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Dr. rer. Taff

Liane Borghardt
Praxisnah an der Fachhochschule studieren. Und dann an einer Universität promovieren? Das geht. Allerdings nicht mal so eben. Kandidaten brauchen Puste hoch zwei. Je nach Uni hängt der Doktorhut unterschiedlich hoch.
Zwei kleine Buchstaben, und die Fahrt ist frei. Mehr Gehalt, eine akademische Karriere, verantwortungsvolle Posten. Als Fachhochschul-Absolventin wollte Friederike Wenderlein nicht auf das Ticket verzichten. "Man muss sich nur mal die Briefköpfe von Vorständen anschauen. Da häufen sich die Doktortitel. Besonders dort, wo ich hinwollte, in der Pharma-Branche", erzählt die 27-Jährige. Deshalb entschied sie sich, nach dem BWL-Diplom eine Doktorarbeit nachzulegen.

Vier Jahre später ist Frau Dr. Wenderlein Aushängeschild der Fachhochschule Neu-Ulm. Eine Ehemalige, die schnurstracks an einer Universität promoviert, dazu mit Prädikat "summa cum laude" - eine kleine Sensation.

Die besten Jobs von allen


Akademische Exoten

Fachhochschul-Absolventen mit Doktorhut sind immer noch Exoten. Doch der Trend zum Titel wächst. 873 FHler stellten im Jahr 2000 den Antrag zur Promotion. Vier Jahre zuvor waren es erst halb so viele. Ungefähr drei Viertel der Anwärter wurden jeweils zugelassen. Das größte Interesse zeigen die Ingenieure. In dichten Abständen folgen Sprach- und Kulturwissenschaftler, Naturwissenschaftler, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. 109 abgeschlossene Doktorarbeiten lieferten alle Disziplinen zuletzt in der Summe. Peanuts, verglichen mit über 25.000 Promotionen von Uni-Absolventen im selben Jahr.

Obwohl Kultusminister- und Hochschulrektorenkonferenz den Unis schon vor mehr als einem Jahrzehnt empfohlen haben, "hervorragend qualifizierten" FH-Absolventen die Promotion zu ermöglichen. Von über 800 promotionsberechtigten Fakultäten haben gut zwei Drittel ihre Ordnungen geändert. Alle verlangen FH-Absolventen ab, vor der Doktorarbeit wissenschaftliche Kenntnisse "nachzuweisen oder zu erwerben". Damit hören die Gemeinsamkeiten auf. Ob Absolventen zwei oder vier Semester in Vorlesungen nachsitzen müssen oder ob sie nur mit sehr gutem Diplom zugelassen werden, ist von Regelung zu Regelung unterschiedlich

Einer kennt sie alle: Ansgar Keller von der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. 1994 machte Keller sich das erste Mal daran, die Bestimmungen nach Zugangsfreundlichkeit zu vergleichen. Die Bilanz gibt es als Buch zu kaufen. Für zehn Fächergruppen hat Keller Rankings erstellt. Demnach hängt der Doktorhut beispielsweise an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Unis Konstanz und Jena für FHler hoch, in Hannover oder Magdeburg dagegen sind die Auflagen niedriger.

Marathon über Stock und Stein

Bei "Wetten dass?" möchte Keller nicht auftreten. "Mit meiner Studie will ich interessierten Absolventen die bundesweit günstigsten Zugangsbedingungen in ihrem Fach zeigen." Steinig genug sei der Weg zu höheren akademischen Weihen für FHler ohnehin: nach dem Diplom wieder Seminararbeiten schreiben, die Finanzierung für diese ein- bis zweijährige Qualifizierungsphase plus drei Jahre Doktorarbeit regeln und - der schwerste Brocken - einen Doktorvater finden. Eine Beschäftigung am betreuenden Lehrstuhl ist für FHler die Ausnahme, die nebenberufliche Promotion die Regel. Kaum ein Professor reißt sich um die Mehrarbeit, die ein "Externer" bedeutet.

Friederike Wenderlein plante deshalb strategisch. Als vergleichsweise kulant erwies sich der Fachbereich Gesundheitsökonomie der Uni Ulm, wo Wirtschaftswissenschaftler und Mediziner kooperieren. "Ich habe mich genau informiert, wer wozu forscht, und überlegt, welches Thema welchen Professor packen könnte. Außerdem sollte es eins sein, das ich später meinem Wunscharbeitgeber, dem Krankenhausgerätehersteller BBraun, gut verkaufen kann", erklärt die BWLerin.

