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Durch die andere Brille

Von Marie-Luise von der Leyen
Für den Deutschland-Chef von Sony-Ericsson, Axel Kettenring, ist das Tauchen mehr als nur Unterwassersport. In erster Linie ist es für ihn ein gutes Training, sich auf die kontinuierlichen Veränderungen seines Managerlebens einzustellen.
Die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten: das ist, was viele am Tauchen fasziniert - auch Axel Kettenring. Foto: Reuters
Zum Fototermin in den schwülen Dampfschwaden der Düsseldorfer Münstertherme hat Axel Kettenring auf den üblichen dunklen Businessanzug zugunsten eines sportlichen, hell braunen verzichtet und auch die Krawatte im Schrank gelassen. Dafür legt er auf Verlangen der Fotografin bereitwillig Schnorchel und Taucherbrille an und empfindet die Kombination als nicht im mindesten abträglich, obwohl ein ausgewiesener Taucher natürlich auf einen Schnorchel herabsieht, der schnaufend an der Wasseroberfläche herumtreibt und sich die faszinierende Erfahrung der Meerestiefe entgehen lässt. Überhaupt macht Kettenring das ganze Shooting trotz der thermalen Hitze ganz offensichtlich Spaß: ?Mal was anderes?, sagt er und lacht. Für anderes ist er immer zu haben.Nach der schweißtreibenden Foto-Session verlegt er das Gespräch in den kühleren Konferenzraum von Sony-Ericsson am Düsseldorfer Seestern. Er lehnt entspannt im Drehsessel, verlangt nach einem Mineralwasser und spricht ebenso lässig wie kontrolliert und mit leichtem, aber unverkennbar bayrischem Akzent über sein Hobby, das Tauchen. Ihm gegenüber die PR-Managerin, deren Präsenz während der lockeren Plauderei über Privates für den offiziellen Anstrich sorgt.

Die besten Jobs von allen

Die Meerestiefen haben es Axel Kettenring angetan, seit er vor mittlerweile neun Jahren einen Freund in Florida besucht und dort seinen Tauchschein gemacht hat. Seither ist Tauchen zu seinem Lieblingssport geworden, von dem er auch seine Frau überzeugt hat, die inzwischen schon weit mehr Tauchgänge vorweisen kann als er selbst. Er ist glücklich darüber, denn Tauchen betrachtet er als idealen ?Paar-Sport?. Zwar läuft er als gebürtiger Münchener natürlich auch Ski, fährt passioniert Motorrad, war zwanzig Jahre lang Stürmer in einem Münchener Fußballverein, spielt Squash und seit einigen Jahren Golf ? mit Platzreife, aber ohne Handicap: ?Beim Golfen lernt man, demütig zu sein. Selbst nach dem schönsten Schlag kann man sich nicht erlauben zu sagen: ,Ich kann?s!?? Aber er weiß auch, dass ihm auf dem Golfplatz aus Zeitmangel Grenzen gesetzt sind. Genau die spürt er beim Tauchen nicht: Im Gegenteil: ?Das Tauchen eröffnet einem völlig neue Dimensionen. Man taucht ein in eine komplett andere Welt, von der man sich an Land gar keine Vorstellung machen kann.?Es ist vor allem die Begegnung mit dem Neuen, dem ganz und gar Andersartigen, die ihn unter Wasser fasziniert ? Herausforderung und Training seiner Neugier auf das Leben und seine Wechselfälle in einem ihm unbekannten Medium. Das Tauchen, sagt er, sei eine gute Schulung, sich auf die kontinuierlichen Veränderungen, denen man täglich ausgesetzt sei, einzustellen. Das gilt nicht nur für Privates, sondern vor allem auch für seinen Beruf in der Mobilfunk-Branche, die von der konstanten Veränderung durch die Technik, aber auch der Moden und der sich entsprechend wandelnden Bedürfnisse geprägt ist.Eigentlich, so hat er festgestellt, sei es ja ein Grundbedürfnis des Menschen, Neues erfahren und kennenlernen zu wollen: ?Ich erlebe es?, sagt er, ?an meinem knapp zweijährigen Sohn.? Wenn die Sprache auf ihn kommt ? und das tut sie immer wieder ? schwingt spontan so etwas wie Begeisterung in seiner Stimme mit. ?Seine Lust am Neuen fasziniert mich. Später verlieren viele von uns diese Lust. Manche fühlen sich sogar durch das Neue beunruhigt. Ich nicht. Ich fühle mich durch neue Entwicklungen und Sichtweisen herausgefordert, und diese Herausforderung macht mir unheimlich Spaß. Eine Einstellung, die einem auch das Tauchen lehrt. Es ist zweifellos einer der Gründe, warum ich überhaupt tauche.?Ein anderer ist, dass dieser Sport, wie die meisten