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Drachen reiten

Text und Fotos: Astrid Oldekop
Nach China auswandern? Wer das versucht, ist ein Abenteurer. Wer es schafft, braucht Mut, Durchhaltevermögen und chinesische Freunde. karriere-Redakteurin Astrid Oldekop hat Deutsche in Peking und Schanghai besucht.
Noch wächst Gras auf den grauen Ziegeldächern der Shikumen, den traditionellen zweigeschossigen Holzbauten, doch in der organisch gewachsenen Altstadt um den Yuyuan-Park in Schanghai sind schon die ersten Lücken sichtbar: nackte Dachstühle, Schutt, Trümmer. Die meisten Bewohner sind weggezogen. Wer es bis zum Schluss aushält, hofft auf hohe Entschädigung. Die blauen Baracken der Wanderarbeiter künden vom nahen Ende. Die schöne neue Welt der Wohn- und Bürotürme ist auf wenige hundert Meter herangewuchert. Am Horizont: Wolkenkratzer, Kräne, feuchter Smog. Die Sonne ist hier, mitten in Schanghai, nur selten zu sehen.

"Als ich herkam, gab es diese Türme noch nicht." Unternehmer Daniel Mohr beschreibt mit dem Finger einen weiten Kreis. Der 38-Jährige beobachtet die Veränderungen vom Balkon seines Büros im siebten Stock der "Volksstraße" - jener Straße, die auf den Trümmern der vor 100 Jahren abgerissenen Stadtmauer Schanghais entstand

Die besten Jobs von allen


Vor fünf Jahren kam der Pforzheimer in die chinesische Industriemetropole. Als die Internetblase platzte, setzte sich der damalige Pixelpark-Mitarbeiter vor eine Landkarte, auf der Suche nach der vielversprechendsten Stadt der Welt - und entschied sich für Schanghai. Asien-Erfahrung hatte er nicht.

Zehn Termine an einem Morgen

Daniel Mohr, 38, auf seinem Weg ins Büro inmitten der boomenden Metropole Schanghai
Mit einer unausgereiften Geschäftsidee, 200 Euro Bargeld und viel Optimismus landete Mohr am 18. Februar 2002 um 13 Uhr in der Stadt am Huangpu. Zwei Stunden später hatte er den ersten Geschäftstermin mit einem Amerikaner, der Coffeeshops eröffnen wollte. Bis drei Uhr nachts zogen die beiden durch Locations und Kneipen. "Am nächsten Morgen hatte ich zehn weitere Termine", erinnert sich der Wirtschaftsingenieur

Heute, fünf Jahre später, ist Daniel Mohr Geschäftsführer von Plumento, seiner eigenen kleinen, schlagkräftigen Sourcing-Firma, beliefert die Formel 1 mit Premium-Produkten für die Vip-Lounge, plaudert auf Chinesisch und ist just mit seiner chinesischen Freundin aus der geschäftigen französischen Konzession in ein 500 Quadratmeter großes, nach eigenen Ideen ausgebautes Haus im Süden der Giga-Stadt gezogen. Dorthin, wo die Luft noch frisch ist, wo grüner Bambus im Wind wiegt und kluge Architekten kleine Bächlein statt grober Hügel zur Geschwindigkeitsbegrenzung über die Straßen gezogen haben. In seiner Freizeit spielt der 38-Jährige Golf, praktiziert Yoga oder trifft sich mit Rotariern in einem der schicken Fusion-Restaurants von Xintiandi

Mohrs Weg zum Erfolg im Land der Drachen hatte viele Facetten. Wer es wie er in China als Unternehmer schafft, hat vier Regeln befolgt: Er darf sich nicht zu schade sein für harte Arbeit, muss klar fokussieren, muss sich auf China einlassen und über ein exzellentes Heimatnetzwerk verfügen

"Anfangs erscheint es einfacher, von Berlin nach Schanghai zu ziehen als von Berlin nach München. Das ist hier wie in einem Robinson-Club. Alle sind fremd, alle aufgeschlossen", ist das verblüffende Fazit des Wirtschaftsingenieurs, der nebenbei über die Erfolgsfaktoren deutscher Startups in China promoviert. Viele Abenteurer bleiben allerdings in der Party-Atmosphäre stecken. Mohr hat diese Phase hinter sich: "Am Anfang ist man jeden Abend unterwegs. Heute gebe ich keine Visitenkarten mehr raus."