Köder für den Doktorvater

Ihr Exposé zu "Fehlzeiten bei Krankenhauspflegekräften" schickte Wenderlein an den Leiter des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin der Uni Ulm. Und legte ein paar Zückerchen dazu. Die Betreuung auf FH-Seite sei schon geklärt, eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin brauche sie nicht. Verlockendes Angebot, das die Einser-Diplomandin machte: Wenig Aufwand, null Kosten, dafür eine Forschungsarbeit aufs Konto des Instituts. Ein persönliches Gespräch, und der Prof biss an.

Mehr solcher Kooperationen zwischen Unis und FHs wünscht sich Autor Ansgar Keller. "Oft wird das Interesse von FHlern durch zu hohe Auflagen gedeckelt." Zwar sind sich die Fachhochschulen einig, dass das Promotionsrecht bei den stärker wissenschaftlich ausgerichteten Universitäten bleiben soll. Aber sie plädieren für eine höhere Durchlässigkeit.

Dazu beitragen könnten die neuen Master-Studiengänge: Laut Kultusministerkonferenz soll kein Unterschied zwischen Uni- und FH-Master gemacht werden. Egal, wie ihr Abschluss heißt: "Qualifizierte Kandidaten verdienen eine faire Chance", sagt Keller. Keine Selbstverständlichkeit, ist die Erfahrung von Petra Hülsmann vom Doktorandennetzwerk Thesis. "Teilweise wurde ich behandelt, als wollte ich mit einem Sonderschulabschluss promovieren." Sechs verschiedene Exposés brauchte es, bis die Dortmunderin einen Doktorvater an der Uni Bielefeld fand

Für gegenseitige Seelenmassage gründete Hülsmann eine Projektgruppe Promotion mit FH-Diplom. Nützlich auch für den fachlichen Austausch: Denn über Themen wie "Die Darstellung des Boxsports in der Kunst des Mittelalters" zu schreiben, ist eine einsame Sache. Auch Friederike Wenderlein hätte ihre Doktorarbeit ab und an gern geschmissen. "Ob man die Dissertation fertig kriegt, ist anderen egal." Aus dem Motivationstief half der "positive Druck" zweier Stipendien. Bayern sponserte die zweisemestrige Qualifizierungszeit, Baden-Württemberg die Promotion. "Zu glauben, Stipendien seien nur für die Elite, ist Blödsinn. Man muss sich nur in die Bewerbung hängen." Heute zahlt sich ihre Zähigkeit aus: Für den Titel legte BBraun im hessischen Melsungen 5.000 Euro extra aufs Jahresgehalt.

Umweg übers Ausland

Mehr Geld, spannende Jobs. Das sind die angenehmen Folgen einer Promotion. Als Motive für die Doktorarbeit langen sie nicht, meint Ralf Brickau von der Dortmunder International School of Management. "Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten ist das Erfolgsrezept." Seine Liebe zur Forschung entdeckte er im FH-Studium. Als Doktorand an der University of Plymouth lebte er sie aus. Weil der Umweg übers Ausland oft eine Abkürzung ist, schickt Brickau seine Studenten auch zur Promotion auf die Insel. "Englische Unis stieren weniger auf den Abschluss eines Bewerbers. Wichtiger ist die wissenschaftliche Begabung und die Persönlichkeit."

Auch Professoren der FHs Karlsruhe und Nürnberg etwa betreuen Doktoranden in Kooperation mit ausländischen Kollegen. Die Argumente gleichen sich: größere Offenheit, kein langes Nachqualifizieren wie in der Bundesrepublik. "Promotionen zum Spartarif sind das aber nicht", betont Ralf Brickau. Von 15 Interessenten eines Jahrgangs brächte schließlich einer eine Doktorarbeit zustande

Bei allem Respekt: "An der Uni wird auch nur mit Wasser gekocht", sagt Friederike Wenderlein. Um diese Erkenntnis schlauer ist sie nach der Promotion. Nur ihr Name ist nicht schöner geworden. "Frau Dr. biol. hum. Friederike Wenderlein? Klingt sperrig."
Wege zum Doc