Taucher versichern, sehr entspannend ist. Erstens, weil man schwerelos durchs Wasser gleitet und seinen Körper nicht mehr spürt. Zudem, ?weil man völlig abgeschnitten ist von der Welt?. Und zum Dritten, ?weil man sich auf vollkommen andere Dinge konzentrieren muss als sonst. Auf die Atmung zum Beispiel, auf die man ja über Wasser normalerweise keinen Gedanken verschwendet oder darauf, dass man bei bestimmten Strömungen mit den richtigen Bewegungen in der richtigen Tiefe schwimmt.?Ein weiterer Anreiz sei die fantastische Schönheit der Unterwasserwelt. Das gilt für ?einen Schwarm junger Barrakudas, die in einem solchen Affenzahn um einen herumschwirren, dass man vergisst, dass sie ja auch ganz nett beißen können, ebenso wie für die stille, minimalistische Ordnung im Lebensbereich einer Koralle.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: >?Es ist schon faszinierend, wenn er seine großen Zähne in die Käfigstäbe vor dir haut? Das gilt für die vielfältig bunten Drückerfische, die zu seinen Lieblingstieren unter Wasser gehören, weil sie nach dem Laichen ihr Nest am Boden sowie das Revier darüber so vehement verteidigen, dass Kettenrings Tauchflossen von ihren kleinen Bissen übersät sind. Am meisten faszinieren ihn allerdings die großen Schildkröten, ?weil sie mit einer solch unglaublichen Eleganz durchs Wasser gleiten, wie man sie ihnen zu Lande niemals zutrauen würde?.Die meisten seiner Begegnungen finden in mäßiger Tiefe statt: weil er ja seine Umgebung sehen und entdecken will, das Tageslicht aber nur begrenzt tief durchdringt. Dazu kommt, dass in größerer Tiefe die Farbe Rot weggefiltert wird, die Optik also an Reiz verliert. Den Ehrgeiz, immer tiefer zu tauchen, oder gar, auf die Sauerstoffflasche zu verzichten, was für manche Taucher eine große sportliche Herausforderung ist, hat er nicht. ?Beim Tauchen muss ich mir nichts beweisen.? Da zählt für ihn Sicherheit mehr als im ?wirklichen? Leben: ?Wenn ich unter Wasser Risiken eingehe, bringe ich mich ja um den Genuss dessen, was ich dort erlebe. Das finde ich ganz und gar nicht spannend, sondern ? als rationaler Mensch, der ich nun mal bin ? einfach bloß dumm.? Im wirklichen Leben setze er sich dagegen durchaus zuweilen dem Risiko aus ? wenn es denn ?kalkulierbar ist?.Deshalb hält er sich auch strikt an die Tauchregel, sich niemals allein in die Fluten zu stürzen und die Ausrüstung immer wieder gewissenhaft auf mögliche Mängel hin zu überprüfen. Ein solcher Mangel hat ihn einmal in die bisher einzige ?ein bisschen gefährliche? Situation gebracht, als ihn bei einem Tauchgang im Roten Meer eine defekte Weste am Auftrieb an die Wasseroberfläche hinderte, während ihn der schwere Gürtel, der als Gegengewicht zum Sauerstoff das Schweben im Wasser erst ermöglicht, nach unten zog: ?Ich wusste in diesem Augenblick nicht, dass meine Weste defekt war. Ich wusste nur, dass ich etwa fünfzig Meter vom Boot entfernt war und, obwohl ich mit aller Kraft nach oben schwamm, immer wieder nach unten gezogen wurde.?Angst, sagt er, habe er nicht gehabt. ?Ich konnte ja davon ausgehen, dass die anderen im Boot meine Situation irgendwann bemerken würden. Aber ich muss zugeben, dass ich mich ziemlich unwohl gefühlt habe.? Nur das Vertrauen auf die Verlässlichkeit seiner Sportskollegen bewahrte ihn vor Panik.Denn bei aller Neugier auf das Neue schätzt Axel Kettenring auch die stabilen Werte ? wie er sie vor allem aus seiner Heimat Bayern kennt: ?Dort gibt es in jedem Dorf eine Kirche, einen Sportplatz und ein Gasthaus. Darauf kann man sich verlassen. Das finde ich schön.?Im Vergleich zu seinem Tauchgang mit defekter Weste empfand er seine Exkursion zu den Tigerhaien in Südafrika als eher harmlos: Er hatte sich, wie dies dort als Attraktion für Tauch-Touristen angeboten wird, in einen Metallkäfig sperren und in die Tiefe versenken lassen, wo die Haie, die mit Blut angelockt werden, denn auch prompt erschienen.?Es ist schon faszinierend?, sagt Kettenring, ?wenn du einen fast sechs Meter langen Tigerhai in eineinhalb Meter Entfernung vor dir siehst und er seine ziemlich großen Zähne in die Käfigstäbe vor und neben dir haut, weil er sie nicht in deinen Arm oder dein Bein schlagen kann. Es ist aufregend, die Kraft und die Dynamik eines solchen Tiers zu spüren.