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Dumm gelaufen

Fehler im Job passieren jedem. Ob sie Folgen für die Karriere haben, hängt vor allem davon ab, wie Mitarbeiter und Vorgesetzte damit umgehen. Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Jobpannen sinnvoll sind und welche rechtlichen Sanktionen Angestellten blühen können.
Fehler im Job passieren jedem. Ob sie Folgen für die Karriere haben, hängt vor allem davon ab, wie Mitarbeiter und Vorgesetzte damit umgehen. Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Jobpannen sinnvoll sind und welche rechtlichen Sanktionen Angestellten blühen können.

Es war weit nach Mitternacht, als die Nachtglocke wieder klingelte. Eine junge Mutter mit einem Rezept aus dem Krankenhaus stand vor der Apotheke, in der Sandra Mertens (Name geändert) Nachtdienst hatte. Sie brauchte Fieberzäpfchen für ihr Kind. Eigentlich Routine, doch der 32-jährigen Apothekerin unterlief ein schwerer Fehler. Da keine Stärke für das Fiebermittel angegeben war, ging sie von der normalen Dosis für ein Kleinkind aus - ohne die Mutter nach dem Alter zu fragen.

Die besten Jobs von allen


Erst nachdem die Kundin schon einige Zeit weg war, entdeckte sie zufällig auf dem Rezept das Geburtsdatum des Kindes - ein nur wenige Monate alter Säugling. Die Zäpfchen, die Mertens verkauft hatte, waren viel zu hoch dosiert. Zum Glück konnte sie die Mutter noch rechtzeitig warnen, bevor sie ihrem Baby das Mittel geben konnte. "Ich habe mir schwere Vorwürfe gemacht. Was wäre, wenn ich meinen Fehler zu spät bemerkt hätte", erinnert sich Sandra Mertens heute. Das Baby hätte Kreislaufprobleme bekommen - und die junge Apothekerin ihren Job verlieren können. Karrierekiller Fehler?
Pannen im Job passieren, in den meisten Berufen sind die Folgen allerdings weit weniger schwerwiegend als bei Apothekerin Mertens: Ein Rechenfehler in einer Kalkulation, ein falscher Liefertermin in einer Bestellung, ein peinlicher Tippfehler in einer wichtigen Präsentation, ein vergessener Geschäftstermin. "Solche Pannen hat jeder schon in seinem Berufsalltag erlebt", sagt die Wiener Kommunikationsberaterin und Buchautorin ("Angst vor Fehlern? Schwerer Fehler!") Karin Kreutzer.

Sie hat gemeinsam mit dem österreichischen Gallup-Institut in einer Studie die Auswirkungen von Fehlern auf die Karriere untersucht. Ergebnis: Rund die Hälfte der Berufstätigen sind bisher noch nicht durch einen Fehler in ihrem persönlichen Weiterkommen im Job behindert worden. Generell glauben allerdings zwei Drittel, dass Fehler im Job negative Auswirkungen auf die Karriere haben können

Vertuschen bringt nichts
Ob ein Lapsus wirklich zum Karriereknick wird, hängt laut Kreutzer vor allem davon ab, wie man damit umgeht. Der erste Impuls, wenn etwas schief geht, ist häufig, das Ganze zu vertuschen. "Die wohl schlechteste Variante", findet die Beraterin. "Wenn man den Kopf in den Sand steckt und wartet, ob der Fehler vielleicht keinem auffällt, geht das meist nach hinten los."

Die beste Anti-Fehler-Strategie: Sofort reagieren, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Kann beispielsweise die falsche Bestellung noch storniert werden, lässt sich der Rechenfehler in der Kalkulation ohne Folgen korrigieren und der verpasste Geschäftstermin auf ein anderes Datum verschieben?