Fachhochschulen haben kein Promotionsrecht, und das bleibt auch künftig so. Ergo können FH-Absolventen ihre Doktorarbeit nur an einer Universität schreiben. Ob eine Uni Doktoranden mit FH-Diplom aufnimmt, steht in der Promotionsordnung der jeweiligen Fakultät. Die Hochschulrektorenkonferenz gibt ein Sammelwerk heraus, das die Regelungen sämtlicher Fachbereiche an Unis von A wie Aachen bis W wie Würzburg enthält

Promotionsmöglichkeiten für FH-Absolventen. Sammlung der einschlägigen Bestimmungen aus den Promotionsordnungen der Universitäten. Hrsg. Hochschulrektorenkonferenz, Heinrich-Bock-Verlag, Bad Honnef 2001, 29,90 Euro

Einen Schlag Service mehr setzt Ansgar Keller von der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft drauf: Der Autor prüft die Promotionsordnungen von 60 Universitäten - geordnet nach zehn Fächergruppen mit über 20 Einzelfächern - auf FH-Freundlichkeit. Kriterien sind beispielsweise, ob das FH-Diplom schlechter als "sehr gut" sein darf und wie viele Leistungsnachweise verlangt werden.

Promotionsmöglichkeiten von Fachhochschulabsolventen an Universitäten. Ansgar Keller, Berlin 2002, 14,80 Euro, für Studenten 7,40 Euro, zzgl. Versandkosten. Zu bestellen unter 0 30.50 19-22 83 oder steinbeis@fhtw-berlin.de

Elchtest bestehen

Promotionswillige FHler dürfen sich von diesem Wortmonster nicht aus der Bahn werfen lassen: "Eignungsfeststellungsverfahren". Zu Deutsch: Bevor Kandidaten mit der Doktorarbeit loslegen, müssen sie zwei bis vier Semester Veranstaltungen an der Uni besuchen und Leistungsnachweise bringen. Die Bestimmungen sind unterschiedlich strikt. In einigen Promotionsordnungen ist das Verfahren genau festgelegt. Andere überlassen es dem Fachschaftsrat, im Einzelfall zu entscheiden. Parallel können Kandidaten mit ihrer Dissertation beginnen.

Doktorvater suchen

Die FH-freundlichste Promotionsordnung nützt nichts, wenn sich kein Uni-Prof bereit erklärt, die Doktorarbeit zu betreuen. Für die akademische "Community" gilt genauso wie für andere Zünfte: Vitamin N hilft.

FH-Studenten sollten die Netzwerke ihrer Professoren nutzen. Denn die haben an Universitäten promoviert und wissen, wer auf welchem Gebiet forscht. Zeitpunkt, die Fühler nach zwei, drei möglichen Doktorvätern auszustrecken, ist das Hauptstudium. Faustregel: Je forschungsfreudiger ein Lehrstuhl, desto weniger sind die Professoren auf externe Doktoranden angewiesen. Eine Bewerbung an der Münchener Uni der Bundeswehr ist daher eventuell aussichtsreicher als an der Ludwig-Maximilians-Uni. Eine Übersicht über die Promotionsquoten von Lehrstühlen gibt es im Internet.

www.dasforschungsranking.de

Gestatten, mein Thema und ich

Ob mit oder ohne persönliche Empfehlung - das Forschungsthema muss zu den Steckenpferden des potenziellen Betreuers passen. Das Exposé sollte die Fragen beantworten: Warum dieses Projekt an diesem Lehrstuhl? Wie ist der Stand der Forschung? Gliederung, Literaturverzeichnis und ein Zeitplan gehören ebenfalls in das Schreiben. Lebenslauf, Zeugniskopien und persönliche Referenzen vermitteln ein erstes Bild vom Bewerber. Im persönlichen Gespräch gilt es dann, sich zielstrebig und eigenständig zu zeigen

Wer soll das bezahlen?

Für ein bis zwei Jahre "Eignungsfeststellungsverfahren" plus rund drei Jahre Doktorarbeit müssen die Finanzen stehen. Eine Beschäftigung an der Universität ist selten drin. Wer vorhat, neben dem Job seine Dissertation zu schreiben, sollte überlegen, ob und wie sich das verträgt. Alternativ bieten sich verschiedene Förderungsmöglichkeiten. Bayerische Unis vergeben Stipendien an FHler, die sich für die Doktorarbeit qualifizieren.