Eigentlich wollte der Pforzheimer, der vor seiner Pixelpark-Zeit für die KPMG Unternehmen beraten hat, Mittelständler beim Markteintritt in China unterstützen. Nebenbei versuchte Mohr, Sohn eines Juweliers, Schmuck mit europäischem Design in China zu verkaufen. Doch alle Träume platzten.

Schließlich spezialisierte er sich auf Sourcing-Projekte, also die möglichst günstige Beschaffung von Gütern. Heute lässt er 250 Tonnen Stahl zu Trennwandsystemen verarbeiten, bestellt fix Tausende mundgeblasener Gläser in Nordchina und organisiert, wenn es sein muss, nebenbei noch eine Band, die auf chinesischen Instrumenten Jazz im Formel-1-VIP-Bereich spielt. An den Wochenenden kurvt er mit seinem weißen Mittelklassewagen der Marke Great Wall durch die Provinz und krempelt die Ärmel hoch, wenn er Testaufbauten kontrolliert und Fabrikhallen besucht.

Klarer Fokus

Als Daniel Mohr 2002 nach Schanghai kam, war die Volksrepublik gerade der Welthandelsorganisation WTO beigetreten, der Westen lag im China-Fieber. Bei jeder Deutschland-Reise traf er Leute, die Dinge nach China verkaufen oder von dort importieren wollten. Doch er merkte: "Nur weil man in China ist, kann man nicht plötzlich in allen Branchen unterwegs sein.

Bei den Recherchen zu seiner Promotion fand er heraus, dass kaum ein erfolgreiches deutsches Startup chinesische Kunden hat: "Wer Chinesen als Zielgruppe wählt, konkurriert mit einer Vielzahl anderer. Unser Wettbewerbsvorteil sind Dienstleistungen oder Produkte, die wir als Deutsche vor Ort anderen Deutschen oder ausländischen Firmen bieten." Nach den ersten Enttäuschungen mit chinesischen Partnern stellte Mohr drei Prinzipien für sein Unternehmen auf: keine chinesischen Kunden, keine chinesischen Partner, geringe Investitionen. Die Rechnung ging auf. Seitdem lässt Mohr in China ausschließlich für deutsche Unternehmen produzieren. "Arbeit wird noch 50 Jahre so billig bleiben", schwärmt er. "Das Land ist so groß, da kommen immer Leute nach, es gibt 800 Millionen Bauern."

Einlassen auf China

Rosige Zukunftsaussichten also, für die Mohr im rauen Klima jedoch bitter kämpfen muss: "In Deutschland ist das Geschäftsleben eine heile Welt, in China ist es Krieg", ist die bittere Erkenntnis seiner fünf China-Jahre. "Die Chinesen haben Guanxi, ein Netzwerk, das aus Freunden und Familie besteht, in dem friedlich gehandelt wird. Wer nicht drin ist, den darf man betrügen. Die Chinesen nennen das Strategeme.

Hinzu kommt der regelmäßige China-Koller, der Kulturschock, dem kein Ausländer entgeht: "Die ersten Monate ist man ganz high. Doch irgendwann gehen einem die Chinesen auf den Keks. Das Geschäftsgebaren, das Geräusch, wenn sie auf den Boden spucken, oder dass keiner den anderen aus dem Fahrstuhl aussteigen lässt." Dieses Gefühl komme immer wieder, hat er festgestellt. "Es ist eben eine andere Kultur. Wahrscheinlich kann man sich nie ganz daran gewöhnen. Man muss verstehen, dass wir unterschiedlich sozialisiert wurden und in unterschiedlichen Wertesystemen aufgewachsen sind.

Bei einem Formel-1-Projekt lernte er seine Freundin kennen, die Geschäftsführerin einer großen chinesischen Sourcing-Firma. Die Beziehung hilft ihm, die schwierigen Guanxi-Netze zu durchschauen. Auch das ist ein Erfolgsfaktor für ausländische Startups in China, schreibt Mohr in seiner Promotion: eine Partnerschaft oder enge Freundschaft mit einem Menschen aus dem Land. Immer noch auf die Nase fallen

In Schanghai beschäftigt der 38-Jährige zurzeit nur eine Mitarbeiterin und einen Praktikanten. In einem kleinen Unternehmen behalte er einfach den besseren Überblick, schließlich würden 80 Prozent der chinesischen Mitarbeiter von Sourcing-Firmen von Lieferanten bestochen.

