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Droge Wissen

Er gilt als der Star unter den Popliteraten, Benjamin von Stuckrad-Barre. Aber wer ist der Typ eigentlich? Jetzt hat er ein Wissensbuch herausgegeben - Menschheitswissen gefischt aus dem Internet. Ganz schön schlau. Da muss er doch zumindest auch viel wissen, oder? "Wofür braucht man Ihr Buch?", hat karriere gefragt. "Zum Überleben. Als Waffe - würde Literatur immer behaupten. Aber auch wenn der Tisch wackelt und Sie brauchen eine Unterlage - bitte, nehmen Sie's", hat er gesagt.













Fotos: Andreas Herzau.

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Er gilt als der Star unter den Popliteraten, Benjamin von Stuckrad-Barre. Aber wer ist der Typ eigentlich? Jetzt hat er ein Wissensbuch herausgegeben - Menschheitswissen gefischt aus dem Internet. Ganz schön schlau. Da muss er doch zumindest auch viel wissen, oder?

Die besten Jobs von allen
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Hallo Herr von Stuckrad-Barre, wieso kurbelt Winnetou die Wirtschaft an?
Das steht in meinem Buch?

Ja.
Klingt gut. Da würde ich auch gerne mehr drüber wissen. Aber das ist ja Absicht des Buches: teilweise paradoxe und falsche Sachen nebeneinander stehen zu lassen und dadurch einen relativ realistischen Einblick zu geben in das, was Welt behauptet zu sein

Wofür braucht man Ihr Buch?
Zum Überleben. Als Waffe - würde Literatur immer behaupten. Aber auch wenn der Tisch wackelt und Sie brauchen eine Unterlage - bitte, nehmen Sie's

Sie sind Autor. Was haben Sie gelernt?
Eine Ausbildung habe ich nie abgeschlossen. Nach dem Abitur fing ich an, in Hamburg Germanistik zu studieren. Zwei Tage lang, dann war Schluss.

Wieso?
Es ging mir auf die Nerven, im Schneidersitz zu sitzen und sich darüber zu beschweren, wie teuer die Wohnungen sind. Das war für mich kein Weg, Autor zu werden. Ich wollte direkt für Zeitungen schreiben. In die Uni bin ich höchstens noch zum Französisch gegangen, um herauszufinden, wie die blonden Frauen im Kurs heißen.

Was haben Sie in der Schule in der Pause gemacht?
Die ersten vier Jahre immer mit Mädchen rumgestanden

In der Grundschule?
Ja. Und mit einem Tennisball wild Fußball gespielt, bis ich irgendwo blutete.

Im Vorwort Ihres neuen Buches steht, der Charakter eines Schülers formt sich daran, was er in der Pause macht. Was hat Sie also geformt?
Weiber und bluten

Und auf dem Gymnasium?
Rumstehen und die Lage kommentieren.

Ihre Charakterbildung waren Mädchen, rumstehen, bluten und kommentieren?
Ja, das trifft es ganz gut

Warum haben Sie das Buch geschrieben?
Zum einen fasziniert mich das Internet als soziologische Fundgrube und zum anderen das Medium Buch. Beide wollte ich gerne in eins bringen

Aber was in Ihrem Buch steht, findet man auch im Internet.
Klar. Es geht ja gerade um diesen Schritt, was das Internet nicht kann, nämlich einen Zustand festhalten. Ein Buch ist endlich und hat eine Ordnung: Buchdeckel und Buchrücken, eine feste Seitenzahl. Was ich herausgefiltert habe, ist ein Befund über das aktuelle Wissen. Nach meinem Literaturverständnis ist mein Buch sogar als ein Roman zu sehen, der Auskunft über die Welt gibt, in der wir leben.

Schon bald wird das von Ihnen gesammelte Wissen dieses Buches überholt sein.
Schon jetzt. Aktualität und Wissen im Internet verändern sich ständig. Das in einem Buch festgehaltene Wissen ist beschränkt

In Ihrem Buch steht: Was man auf der Uni nicht lernt, ist gutes Benehmen. Wo haben Sie Ihr gutes Benehmen gelernt?
Zu Hause

Im Elternhaus mit zwei älteren Brüdern?
Und einer Schwester - die hilft in solchen Fragen mehr

Also Sie haben gutes Benehmen?
Absolut

Man hört, Sie seien rotzfrech.
Das sind Etiketten. Ich bin sicher mal unhöflich oder benehme mich schlecht. Aber nicht als Prinzip. Das finde ich widerlich. Ich finde es ganz wichtig, dass Menschen sich gut benehmen, und bin auch deswegen von Berlin nach Zürich gezogen, weil das dort noch was gilt. Wenn man sich begegnet, muss man ein paar Regeln einhalten

