittstelle von neuen Geschäftsmodellen, Design und Informatik arbeiten, finden nicht nur die 25 Stifter attraktiv. Pro Sieben Digital Media, SMS Dataplan, Impress Software oder Publicis Communication: Die Liste der Unternehmen, die Geld für den neuen Studiengang lockermachen – der ein oder anderen Schlappe zum Trotz –, liest sich wie ein Who’s Who der neuen Medien. Ann-Cathrin Limmer ist eine von 27 Pionieren, die das E-Business-Studium im letzten Wintersemester begonnen haben. Die 22-Jährige ist überzeugt: ?E-Business, das ist es. Durch die breite Fächerung bekommt man keinen Tunnelblick. Ständig wird man gefordert, keiner kann hier alles.“

Vordiplom im Gepäck

Dafür kann jeder in der Klasse etwas anderes besonders gut – die Studienordnung schreibt mindestens ein abgeschlossenes Grundstudium in einem ?E-Business-relevanten Studiengang“ vor. Dass die Zulassungskommission bei der Auslegung großzügig ist, zeigt der Mix unterschiedlicher Uni-Karrieren. Ann-Cathrin Limmer hat drei Semester Communications an der University of Edinburgh studiert. ?Im vierten Semester habe ich an einem Austauschprogramm mit der HdK teilgenommen, in der Tageszeitung von E-Business gelesen und bin gleich hier geblieben.“ Ihr Kommilitone Hendrik Send ist mit Physik-Vordiplom im Gepäck nach Berlin gekommen. ?Nach Physik in Paris gab es nur noch eine Steigerung: E-Business in Berlin“, sagt der 23-Jährige grinsend und zaust sich seine blonde Mähne. ?Nee, Spaß beiseite: Mit Physik konnte ich mich nie richtig identifizieren.“ Zustimmendes Kopfnicken von Constantin Fritz, 22: ?Mir war die reine BWL an der Berliner TU zu trocken.“

Oh, tückische Technik

Heute präsentiert die Klasse im Fach ?Grundlagen der Gestaltung mit digitalen Medien“ ihre Abschlussarbeiten. Die Aufgabe: Mit den Computerprogrammen Flash, Director und Power-Point die Kategorien Raum, Zeit, Klang und Form hör- und sichtbar machen. Hendrik sitzt vorne am Laptop und zeigt einen ?physikalischen Raum, der durch umeinander schwingende Massenpunkte definiert ist“. Die ?Annahme eines Raum-Zeit-Kontinuums“ hingegen verrät den Wirtschaftswissenschaftler. Eine Geologin hat einen ?mit Gas, Wasser und Kristallen gefüllten Porenraum“ entworfen.

Manchmal spielt die Technik nicht mit. Dann dreht Jennifer Lopez sich langsamer auf dem Bildschirm als sie soll, der digitale Horror-Klang bleibt aus oder der Hintergrund gerät zu dunkel. ?Steuerung, Alt- und F4-Taste“ oder so ähnlich kommt dann die Rettung: Lars Kirchhoff, 23, hat ein Informatik-Studium an einer Berufsakademie hinter sich. Und einige Nachtschichten im Arbeitsraum in der Chausseestraße, wenn Kommilitonen Hilfe beim Programmieren brauchten. Damit haben die meisten noch Probleme.

?Das Bedürfnis der Studenten, sich gegenseitig mitzuziehen, ist unwahrscheinlich groß, und alle sind hoch motiviert“, sagt Dozent und Mediendesigner Klaus Ulbricht. ?Auf Grund der unterschiedlichen Vorkenntnisse müssen wir im ersten Semester zusehen, dass eine gemeinsame Basis entsteht.“ Dafür soll auch der Lehrplan sorgen. ?Wir bieten zum Beispiel Software-Schulungen auf unterschiedlichen Niveaus an“, so Studiengangkoordinator Kühl. ?Wer Informatik studiert hat, braucht da natürlich nicht hin.“ Studenten mit Vordiplom in BWL könnten sich dafür in diesem Fach die Erstsemestervorlesungen schenken.

Dozenten-Cocktail

13 Lehrkräfte unterrichten die angehenden ?Diplom-Designer Electronic-Business“. Die Dozenten für Medien- und Kommunikationsgestaltung kommen von der HdK, die Studienmodule Business und Technical Literacy – BWL und Informatik – werden in Zusammenarbeit mit der Freien und der Technischen Universität Berlin angeboten. Darüber hinaus sind stets Vertreter aus den kooperierenden Unternehmen als Gastdozenten geladen. Für die tragende Säule E-Business gibt es ab nächstem Wintersemester zwei neue Stiftungsprofessuren. ?Das fünfte und letzte Semester ist bei uns als Praxissemester gedacht. Die Stifter freuen sich natürlich, wenn unsere Studenten dies bei ihnen verbringen. Zwang gibt es aber keinen. Jeder wählt selbst, wo er hin will“, erklärt Kühl.