Auch wenn es im Fall von Apothekerin Mertens nachvollziehbar ist, dass sie ihrem Chef im Nachhinein nichts von ihrem Fehler erzählt hat, sollte man in der Regel beim Vorgesetzten beichten. Denn die Gefahr, dass der Schnitzer über andere Wege rauskommt, ist groß. Für das Vier-Augen-Gespräch mit dem Chef empfiehlt Coach Karin Kreutzer: "Nicht stundenlang rechtfertigen. Die meisten Vorgesetzten schätzen Mitarbeiter mit Rückgrat, die Fehler ohne Umschweife zugeben können." Ganz schlecht kommt es dagegen an, wenn Mitarbeiter versuchen, den eigenen Schnitzer einem Kollegen, einer Aushilfe oder einem Praktikanten in die Schuhe zu schieben. Lösungen präsentieren
Für die Aussprache mit dem Vorgesetzten sollte man im Idealfall auch gleich erste Lösungen und Gegenmaßnahmen parat haben. Und Vorschläge machen, wie solche Fehler in Zukunft vermieden werden können - etwa indem bei Rechen-, Schreib- oder Faktenfehlern eine zusätzliche Kontrolle durch einen Kollegen eingeführt wird. "Fehler im Job dürfen passieren, nur eben möglichst kein zweites Mal", sagt Jochen Kienbaum, Geschäftsführer der gleichnamigen Unternehmensberatung. Deshalb sei es elementar, sofort herauszufinden, warum etwas falsch gelaufen ist. "Nur so kann man es in Zukunft besser machen."

Eine solche Fehlerkultur ist hierzulande allerdings eher die Ausnahme, findet Peter Hochreither, Trainer und Buchautor ("Fehlermanagement im Unternehmen"): "Wenn in deutschen Unternehmen etwas schief läuft, geht es meist um Schuldzuweisungen an einzelne Personen. Häufig folgen Abmahnungen und im Extremfall sogar der Rauswurf", so Hochreither. Über Ursachen oder positive Lehren, die man aus Fehlern ziehen könne, werde dagegen zu selten geredet. Die Folge: Aus Angst vor Sanktionen sind viele Mitarbeiter gehemmt. "Besonders junge Führungskräfte meiden Risiken und drücken sich vor wichtigen Entscheidungen, weil sie Misserfolge und Fehlentscheidungen fürchten", beobachtet Buchautor Hochreither.

Angst vor Fehlern am schlimmsten
Dabei sind es meist weniger die alltäglichen Flüchtigkeitsfehler, die einem beim persönlichen Weiterkommen im Job behindern, sondern eher wirklich grobes Fehlverhalten, etwa wenn jemand dauerhaft schlampig arbeitet und ständig etwas vergisst. Ob ein Fehler wirklich zum Karrierekiller wird, hängt zudem stark vom Standing des Mitarbeiters im Unternehmen ab. "Einem guten, geschätzten Angestellten wird ein Vorgesetzter sicher schneller einen auch größeren Lapsus verzeihen, während für einen Mitarbeiter, der ohnehin auf der Abschussliste steht, auch schon eine kleine Panne zum Verhängnis werden kann", sagt Karin Kreutzer. Aus ihrer Sicht ist das größte Karrierehemmnis die Angst, Fehler zu machen. "Sie lähmt."

Aufgrund der angespannten Arbeitsmarktsituation betrifft diese Lähmung zurzeit auch viele junge Akademiker: Wer endlich einen Job gefunden hat, fürchtet, beim kleinsten Fehltritt wieder auf der Straße zu sitzen. "Mitarbeiter, die überfordert, gestresst und unter Druck sind, machen erst recht etwas falsch", weiß Österreicherin Kreutzer. Das gehe besonders Berufseinsteigern so, denen die Routine und Selbstsicherheit im Job noch fehle. Frauen hadern länger
Sie rät, gelassen zu bleiben, wenn etwas schief geht. Vieles, was für einen selbst wie eine Katastrophe aussieht, ist für andere nur eine relativ harmlose Panne. Denn die Psyche spielt beim Umgang mit Fehlern eine große Rolle. Besonders Frauen neigen dazu, länger mit Fehlern zu hadern, findet Kreutzer: "Frauen sind wesentlich strenger mit sich." Männern falle es dagegen leichter, abzuschalten und wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Das tun auch die meisten Vorgesetzten. "Viele Chefs sehen Fehler ihrer Mitarbeiter erstaunlich gelassen und als Chance", hat Beraterin Karin Kreutzer bei ihrer Fehlerstudie festgestellt. Ihre Erklärung: Erst in Situationen, in denen nicht alles glatt läuft, zeige sich für den Arbeitgeber, ob ein Mitarbeiter Stärke, Charakter und Führungsqualitäten besitze. Wer also eine Panne im Job gut meistert, kann vielleicht im Nachhinein sogar Pluspunkte in Sachen Krisenmanagement verbuchen. Oder zumindest für die Zukunft lernen, wie Apothekerin Sandra Mertens: "Ich frage seitdem lieber zweimal nach, wenn ich bei einer Dosierung unsicher bin."

