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Drei Männer und eine Bank

Von Michael Maisch
?Schreibt uns nicht ab?. Die Nachricht, die Fred Goodwin, Chef der Royal Bank of Scotland (RBS) am 23. April dieses Jahres in die Welt sandte, klang wie ein Notruf. Es war der vielleicht schwerste Tag in der größten Übernahmeschlacht der Finanzgeschichte. Doch ein ungewöhnliches Trio machte das Unmögliche möglich: die feindliche Übernahme von ABN Amro.
LONDON. Aber es war auch der Tag, der zeigte, dass das Konsortium rund um die RBS den Kampf um die niederländische Bank ABN Amro ernst meint, auch wenn wenig dafür sprach, dass Goodwin und seine engsten Berater die Investmentbanker Andrea Orcel und Matthew Greenburgh von Merrill Lynch am Ende triumphieren würden.Am Morgen jenes Frühlingstages sah der 48-jährige Goodwin wie der Verlierer im Wettbieten gegen John Varley, den Chef des englischen Konkurrenten Barclays aus. Der Schotte wollte gerade ins Flugzeug nach Amsterdam steigen, um sich mit dem ABN-Management zu treffen, als ihn die Nachricht erreichte, dass die Niederländer bereits mit Barclays eine Übernahme vereinbart hatten. Schlimmer noch, die Beiden wollten die amerikanische ABN-Tochter La Salle verkaufen, ausgerechnet jenen Unternehmensteil, an dem die RBS besonders interessiert war. Varleys Coup schien Goodwins spektakulären Plan, ABN gemeinsam mit der spanischen Großbank Santander und dem Benelux-Finanzkonzern Fortis zu übernehmen und aufzuspalten, zum Scheitern zu verurteilen.

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Doch es dauerte nur zwei Tage bis Goodwin konterte, schließlich hatte der verschlossene Manager einen Ruf als eiskalter Deal-Macher zu verlieren, der aus einer Provinzbank mit Sitz in Edinburgh durch rund ein Dutzend Zukäufe eines der schlagkräftigsten europäischen Geldhäuser formte.?La Salle zu haben wäre schön. Aber wenn nicht, dann eben nicht?, mit diesen trotzigen Worten sagte Goodwin am 25. April Barclays den Kampf an. An diesem Tag stellte er gemeinsam mit seinen Kollegen von Santander und Fortis jenes 72 Mrd. Euro schwere Angebot für ABN vor, das der Gruppe sechs Monate später den Sieg bringen sollte.Hinter Goodwins Drang nach Größe steckt der unbedingte Wille ?den Sprung in den Teich der Überlebenden zu schaffen?. Will heißen, bei der Konsolidierung der Finanzbranche soll die RBS ganz oben in der Nahrungskette stehen. Allein hätte Goodwin den großen Sprung aber kaum geschafft.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Erfahrungen bei großen Finanzübernahmen.Als ABN und Barclays begannen, zarte Bande zu schmieden, schlugen sich die meisten großen Investmentbanken schnell auf die eine oder andere Seite, um bei dem Mega-Deal dabei zu sein. Bis auf Merrill Lynch. Hinter der Zurückhaltung steckte Methode. Andrea Orcel, Global Head of Origination, und Matthew Greenburgh, Chairman der Financial Institutions Group von Merrill, hatten eigene Pläne. Beide erkannten, dass die Offerte von Barclays die Finanzkraft der Bank strapazierte, und dass die in Aussicht gestellten Synergien kaum eine Erhöhung des Angebots zulassen würden. Andererseits schien keine Bank bereit zu sein, mehr als Varleys 62 Mrd. Euro für die weit verstreuten Aktivitäten von ABN zu bieten. Wie aber würde die Sache aussehen, wenn mehrere Geldhäuser gemeinsame Sache machen würden und ABN unter sich aufteilten? Der Plan brach gleich mehrere Tabus: Noch nie gab es unter Europas Banken eine feindliche internationale Übernahme, und noch nie wurde ein Geldhaus von einem Konsortium zerschlagen.Aber Orcel und Greenburgh waren prädestiniert für die Inszenierung dieser Premiere. Der öffentlichkeitsscheue Greenburgh gilt als enger Vertrauter Goodwins. Der Investmentbanker hatte die RBS bereits beim Kauf von NatWest im Jahr 2000 beraten, ein Deal, der fast wie die Blaupause für ABN Amro wirkt. Auch damals ging es um eine feindliche Übernahme, und auch damals räumten die Experten Goodwin kaum Chancen ein. Der 44-jährige Orcel, halb Franzose, halb Italiener zog die Fäden bei einigen der größten europäischen Finanzübernahmen. Orcel betreute die italienische Unicredit bei der Übernahme der Münchener HVB, und er beriet Santander beim Kauf des britischen Konkurrenten Abbey. Greenburgh, hatte den Draht zur RBS, Orcel zu Santander, gemeinsam holten sie Fortis mit ins Boot und komplettierten damit das Bietertrio, das Mitte Oktober den Sieg im Kampf um ABN verkünden konnte.?Merrill hat viel riskiert, und offenbar vieles richtig gemacht?, meint ein Londoner Investmentbanker. Wäre der verwegene Plan fehlgeschlagen hätte die Investmentbank mit leeren Händen dagestanden. Jetzt winkt Merrill als alleinigem Berater des Trios und aus der Finanzierung der Übernahme ein Honorar von 300 bis 400 Mill. Dollar.Aber ob der spektakuläre Deal wirklich ein Erfolg ist, wird sich frühestens in 18 bis 24 Monaten zeigen. So lange dauert die komplexe Aufspaltung von ABN mindestens. ?Abgerechnet wird noch lange nicht, auch Daimler und Chrysler galt einst als Traumehe?, gibt ein Merrill-Konkurrent zu bedenken.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.10.2007