Trotzdem fällt er immer noch auf die Nase - und nimmt es mit stoischer Renitenz in Kauf. Jüngst sollte ein von ihm in Auftrag gegebenes Trennwandsystem leicht ausgebessert werden. Entgegen der Absprache machte der Lieferant eine teure Pulverbeschichtung, setzte Mohr extrem unter Zeitdruck und verschiffte das System erst, nachdem die nicht geforderte Reparatur bezahlt war.

In seinem Office tönt Nora Jones aus dem Lautsprecher von Bose. An der Wand hängt ein Foto vom idyllischen Mummelsee im Schwarzwald, zu trinken gibt es Cappuccino. Wäre nicht der Blick auf die wuchernde Stadt, könnte dieses Büro ebenso in Berlin oder Pforzheim sein. Doch die kleine Firma Plumento ist wandlungsfähig: Bei Telefonaten mit potenziellen Produzenten spricht nur die chinesische Mitarbeiterin, nennt den chinesischen Firmennamen, der Ausländer Daniel Mohr tritt nicht in Erscheinung. Er hat die Vorarbeit geleistet, Aufträge in Deutschland akquiriert und auf Alibaba.com Lieferanten recherchiert.

Viele Jahre Berufserfahrung in Deutschland sind das Pfund, mit dem er wuchert: "Ich habe viele Deutsche kommen und gehen sehen. Aber nur sehr wenige verdienen hier richtig Geld. Das schaffen nur diejenigen, die zu Hause in ihrer Branche ein großes Netzwerk haben", hat Mohr beobachtet. "Ich habe noch keinen kennen gelernt, der es direkt nach dem Studium ohne Netzwerk in Deutschland geschafft hat."

Von Chinesen angestellt

Nicht nur Gründer wie Daniel Mohr lassen sich faszinieren vom irrsinnigen Tempo, mit dem China vom Bauernstaat ins Hightech-Zeitalter rast, auch Designer, Architekten, Lehrer und Juristen ziehen ins Reich der Mitte. 150.000 weitere Jobs für Ausländer werden bis 2010 in China entstehen, prophezeit Markus Taube, Direktor des Instituts für Ostasienwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Schon jetzt arbeiten viele Deutsche in China für lokale Arbeitgeber. Wie Katrina Arndt. Die 26-Jährige hat in knapp zwei Jahren eine atemberaubende Karriere hinter sich: Von der Praktikantin einer kleinen Design-Firma zum Art Director des hippen Hochglanz-Lifestyle-Magazins iLook in Peking.

Eher zufällig kam Arndt nach fünf Semestern Grafikdesign nach China. Als Praktikantin entwarf sie Gebrauchsanweisungen in einem Büro in einer der wenigen verbliebenen Hutong-Gassen. Dann hörte sie von Hong Huang. Die Medienmogulin suchte einen Ausländer, der ihrem Prestigeprojekt iLook ein neues Gesicht verpasste. Katrina Arndt heuerte an.

Viel Arbeit für wenig Geld

Für 1.300 Euro monatlich - viermal mehr als das Gehalt ihrer chinesischen Kollegen, doch nur ein Bruchteil eines Expat-Salärs - trieb Arndt den Relaunch des Magazins voran und setzt nun die grafischen Leitlinien. Ihr Arbeitsplatz im Verlagshaus CIMG - ein Großraumbüro, das schon mal als Turnhalle der deutschen Schule diente - liegt im coolen Künstlerquartier 798. Touristen und Galeristen schlendern heute durch die Gänge der einstigen Waffenfabrik. In lichten Hallen verkaufen 30 Galerien neue chinesische Kunst. Mittags trinkt Katrina Arndt Milchkaffee aus großen Schalen im "Café Pause".