Katja Stricker

"Führungskräfte drücken sich vor Entscheidungen, weil sie Misserfolge fürchten."
Peter Hochreither, Trainer

Wann Abmahnung und Haftung drohen
Nicht nur ein Karriereknick droht Arbeitnehmern bei Fehlern im Job. Häufig müssen sie mit Abmahnung oder Kündigung rechnen. Für entstandenen Schaden haften müssen Angestellte dagegen eher selten.

Abmahnung: Ein Arbeitgeber kann mehr oder weniger frei entscheiden, ob und welche Verstöße seines Mitarbeiters er abmahnt. "Wenn Arbeitnehmer schlampig arbeiten, häufig Rechtschreibfehler in ihrer Korrespondenz haben und dauernd Termine nicht einhalten, sind das klassische Situationen, in denen ein Chef zur gelben Karte greift", erzählt Anke Jovy, Rechtsanwältin und Arbeitsrechtlerin bei der Deutschen Anwaltshotline. Passiert einem Angestellten dagegen ein einzelner Flüchtigkeitsfehler, ist eine Abmahnung sicher eine zu harte Sanktion.

Generell kann ein Vorgesetzter auch mündlich abmahnen. Die Verwarnung wird in jedem Fall in der Personalakte vermerkt und meist nach zwei bis drei Jahren wieder gestrichen. Wer meint, dass die Abmahnung ungerechtfertigt ist und auf falschen Angaben basiert, kann eine Gegendarstellung in die Personalakte aufnehmen lassen.

In der Praxis betrachten viele Personalchefs die Abmahnung häufig nur als formale Vorstufe zur Kündigung. Denn ohne gelbe Karte wird eine verhaltensbedingte Kündigung vom Arbeitsgericht in der Regel nicht anerkannt. "Daher sollte man jede Verwarnung sehr ernst nehmen", empfiehlt Jörg Podehl, Partner bei der Düsseldorfer Anwaltskanzlei Peters.

Verhaltensbedingte Kündigung:
Arbeitnehmern, die dauerhaft schlechte Leistungen im Job bringen, etwa unbrauchbare Arbeitsergebnisse liefern, ständig Abgaben und Termine verpassen oder sehr häufig Fehler machen, kann ein Arbeitgeber verhaltensbedingt kündigen. Allerdings nur, wenn er vorher das Fehlverhalten abgemahnt hat.

Haftung: Wenn Arbeitnehmer absichtlich oder grob fahrlässig etwas kaputt machen, etwa Computer oder eine Maschine, oder aufgrund eines Fehlers einen anderen Schaden verursachen, müssen sie dafür streng genommen auch haften. "In der Praxis ergeben sich dabei allerdings nur selten Streitfälle", beobachtet Rechtsanwalt Podehl. Bei leichter Fahrlässigkeit sind Angestellte generell aus dem Schneider. "Auch bei Führungskräften im mittleren Management kommen Haftungsfälle nur selten vor", so Podehl. Sie müssen wie normale Angestellte bei schweren Fehlern mit Abmahnung oder Kündigung rechnen.

Schärfer ist dagegen die finanzielle Haftung für Top-Manager geregelt. "Vorstände und Geschäftsführer haften häufig bei Fehlentscheidungen, und zwar auch mit ihrem Privatvermögen", sagt Podehl. Unternehmen schließen daher für ihre Manager spezielle Haftpflichtversicherungen, so genannte D&O-Versicherungen, ab, die bei Managementfehlern einspringen.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.10.2004