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Höhlentauchen in Mexiko ?Aber gefährlich?, sagt er, ?war es nicht.? Klingt cool. ?Herr Kettenring?, berichten denn auch seine Mitarbeiter bei Sony-Ericsson, ?lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen.?Deshalb dient das Tauchen für ihn auch nicht wie für viele andere der Stressbewältigung: ?Ich kann auch über Wasser sehr gut relaxen.? Und sogar stresslos auf das Mobiltelefon verzichten, wenn es am Urlaubsort mit der Funkverbindung nicht klappt: ?Ich habe ein ausgezeichnetes Team im Unternehmen. Das kommt auch für eine Weile ohne mich zurecht.?Einziger Nachteil des Tauchens, sagt Axel Kettenring, sei die Tatsache, dass die Ausrüstung schwer und es daher aufwendig ist, an eine Geschäftsreise, die in ein Tauchgebiet führt, mal eben einen Tag dranzuhängen. ?Mit 10 Kilogramm Zusatzgepäck überlegt man sich das durchaus zweimal.?Das Gewicht der Ausrüstung sei es auch, das dem Tauchen altersbedingte Grenzen setze: ?Man muss die Ausrüstung schließlich noch tragen und sich damit auch aus dem Wasser noch ins Boot ziehen können.? Ansonsten könne man bis ins hohe Alter tauchen: ?sozusagen bis zum letzten Atemzug?.Ein beliebtes Unterwasser-Revier ist das Rote Meer, vor allem auch, weil man es in sechs Flugstunden erreichen und daher auch für einen kürzeren Urlaub ansteuern kann. Ein längerer Tauchurlaub war ? bedingt durch die Geburt des Sohnes ? ohnehin schon seit längerem nicht mehr drin. Das soll sich bald wieder ändern.Traumziel der Kettenrings ist Mexiko. ?Dort möchten wir zum Höhlentauchen. Aber natürlich irgendwann auch auf die Malediven und zum Great Barrier Riff in Australien ? ein Muss für jeden Taucher!?Sohn Marc ist mit seinen 22 Monaten vorläufig noch nicht für Tauchtrips eingeplant ? den Tauchschein bekommt man nämlich erst mit zwölf: ?Dann kann er selbst entscheiden, ob es ihm Spaß macht oder nicht.? Diese Freiheit will er ihm auf alle Fälle einräumen. Denn Axel Kettenring ist nicht nur ein begeisterter, sondern offensichtlich auch ein flexibler Vater. Immerhin lernt der Junior in der Baby-Schwimmschule bereits das Schwimmen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die besten Tauchziele Die besten TauchzieleNatürlich geht am größten Korallenriff der Welt kein Weg vorbei. Aber auf insgesamt 2 300 Kilometer Länge den richtigen Punkt zu finden verlangt Orientierung. Lizard Island ganz im Norden des Riffs ist einer der magischsten Plätze. Die Insel hat einen eigenen Flughafen und ein Resort mit 40 Luxus-Villen (» www.lizardisland.com.au). Unter Wasser glänzt die Insel mit dem berühmten Riffkanal Shark Alley und den wohl größten Zackenbarschen der Welt. Bei geführten Tauchgängen werden die Kolosse von den Tauchlehrern gefüttert, während die Gäste im Halbkreis auf dem Boden knien.Die Südseeinsel Yap ist berühmt für barbusige Inselschönheiten, archaisches Steingeld und die größte Mantadichte des Planeten. Wer unbedingt einmal die eleganten Planktonfresser aus der Nähe sehen möchte, ist hier richtig. Beste Adresse an Land ist das koloniale Traders Ridge Resort (» www.tradersridgeresort.com).Wer sich an Haien nicht sattsehen kann, muss eine 24-stündige Bootsfahrt (» www.aggressor.com) von Costa Rica zu den Cocos-Inseln auf sich nehmen. Hier ziehen riesige Schwärme von Hammerhaien vorbei. Außerdem Weißspitzenhaie in großer Zahl, Walhaie, Mantas und Thunfische.Wer auf einem Tauchschiff maximalen Luxus erwartet, ist auf der Island Explorer der Hotelgruppe Four Seasons richtig (» www.fourseasons.com/maldives).Geologisch ebenso spektakulär wie biologisch ist das 600 Meter steil vom Meeresgrund nach oben ragende Sipadan an der südöstlichen Ecke Malaysias auf Borneo. Kaum irgendwo versammeln sich so viele Meeresschildkröten und Barrakudas wie an den Steilwänden des tropischen Inselchens. Und die Artenvielfalt von Fischen und Korallen hat auch kaum ihresgleichen. Ein gutes Taucherhotel: die Mabul Water Bungalows (» www.mabulwaterbungalows.com).
Dieser Artikel ist erschienen am 26.01.2008