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Drogenfreie Wirtschaftsprüfer

Von Harald Weiss, Handelsblatt
US-Unternehmen beginnen, die Arbeitsplätze ihrer Mitarbeiter mit Chemie-Sensoren auf Drogenspuren zu untersuchen.
?Ich habe es schon immer geahnt?, sagt Alysha Sides, Inhaberin der Musikfirma Sides Inc., nachdem ihr ein Mitarbeiter von Global Detection einen kleinen Handsensor zeigt, der soeben an einer Computertastatur Spuren von Kokain entdeckt hat.Global Detection war abends, nach dem alle Angestellten das Haus verlassen hatten, mit drei Personen angerückt, um den Verdacht von Frau Sides zu überprüfen. Mit ihren kleinen Sensoren, die nur so groß sind wie ein Taschenfeuerzeug, wischten sie über Maus, Tastaturen, Kaffeetassen, Armlehnen, Türklinken, Schrankgriffe, Wasserarmaturen und alle anderen Gegenstände, die im Arbeitsalltag Hautkontakt haben.

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Die Sensoren werden von einer Münchener Firma hergestellt und registrieren die über die Hautausdünstung abgegebenen Abbauprodukte von Drogen. Entwickelt wurden sie ursprünglich für die Drogenfahndung, doch in den USA finden sie reißenden Absatz in der Industrie, weil dort das Drogenproblem am Arbeitsplatz sehr groß ist.Das US-Arbeitsministerium geht davon aus, dass rund sieben Millionen Vollzeit-Beschäftige regelmäßig Drogen nehmen, folglich versuchen alle Unternehmen den Drogenkonsum in den eigenen Reihen zu begrenzen.Die Baumarkt-Kette Home Depot verlangt bei der Einstellung eine schriftliche Erklärung, dass keine Drogenabhängigkeit vorliegt, sowie einen Urintest. Doch nach der Einstellung war es bislang teuer und schwierig die Einhaltung des Drogenverbots zu kontrollieren. Die neuen Sensoren bieten jetzt eine kostengünstige und einfache Lösung.Global Detecting bietet drei aufbauende Teststufen: Allgemeine Überprüfung, Detailuntersuchung und personenbezogene Untersuchung. Erst in der dritten Stufe, der personenbezogenen Untersuchung, wird gezielt der Arbeitsplatz einer Person untersucht. Liegen genügend Verdachtsmomente vor, wird die Person während der Arbeitszeit überrascht und direkt einem Test unterzogen.So erging es einem Mitarbeiter des Autohändlers Brodsky in Florida, an dessen Arbeitsplatz hohe Kokainwerte festgestellt wurden. Eines Tages wurde er zum Chef gerufen und von den dort wartenden Testern mit den Sensoren positiv befunden. Der Mitarbeiter gestand den Konsum und willigte in eine Entziehungskur ein.Die Mitarbeiter haben in den USA keine Möglichkeit, sich gegen das verdeckte Scannen des Arbeitsplatzes zu wehren, weil es keine Privatheit am Arbeitsplatz gibt. ?Der Firma gehört alles: Der Computer, die E-Mails, die Tastatur, die Maus, die Türklinken ? also kann sie diese auch untersuchen wann und wie sie will?, sagt Lawrence Lorber von der auf Arbeitsrecht spezialisierten Kanzlei Proskauer Rose.Viele Unternehmen wollen mit dem Test aber nur eine Art ?Selbst-Zertifikat? mit Außenwirkung erstellen. So hängt am Empfang der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft T. B. Keller in Pennsylvania ein großes Schild: ?Das ist ein drogenfreier Betrieb.?Tom Keller hatte ohne Vorankündigung an einem Wochenende den ganzen Betrieb untersuchen lassen. Als er am Montag das Ergebnis hatte, berichtete er den erstaunten Mitarbeitern davon. ?Es war erwartungsgemäß negativ und das sollen unsere Kunden erfahren?, sagte er in der eigens dafür einberufenen Betriebsversammlung.Ein solches ?Sauberkeits-Zertifikat? halten auch die amerikanischen Bürgerrechtler für sinnvoll. ?Wenn ein Betrieb drogenfrei ist, ist das eine gute Nachricht und das sollen alle Kunden wissen?, sagt Bram Boyd, Chef der US-Bürgerrechtsgruppe ACLU.Doch er hat Bedenken gegen Kündigungen, die nur auf Grund des abendlichen Tests am Arbeitsplatz erfolgen. ?Für eine Kündigung reicht das Abwischen der Computertastatur bestimmt nicht?, meint er zu den neuen Kontrollmethoden.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.02.2004