Auch Baden-Württemberg unterstützt Absolventen von Fachhochschulen und Berufsakademien während des Eignungsfeststellungsverfahrens. Info beim Wissenschaftsministerium unter 07 11.2 79-33 38

Eine Reihe von Stiftungen greift Doktoranden unter die Arme.

Friedrich-Ebert-Stiftung, 02 28.88 30,

Konrad-Adenauer-Stiftung, 0 22 41.2 46-4 77

Friedrich-Naumann-Stiftung, 03 31.70 19-4 10.

Cusanuswerk, 02 28.9 83 84-35,

Evangelische Studienwerk, 0 23 04.7 55-2 18

Studienstiftung des Deutschen Volkes, 02 28.82 30 96-0.

Einen Überblick über die größten Geldgeber gibt die Serie Stipendien in den vorigen drei Ausgaben von Junge Karriere. Bestellung unter 01 80.2 78 27 82

Alternative Auswandern

An britischen Universitäten bleibt FHlern die Nachqualifizierung oft erspart. Betreut werden die Doktoranden von einem Professor an ihrer Fachhochschule in Deutschland. Regelmäßig reisen sie zum ausländischen Doktorvater. Auch möglich: Wohnsitz verlegen und Doktorarbeit im Rahmen eines Graduiertenprogramms im Ausland schreiben. Infos über Partnerunis geben die Fachbereiche und die akademischen Auslandsämter an der heimischen FH. Zur Anerkennung von ausländischen Titeln informiert die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen der Kultusministerkonferenz

zab@kmk.org

Promotionen im Ausland fördert der Deutsche Akademische Austauschdienst

www.daad.de
Die 20 Top Unis

Wer als FH-Absolvent auf den Doktorhut zielt, sollte sich die Uni gut aussuchen. Ansgar Keller von der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft hat 180 Fachbereiche an 60 Hochschulen unter die Lupe genommen und auf ihre Zugangsfreundlichkeit geprüft. Grundlage seiner Studie sind die Promotionsordnungen der jeweiligen Fakultäten. Kriterien wie Diplomnote, Teilnahmepflicht an Seminaren und Mindestnoten im so genannten Eignungsfeststellungsverfahren flossen in die Benotung ein.

So bietet der Spitzenreiter, die Uni Halle-Wittenberg, sowohl Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern als auch Geistes- und Sozialwissenschaftlern sehr gute Chancen. Faire Konditionen erwarten FH-Promovenden auch an der technischen und der philosophischen Fakultät der Uni Erlangen-Nürnberg. An der TU Hamburg-Harburg sind die Zugangsbedingungen vor allem für Absolventen der Ingenieurwissenschaften passabel: Architektur, Bauingenieurwesen, E-Technik, Informatik, Maschinenbau, Verfahrenstechnik.

Die Hitliste der 20 FH-freundlichsten Unis ergibt sich aus den Durchschnittswerten der untersuchten Fachbereiche einer Universität. Das Gesamtranking ist Barometer dafür, wie offen eine Uni generell gegenüber FHlern ist. Über die Zugangsbedingungen in einzelnen Disziplinen informiert Keller in seiner Studie via Fachgruppen-Rankings und Auszügen aus den einzelnen Promotionsordnungen

FH-Promovenden willkommen: Die 20 top-Unis

(1) Uni Halle-Wittenberg
(2) Uni Erlangen-Nürnberg
(3) TU Hamburg-Harburg
(4) Uni Bayreuth
(5) Uni Oldenburg
(6) Uni Hildesheim
(7) Uni Göttingen
(8) Uni Potsdam
(9) Uni Magdeburg
(10) HU Berlin
(11) TU Freiberg
(12) Uni Regensburg
(13) HWP Hamburg
(14) Uni Duisburg
(15) TU Berlin
(16) Uni Bremen
(17) Uni Kiel
(18) Uni des Saarlandes
(19) Uni Düsseldorf
(20) Uni Kassel

Quelle: Ansgar Keller, Promotionsmöglichkeiten von Fachhochschulabsolventen an Universitäten

Dieser Artikel ist erschienen am 28.03.2003