Neben 28 Semesterwochenstunden steht regelmäßig Projektarbeit an, manchmal auch an den Wochenenden. So wie neulich, als die Klasse mit Kommunikationsmanagement-Professor Dieter Herbst ins Blaue fuhr, um eine ?Corporate Identity“ zu formulieren. ?Was man sonst im Auftrag eines Unternehmens macht, haben wir für unseren Studiengang durchdekliniert. Wir haben uns gefragt, wer wir sind und was wir wollen. Anschließend haben wir versucht, die Antworten in eine Sprache zu bringen“, erklärt Bettina Maisch. Ihre Vergangenheit – vier Jahre Werbeagentur – kann auch sie nicht leugnen. Die 29-Jährige spricht vom ?USP“, dem einzigartigen Verkaufsargument des Studiengangs: ?Wir alle fanden, dass das Umfeld der HdK für uns superwichtig ist, um nicht nur betriebswirtschaftlich denken zu lernen wie in anderen E-Commerce-Studiengängen, sondern auch kreativ.“

Kein Business ohne ?E“ davor

BWL-Studenten für den elektronischen Handel fit zu machen, schreiben sich mittlerweile verschiedene Hochschulen auf die Fahnen. Vor zwei Jahren richtete die Uni Frankfurt den ersten Lehrstuhl für E-Commerce in Deutschland ein. An der Uni Augsburg können Studenten ihren Master of Science in ?Financial Management and Electronic Commerce“ machen, die Bochumer FH bietet im BWL-Hauptstudium den Schwerpunkt E-Business an. Auch die Kölner Uni lässt sich nicht lumpen: Neuerdings gibt es für BWLer das Wahlfach E-Commerce. Die Berufsakademie Heidenheim hat einen zweisemestrigen Vertiefungsstudiengang ins Leben gerufen, in dem neben betriebswirtschaftlichem Wissen auch IT-Inhalte vermittelt werden. Und an der Uni Oldenburg geht ebenfalls ein duales Programm zum Wintersemester in die zweite Runde: ?Campus & Company“ heißt, Wirtschaft zu studieren und nebenher bei einem Internet-Startup zu jobben.

Pop von der Festplatte

In langen Workshop-Nächten ist es gut, dass die Berliner E-Business-Studenten immer ihre Laptops dabei haben: Musik und Disco-Light für hemmungsloses Abtanzen fehlen auch in der Pampa nie. Jung, hip und dynamisch? ?Das ist ein nerviges Klischee, das an allem haftet, was mit Multimedia zu tun hat“, sagt Ann-Cathrin. Mit Kommilitonen hat sie deshalb einen ironischen Slogan für ihren Studiengang entwickelt: ?Internet macht sexy.“ ?Wir haben uns gedacht, eine Plakataktion wäre die Idee, um auf die neue Bewerbungsfrist für unseren Studiengang hinzuweisen.“ In allen deutschen Hochschulen grinste ?Plakat-Model“ Otto Rist im Seventies-Look von den Wänden. Der 23-Jährige hat in Ingolstadt BWL studiert und ist zum Vordiplom an die FU in Berlin gewechselt. Über die E-Business-Ringvorlesung hat er dann von dem neuen Fach erfahren. ?Als Referenten von E-Bay und Alando von ihren Startups erzählt haben, hat mich das total fasziniert. Eines Tages will ich auch dazugehören.“ Die Selbstständigkeit ist immer noch sein ?größtes Ziel“.

Rund 150 Bewerbungen für das Sommersemester gingen durch die Hände der Auswahlkommission. ?Bei maximal 50 Studienplätzen ist es wichtig, dass die Unterlagen neugierig auf einen Kandidaten machen“, sagt Studiengangkoordinator Kühl. ?Altersbeschränkungen gibt es keine, auch wenn das Durchschnittsalter der Studenten bei 27 Jahren liegt. Wer uns von seinem gestalterischen Talent, seinem Interesse für Chancen und Probleme der Internet-Wirtschaft und seiner Teamfähigkeit überzeugt, kann auch mit 45 mit E-Business anfangen.“ Wenn schon nicht jung, dann halt wenigstens sexy.

Wer.Was.Wo.


Marcus Kühl, Institute of Electronic Business e.V., An-Institut der Hochschule der Künste, Chausseestraße 8, 10115 Berlin, Tel.: 030/7 26 29 83 12, E-Mail: kuehl@ieb.net

Dr. Carsten Busch, Hochschule der Künste Berlin, Mierendorffstraße 30, Raum 103, 10589 Berlin-Charlottenburg, Tel.: 0 30/31 85 24 13, E-Mail: carbus@hdk-berlin.de

Zahl der Studienplätze: 50 pro Semester

Betreuungsverhältnis in Seminaren (Dozenten:Studierende): 1:12

Bewerbungsfrist: WS 2001/2002: 15. Juni

Zulassungsvoraussetzung: Abgeschlossenes universitäres Grundstudium (bestandene Zwischenprüfung oder Vordiplom) oder abgeschlossenes Fachhochschul-/Berufsakademie-Studium in den Fachrichtungen Gestaltung, Wirtschafts-, Ingenieur-, Sozial- oder Geisteswissenschaften

Bewerbungsunterlagen: tabellarischer Lebenslauf mit Angaben über das bisherige Studium, Kopie des FH-, BA-, Vordiplom- oder Zwischenprüfungszeugnisses und eine selbstständig gestaltete Web-Seite zum Nachweis einer künstlerischen Begabung; Details zu dieser ?elektronischen Mappe? unter www.internet-macht-sexy.de/e-mappe.htm

Aufnahmeprüfung: Schriftliche Aufgabe und Auswahlgespräch

Studiengebühren: keine

Abschluss: Diplom-Designer/in Electronic Business

Internet:
www.internet-macht-sexy.de
www.ieb.net
Dieser Artikel ist erschienen am 18.05.2001