Bei iLook setzt sie mit dem österreichischen Chefredakteur Themen, schreibt sogar ab und zu selbst. Manches ist im kommunistischen China tabu, vieles ist möglich: Globalisierung - ja, Global Warming - nein. In Peking ist die Nähe der Zentralregierung immer zu spüren. Ob ihre Texte eins zu eins übernommen werden, weiß sie nicht, denn sie liest kein Chinesisch. Zwei ihrer Mitarbeiter können Englisch, die beiden vermitteln, wenn sie mit den restlichen acht spricht

Selbstgemachter Stress

"Du kommst dir vor wie ein Affe, weil du nicht reden kannst", klagt Arndt. Während die Tübingerin sich die Nächte in der Redaktion um die Ohren schlug, ließen sich die chinesischen Kollegen nicht von Terminen beeindrucken. Im größten Stress spielten sie im Großraumbüro seelenruhig Federball. "Aus Deutschland bist du gewohnt, mehr als 100 Prozent zu geben, aber in China gibt man nur 75 Prozent", resümiert die 26-Jährige. "Dafür sind aber auch ein Drittel mehr Leute angestellt." Auch über drucktechnische Probleme wurde sie anfangs nicht informiert: So kam es vor, dass sie drei Wochen lang an einem Logo zur Leserführung arbeitete - sinnlos, da es letztlich nicht zu realisieren war.

Alltag teilen

Ihre erste Führungserfahrung als junge Frau in China war äußerst schwierig. Doch eine Krisensitzung mit ihrem Team brachte schließlich die Wende. Die Kollegen begannen, ihren Alltag mit der jungen deutschen Chefin zu teilen. In den Mittagspausen spielen sie nun gemeinsam Federball im gelben Staub: "Das hilft zu entspannen. Ich musste mich darauf einlassen, sonst wäre ich verrückt geworden", sagt die 26-Jährige. "Meine Kollegen machen immer noch Witze über mich und mein Chinesisch - aber sie machen sie jetzt mit mir.

Ihre Freizeit verbringt Arndt ausschließlich mit ausländischen Freunden, isst italienisch bei Annie's, trinkt Qingdao-Bier in der Black Sun, französischen Rotwein im intellektuellen Bookworm oder in der kuscheligen Bed Bar. In Peking ist jeden Abend Party, für den wöchentlichen deutschen Praktikantenstammtisch bleibt ihr keine Zeit. Mit einer in Frankreich aufgewachsenen Taiwanesin bewohnt sie eine 100-Quadratmeter-Wohnung im 22. Stock eines Hochhauses im Chaoyang-Bezirk für monatlich 480 Euro

Arndt schwärmt von der Goldgräberstimmung: "In Deutschland hätte ich niemals die Chance bekommen, so etwas zu machen - auch nicht nach zehn Jahren." Nachdenklich spricht sie darüber, dass ihr weißes Gesicht ihr zu ihrem Traumjob verholfen hat, und über die Gehaltsunterschiede zwischen Chinesen und Ausländern. "Das wird sich ändern. Wenn Selbstbestimmtheit und Eigeninitiative hier in China ankommen, haben wir Ausländer wenig zu lachen."

Unsicherheit macht flexibel

Trotz aller Schwärmerei klagt Katrina Arndt über den rechtsunsicheren Raum, in dem sie lebt, über die umständliche Bürokratie, das fehlende Umweltbewusstsein. Und will dennoch bleiben, Erfahrung als Art Director sammeln und dann weiterziehen. Irgendwohin. "Die Welt ist einfach zu groß, da macht es keinen Sinn, zurück nach Deutschland zu gehen.

Genau wie Katrina Arndt in Peking sieht der Schanghaier Daniel Mohr, der nicht mehr in Deutschland gemeldet ist, in der großen Unsicherheit auch eine Chance. Mohr will so lange im Reich der Mitte bleiben, "wie die Situation politisch stabil bleibt". Die nächsten vier Jahre scheinen gesichert, denn die Volksrepublik gibt sich für Olympia 2008 in Peking und Expo 2010 in Schanghai einen weltoffenen, verlässlichen Anstrich.

Dass er sein Visum Jahr um Jahr verlängern muss, dass er in großer Rechtsunsicherheit lebt, dass er täglich mit Bestechung konfrontiert wird, dass er sich selbstständig um seine Rente kümmern muss, scheint vergessen. "Vor 150 Jahren lebten mehr Deutsche in Schanghai als heute", resümiert er.

"Ich finde es hochgradig spannend, dass so wenige Deutsche hier sind. Das, was jetzt in China geschieht, dass sich so ein großer Markt öffnet, das gab es zum letzten Mal als Amerika besiedelt wurde, hat der Asien-Chef von Morgan Stanley gesagt. Es ist das Land der unbegrenzten Schwierigkeiten, aber auch der unbegrenzten Möglichkeiten.