Zahlen Sie in der Schweiz Steuern?
Was ich hier verdiene, wird in Deutschland abgerechnet, was ich in Zürich verdiene, in der Schweiz. Ich hatte nie den Ehrgeiz, den Staat zu betrügen

Würde sich das bei Ihnen lohnen?
Das würde sich schon lohnen. Ich finde es aber eklig, sich als Steuersparmodell in einem Hochhaus in Leipzig eine Wohnung zu kaufen. Ich finde es wahnsinnig gut, Steuern zu zahlen - für die Solidargemeinschaft

Was sind für Sie lebenswichtige Dinge?
Freunde, Bücher, Sonne, Menthol-Zigaretten. Und Musik.

Musik führte Sie zum Schreiben.
Ja, ich habe angefangen zu schreiben, weil ich Herbert Grönemeyer anfassen wollte.

Haben Sie es geschafft?
Ja. Es gab einmal ein Round-Table-Gespräch mit Grönemeyer. Ich war als Redakteur dabei, stellte dumme Fan-Fragen und konnte ihn dabei irgendwie mal berühren. Super.

Sie waren auf einem humanistischen Gymnasium. Je über die Agora gelaufen?
Was ist das?

Der Marktplatz im antiken Athen.
Aha. Was heißt ho oistros?

Keine Ahnung.
Die Rinderbremse - auf Altgriechisch

Was lernt man aus Ihrem Buch?
Eine Erkenntnis ist: Viele Menschen wissen in der Summe gleich viel, aber eben verschiedene Dinge. Ich weiß leider zu viel über Fußball zwischen 1980 und 1990. Das geht auch nie mehr weg. Ich habe oft versucht, das zu vertreiben, aber sinnlos.

Wer war DFB-Pokalsieger 1980?
HSV

Nein.
Köln?

Fortuna Düsseldorf.
Aber in der Saison 1981/82 holte Köln das Double

Köln holte das Double 1978.
Also jetzt mal, wer hat 1985..

...ich bin nicht der Fußballexperte.
1985 im Finale Bayer Uerdingen gegen Bayern München: Dieter Hoeneß macht das 1: 0 und dann gewinnt Bayer Uerdingen doch noch 2:1. Sehen Sie, so etwas muss ich einfach nicht mehr wissen

Wissen Sie, was alles in Ihrem Buch steht?
Theoretisch ja

Was ist der Arsch von Brüssel?
Eine Mündung

Was passiert im 13. Bezirk von Budapest?
Eine Menge. Also so herum weiß ich's nicht. Denn so habe ich das Buch nicht gemacht

Können Sie sich vorstellen, Ihr Gesicht liften zu lassen?
Ja

Warum das denn?
Ich kann mir alles vorstellen

Was soll denn da geliftet werden?
Gar nichts. Ich kann es mir nur vorstellen

In Ihrem Buch steht, Gesicht liften lassen hat noch keinem geschadet. Aber ich glaube, es gibt Leute, denen das gewaltig geschadet hat.
Stimmt. Aber wie gesagt, nicht ich habe das behauptet, sondern irgendwelche Leute im Internet.

Laut Ihrem Buch besteht die Welt größtenteils aus Egoisten und rücksichtslosen Menschen. Zählen Sie sich dazu?
Nein

Was könnte aber damit gemeint sein?
Zum Beispiel, dass es ganz schön schwierig ist zu leben. Man geht hinaus und hat es mit Zumutungen zu tun. Allerdings auch, wenn man drin bleibt

Sind Sie gläubig?
Ja. Mein Vater ist evangelischer Pastor. Das kriegt man nicht mehr raus.

Aber das kann auch schön sein.
Ich finde es sehr schön. Ich habe erlebt und gelernt, dass man anderen Leuten, die in Not sind, einfach zu helfen hat

Viel Humor zu haben ist die halbe Miete?
Finde ich zu viel. Dafür sind die Mieten in Zürich zu teuer. Die halbe Miete ist schon auch einfach mal Geld

Sie haben Paola und Kurt Felix einmal für eine Reportage begleitet. Warum?
Ich wollte wissen, wie kann man bitteschön so verliebt sein wie die beiden. Ich fand das großartig und wollte das auch so haben

War das nach Ihrer Trennung von Ihrer damaligen Freundin Anke Engelke?
Nein, da waren wir gerade zusammen

Was haben Sie als nächstes vor?
Ich habe einen neuen Roman fast fertig und muss ihn bald abschließen. Und ich würde gerne anfangen zu studieren: Soziologie.

