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Dramatische Versäumnisse

Boykottieren die Hochschulen die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Absolventen? Die deutsche Wirtschaft ist davon überzeugt. Fragen an Arend Oetker, BDI-Vize und Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.
Herr Dr. Oetker, was werfen Sie den Hochschulen vor?

Arend Oetker: Die Umstellung des deutschen Hochschulsystems von Magister/Diplom- auf Bachelor- und Masterstudiengänge ist bislang völlig unzureichend. Die Hochschulen haben da einfach ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Manche sind nicht weit genug, manche nehmen das wohl auch nicht richtig ernst.

Was meinen Sie konkret?

Es ist nicht mit einer Umetikettierung getan, wo die alte Zwischenprüfung nun zum Bachelor-Abschluss wird. Vonnöten ist ein wirklicher Paradigmenwechsel, eine inhaltliche Neukonzeption. Ein Bachelor-Studiengang muss ja in Zukunft nicht nur ein breites Fundament legen und fachliches Wissen vermitteln, sondern auch direkt berufsbefähigend sein. Das geschieht bislang zu wenig.

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Mangelnder Praxisbezug ist nicht gerade ein neuer Vorwurf der deutschen Wirtschaft.

Nein, aber deshalb nicht weniger wahr. Schließlich müssen unsere Hochschulabschlüsse marktfähig sein. Gerade den neuen Bachelor-Studiengängen fehlt es dramatisch an der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen für die Berufswelt. Da aber mit dem Bachelor-Abschluss per Definition eine erste Berufsqualifizierung nachgewiesen wird, sind alle Fachbereiche in der Pflicht, bei der Einrichtung der Studiengänge klare Studienziele und damit verbundene Berufsfelder zu definieren und für alle transparent zu machen. Dies sollte nicht zuletzt in enger Abstimmung mit der Wirtschaft erfolgen. Unsere Beobachtung ist aber, dass in vielen neuen gestuften Studiengängen denkbare Berufsfelder - wenn überhaupt - meist nur sehr diffus beschrieben sind, Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern bestehen eher selten.

Eigentlich müssten dann doch die Fachhochschulen glänzend dastehen.

Dachten wir auch. Doch eine der Enttäuschungen unseres Wettbewerbs "ReformStudiengänge" war das schlechte Abschneiden der Fachhochschulen. Bei denen sieht es leider noch schlechter aus als bei den Universitäten.

Steht das Ausland besser da?

Ja, die britischen, niederländischen und die guten - ich betone: die guten - US-Universitäten könnten als Vorbild dienen.

Deutschland hinkt also auch international hinterher?

Ja. Dabei ist die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge ja durchaus eine Chance für den Standort Deutschland.

Wieso?

Ein attraktives Bachelor- und Master-Angebot würde auch gute ausländische Studenten nach Deutschland ziehen. Und die brauchen wir. Immerhin kommen schon viele ausländische Studenten vor allem aus Osteuropa und Asien in die grundständigen Studiengänge nach Deutschland - natürlich auch weil die, anders als in den USA, kein Geld kosten.

Dabei sind Sie persönlich ein Vertreter von Studiengebühren.

Ja, und von Wettbewerb zwischen den Hochschulen.

Was tut die Wirtschaft, was tut der Stifterverband für die Verbesserung der deutschen Hochschullandschaft?

Der Stifterverband hat ja gerade die selbst gesetzte Aufgabe, die deutschen Universitäten gezielt zu fördern, und er hat mit seinen Aktionsprogrammen in den vergangenen Jahren wesentlich zu den Reformbewegungen beigetragen. Und ich vermerke positiv, dass auch der Wechsel in den Führungsetagen einiger Mitgliedsunternehmen wie Bayer, RWE, RAG, Bosch oder IBM nicht zu einem Nachlassen des Engagements führen wird. Im Gegenteil. Der Stifterverband wird sich jetzt noch stärker bei der Gestaltung von Studiengängen engagieren. Sie können da noch einiges von uns erwarten.

Die Fragen stellte Christoph Mohr

Weitere Interviews zum Thema finden Sie auf der Internetseite www.einstieg.com
Reformer in der Wüste

Nur ein Bruchteil der Studiengänge an deutschen Universitäten und Fachhochschulen sind in ihrer Konzeption zukunftsweisend und nehmen die Hochschulreform ernst. Das ist der ernüchternde Schluss, den der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft aus seinem Wettbewerb "ReformStudiengänge" zieht. Die Organisation, in der die wichtigsten deutschen Unternehmen vereint sind, fördert und bewertet seit Jahren die Universitätslandschaft in Deutschland. Fazit der Jury nach dem diesjährigen Wettbewerb: Kaum einem Studiengang gelingt es, sich neu zu erfinden. Von 91 Wettbewerbsteilnehmern konnten ganze vier überzeugen.

Mit jeweils jährlich 100.000 Euro werden in den kommenden drei Jahren folgende "Reform-Studiengänge" gefördert:

"Philosophie & Economics" an der Universität Bayreuth

Der Jury gefiel besonders der transdisziplinäre Ansatz, der in den angelsächsischen Ländern üblich ist. Angenehmer Nebeneffekt: Der an der Uni Bayreuth bedrohte Fachbereich Philosophie hat damit sein Überleben gesichert.

"Mechanical and Process Engineering" an der TU Darmstadt

Ohne das bewusst umfangreiche und anspruchsvolle Studium am Fachbereich Maschinenbau zu schmälern, ist der TU Darmstadt durch moderne Lernmodule und die Integration neuer Studieninhalte (Soft Skills) der Zukunftssprung gelungen.

"Sozialwissenschaften" an der Universität Düsseldorf

Überzeugen konnte hier das Zusammengehen von Soziologie, Politologie und Medienwissenschaft und die klare Internationalisierung des Fachbereichs.

"Biowissenschaften" an der Universität Münster

Der Generationenwechsel bei Dozenten und Professoren machte hier eine völlige Neukonzeption möglich. Sie richtet sich vor allem an den zukünftigen Tätigkeitsfeldern der Absolventen aus, was unter anderem einen frühen Berufseinstieg ermöglicht.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.08.2003