Modeschmuck für Millionen

"Nimen hao, kennt ihr das schon?" Mirko Wormuth hat viel Spaß, wenn er gemeinsam mit einem deutschen Freund seine Modeschmuck-Flyer mit dem pinkfarbenen "twice"-Logo an junge Chinesinnen vor spiegelnden Shoppingmalls in Peking verteilt. Lächelnd nehmen die den bunten Prospekt entgegen und schütteln verneinend den Kopf. Aber ihr Interesse an "twice" ist geweckt. Wormuth weiß, wie man Chinesen begeistern kann. Vor 13 Jahren kam der 36-Jährige aus Kühlungsborn erstmals nach China, sammelte als Jura-Student am Deutsch-Chinesischen Institut für Wirtschaftsrecht in Nanjing Erfahrungen über Land und Leute.

Zwischendurch studierte er in Harvard und promovierte in Hamburg über Insolvenzen in der Volksrepublik. Mit seiner New Yorker Anwaltszulassung umschiffte er das deutsche zweite Staatsexamen und arbeitete zwei Jahre lang als Anwalt bei Freshfields Bruckhaus Deringer in Peking. Nebenbei gründete er ein Internet-Startup und versuchte, Möbel zu verkaufen. Als er mit Tina, seiner chinesischen Frau, Modeboutiquen eröffnete, fanden die beiden ihre Nische: Sie entwickelten ein Franchising-Konzept für erschwinglichen Modeschmuck mit europäischem Design - Markenname "twice". Den ersten zwölf Quadratmeter großen "twice"-Stand eröffnete Wormuth zum Frühlingsfest in einer Mall - in bester Lage, neben dem ersten Zara-Shop Pekings. Lizenzen hat er bereits in Neuseeland vergeben. Seine Frau kümmert sich um Design, Location und Kontakte. Mirko Wormuth schreibt Businesspläne und das Franchising-Konzept und macht Fotos für die Webseite. Dass die beiden noch fast alles selbst machen, stört sie nicht, denn sie rechnen sich beste Zukunftschancen aus: "Unser Markt ist China. Die Chinesen sind ganz verrückt darauf, europäische Marken zu kaufen. Hier sind wir die Early Mover."

Tango für Kenner

"Chabuduo - so ungefähr." Wenn der Handwerker so auf die Frage antwortet, ob die Klimaanlage wieder funktioniert, weiß Michael Schröder, dass er ihn am nächsten Tag erneut holen muss. Mit ungenauen Auskünften in China leben zu müssen, hat der Rechtsanwalt inzwischen gelernt - selbst von Gerichten gibt es oft keine nachvollziehbaren Begründungen. Seit knapp zwei Jahren arbeitet er in Peking, in wunderbarer Symbiose mit der chinesischen Kanzlei Guo & Partners, deren Beziehungen er nutzt und die sich gerne mit dem ausländischen Gesicht schmückt

Der Deutsche wurde 1975 in Peking geboren - als Drilling und DDR-Botschaftskind. Doch in seinen acht China-Jahren lernte er die Sprache nicht. Menschentrauben bestaunten damals zwar die drei westlichen Jungs, doch alle Geschäfte wurden eigens für die Schröders geräumt, Ausländer sollten keinen Kontakt zu Chinesen bekommen. 2005 kehrte Schröder zurück in ein verändertes Land, in dem er nun viele Freunde hat. Im Garten seiner kleinen Wohnung plaudert er täglich mit seinem Nachbarn, einem älteren Herrn. In seiner Freizeit trommelt der 32-Jährige Pekings Tangotänzer in der Liangmahe Wine Bar zusammen. Inzwischen ist die Tango-Szene der Stadt auf 200 Leute angewachsen, regelmäßig lädt Schröder argentinische Tangolehrer nach China ein. Eine angenehme Nebenbeschäftigung für den Juristen. Noch bewegt sich der deutsche Anwalt in einer Grauzone, noch dürfen ausländische Kanzleien nicht eigenständig zum chinesischen Recht beraten. Doch das soll sich ändern und verspricht glänzende Aussichten für Schröder, der als freier Junganwalt in Berlin gerade mal 1.000 Euro netto verdiente und in Peking schon heute deutlich mehr zur Verfügung hat. Inzwischen spricht er auch fließend Chinesisch und freut sich auf die Zukunft: "Die Nachfrage nach ausländischen Anwälten steigt."
Dieser Artikel ist erschienen am 05.06.2007