Warum Soziologie?
Meine Arbeit ist wie Soziologie. Ich gucke furchtbar gerne, wie die Welt funktioniert, warum Menschen sind, wie sie sind, und wie sie überhaupt den Tag rumkriegen

Werden Sie eine Familie gründen?
Ja selbstverständlich

Wieso selbstverständlich?
Erziehung

Ruft Ihr Vater Sie deswegen an?
Mein Vater ruft öfter an

Blonde haben mehr Erfolg, mehr Geld und besseren Sex - steht in Ihrem Buch. Finden Sie das auch?
Ich habe mich mal vor ein paar Jahren blond gefärbt. Besseren Sex hatte ich deswegen nicht. Heute sind meine Haare eher grau

Die Fragen stellte Martin Roos

Leseprobe

Was kurbelt die Wirtschaft an?
  • Senkung der Lohnnebenkosten durch private Vorsorge
  • Ein vernünftiges Gefälle zwischen Arm und Reich
  • Nachfrage nach pharmazeutischen Produkten
  • Im eigenen Land Urlaub machen
  • Mehr netto im Portemonnaie
  • Gute Stimmung
  • Autobahnbau
  • Krieg
  • Wiederaufbau einer zerstörten Gegend
  • CNN raus, TV-Shop rein
  • Touristik
  • Neue Gehäuse, neue Netzteile und wesentlich aufwändigere Kühlsysteme
  • Sein Gerät selber flashen und es zerstören
  • Neu kaufen statt reparieren
  • Niedrigere Zinsen
  • Steuersenkung für kleine und mittlere Einkommen
  • Ein einfaches, transparentes Steuersystem
  • Der Verkauf von Solaranlagen
  • Windkraft
  • Besucherstrom
  • Verkehr
  • Mehr Kondome verbrauchen
  • Geld unter die Leute bringen (Tankstelle, Kuchentheke usw.)
  • Eine Digicam kaufen
  • Von einem Tag auf den anderen kein analoger SAT-Empfang mehr
  • Werbung
  • Graffiti
  • Verbrechensangst (Wegfahrsperre, Alarmanlagen, Versicherungen)
  • Valentinstag
  • Kommunalwahlkampf
  • Alk
  • Traurig sein
  • Die beträchtlichen Kosten für Telefoneinheiten, Geräte und Zugangsgebühren
  • Schenken
  • Asien
  • Die IQ-Jänner-Rallye im österr. Bezirk Freistadt
  • Winnetou
  • Der Krankenhausgesetzgeber
  • Hanf
  • Dummheit
  • Kreative BWL-Studenten
  • Menschen mit einem schweren Hüftleiden und erheblicher Gehbehinderung, die sich einen Merzedes-12-Zylinder mit allem Komfort kaufen
Was lernt man auf keiner Universität?
  • Kommunikation zwischen Arzt und Patient
  • Die Lehren aus einer Firmenpleite
  • Abstraktes Denken
  • Wie der eitrige Zahn einer Mähnenrobbe behandelt wird
  • Rechtstechniken, wie z.B. Urteile fällen
  • Kreativität
  • Webdesign
  • Wenn eine Position - trotz Ausbildung bis zum Abwinken - nicht wunschgemäß verläuft, was tun?
  • Benutzer nicht aus den Augen zu verlieren und sich mit ihnen verständigen zu können, ohne in den Informatiker-Jargon zu verfallen
  • Verkäuferisches Geschick und Feingefühl
  • Wie man die Assets über Scheinverträge rausholt und das Ding dann mit völlig überhöhten Rechnungen von Kumpels versenkt
  • Gutes Benehmen und (parkett-)sicheres Auftreten
  • Personalverantwortung für 50 Leute. Ist ja nicht nichts. Aber der eine kann's, der andere nicht.
  • Die immer noch unterschätzten Qualifikationen, die Mütter in ein Arbeitsleben einbringen
  • Zusammenarbeit
  • Persönliches Verantwortungsbewusstsein für die eigene Handlungsweise
  • Arbeit mit Naturmaterial
  • Management
  • Rock 'n' Roll
  • Global Player zu führen
  • Was eine Landesbauordnung ist, wie man ein Baugesuch stellt und wie man Honorarverträge aushandelt
  • "Soft Skills", also soziale Kompetenz
  • Probleme anderer Leute zu lösen
  • Wirklich lebenswichtige Dinge
  • Wie man Menschen führt
  • Ethisches Verhalten
  • Programmieren
  • Interdisziplinäres Arbeiten, prozessorientiertes Denken und Spaß an der Hubschrauberperspektive
Auszug aus dem druckfrischen neuen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre: "Was. Wir. Wissen." Rowohlt Verlag, Reinbeck, 2005, 16,90 Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2005